Sie sind die stärkste Waffe im Kampf gegen den IS, doch nun lässt Washington die Kurden im Stich. Die Amerikaner beugen sich damit der Türkei. Paradoxerweise profitiert vor allem die Terrormiliz.

 

Es gab lange Schlangen vor den Ständen, an denen die türkische Nationalflagge kostenlos verteilt wurde. Das Fahnenmeer war entsprechend groß, als Recep Tayyip Erdogan auf die Bühne trat und sich wieder einmal wie ein Volkstribun feiern ließ. «Unsere Operationen gegen den Terrorismus werden bis zum Ende durchgeführt», verkündete der türkische Präsident vor Tausenden von Besuchern seiner Kundgebung am Sonntag in Gaziantep. Der Applaus war überwältigend, hatte es doch erst vergangene Woche in dieser Stadt einen verheerenden Selbstmordanschlag auf eine Hochzeitsfeier mit 54 Toten gegeben.

 

Gaziantep liegt auch nicht weit von Dscharablus entfernt. Den syrischen Grenzort hatte die türkische Armee gemeinsam mit Rebellengruppen aus dem Nachbarland am Mittwoch vom Islamischen Staat (IS) zurückerobert. Unter großem Jubel der begeisterten Menge versicherte Erdogan, der Türkei gehe es in Syrien nicht alleine um den Kampf gegen den IS. Auch den kurdischen Terroristen müsse man mit Härte und Entschlossenheit entgegentreten.

 

Und genau das macht die Türkei. Unter «kurdischen Terroristen» versteht der türkische Präsident die Miliz der YPG. Sie stellt den Hauptteil der Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF).

 

Diese multiethnische Militärallianz, an der auch Araber, Assyrer und Turkmenen beteiligt sind, hat den IS in Syrien an den Rand einer Niederlage gebracht. Erst Mitte August konnte die IS-Stadt Manbidsch erobert werden. Über 400 SDF-Kämpfer starben bei der Rückeroberung des strategisch wichtigen Ortes, die zwei Monate dauerte.

 

Unterstützt wurden sie durch US-Luftangriffe und amerikanische Militärberater am Boden. Nun wird ausgerechnet die Allianz, die den IS am erfolgreichsten von allen bekämpft hatte, von der Türkei und ihren syrischen Hilfstruppen angegriffen. Und die USA scheinen die SDF, ihren Partner im Kampf gegen den IS, einfach im Stich zu lassen. Dazu passen auch die jüngsten Äußerungen des US-Verteidigungsminister Ashton Carter. Diese forderte am Montag in Washington Türkei und Kurden auf den IS zu bekämpfen und nicht sich gegenseitig — wohlwissend, dass die Türkei strategisch in einer ganz anderen Position ist als die SDF.

 

Und so verwirklicht die Türkei nebenbei noch einen ganz anderen Plan: die Errichtung einer Pufferzone im Norden Syriens. Dass dabei große Nachteile im Kampf gegen den IS entstehen, spielt offensichtlich keine Rolle.

 

 

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