In Washington will man nach dem missglückten Putschversuch den nahöstlichen NATO-Brückenkopf Türkei nicht verlieren. Bidens Besuch bei Erdogan und die US-Unterstützung für die türkische Invasion in Syrien waren wohl erst der Anfang.

 

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Der türkische Präsident pokert gerne und dazu noch hoch. Das geopolitische Pokerspiel mit den Vereinigten Staaten scheint Recep Tayyip Erdogan derzeit auch noch zu gewinnen. Sein Vorteil sind einige geostrategische Asse im Ärmel, die er jederzeit ausspielen kann. Als «man in the middle» spielt er derzeit zudem Washington und Moskau gegeneinander aus und scheint damit auch noch durchzukommen.

 

Einerseits zeigt die faktische 180-Grad-Drehung Erdogans in Sachen Russland und der syrischen Regierung, dass er außenpolitisch sehr flexibel und «situationselastisch» sein kann. Andererseits weiß er auch, dass die US-Eliten die Türkei als strategischen Brückenkopf im Nahen Osten brauchen und die zwischenzeitliche Wiederannäherung Ankaras an Moskau vor allem Druck auf Washington aufbauen soll, damit diese die Auslieferung von Prediger Gülen durchziehen.
 

Opfer dieser geopolitischen Manöver sind hierbei vor allem die Kurden in Syrien, die zuvor von den syrischen Regierungstruppen weitestgehend in Ruhe gelassen wurden, weil man sich arrangierte und die aus Washington mit Waffen und anderem Kriegsgerät versorgt wurden, weil sie eine der effektivsten Kräfte gegen den «Islamischen Staat» und diverse dschihadistische Gruppen sind. Nun bekommt Erdogan seinen Willen und die türkische Armee kann die PKK (bzw. deren syrisches Pendant) direkt auf syrischem Boden bekämpfen – neben dem IS natürlich, der seinem «Herrchen» genüsslich in die Hand biss.
 

Interessant hierbei ist jedoch, wie offen rücksichtslos Washington agiert. Gut, Moskau kennt in Sachen Geopolitik auch kein Pardon, wenn es um die Erreichung von Zielen geht – doch wie verschlagen und rücksichtslos die Amerikaner agieren (und das in aller Offenheit), ist schon ein Fall für sich. Denn während der Kreml zumindest keine öffentlichen Einwände gegen die türkische Bodenoffensive in Nordsyrien mehr äußerte, kamen Weißes Haus und Pentagon gleich schon mit Luftunterstützung und «Militärberatern» an, und halfen den Türken auch noch direkt dabei, die kurdischen Milizen unter Beschuss zu nehmen. Biden forderte die Kurden sogar dazu auf, eroberte Gebiete aufzugeben und auf ihre eingeforderte Autonomie zu verzichten. Das ist ein direkter Verrat an den bisherigen Verbündeten durch Washington, während Moskau sich ja bislang eher indirekt mit den kurdischen Einheiten verbündet hatte – und das eigentlich auch nur deshalb, um Ankara eins auszuwischen, nachdem diese sich so feindselig verhielten.
 

Auf jeden Fall zeigt es sich, dass Washington die Türkei unbedingt wieder auf die Seite der NATO ziehen möchte. Erdogans politischer Tanz mit Putin war für den türkischen Präsidenten bislang erfolgreich. Und auch wenn die USA den Prediger Fehtullah Gülen eigentlich nicht ausliefern wollen, so könnten sie ihn durchaus opfern. Allerdings: Sollte Gülen zu tief im CIA-Sumpf verstrickt sein, ist es wahrscheinlicher, dass der ohnehin schon gesundheitlich angeschlagene islamistische Prediger «plötzlich» vor der Auslieferung an die Türkei verstirbt.
 
Übrigens: Besonders interessant ist das Datum des türkischen Einmarsches in Syrien. Denn am 24. August 1516 – also vor genau 500 Jahren – konnte das Osmanische Reich die Schlacht von Mardsch Dabiq gegen die Mamluken für sich entscheiden. Damals fiel ganz Syrien unter die osmanische Herrschaft. Wenn das mal kein Zufall ist?

 

Von Marco Maier