Erdogans Versuch, die Türkei zu einem neoosmanischen Sultanat umzubauen, wird immer wieder kritisiert. Doch man kann das Land und dessen Menschen nicht einfach mit jenen Westeuropas vergleichen und dieselben Maßstäbe anlegen.

 

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Der Republikgründer, Mustafa Kemal Pascha, auch Atatürk – Vater der Türken – genannt, wollte die Türkei zu einem westlich orientierten und laizistischen Land umformen. Doch ein muslimisch geprägtes Land, welches zudem für Jahrhunderte eine Großmachtrolle inne hatte, lässt sich nicht einfach so umdrehen. Gut 80 Jahre nach der Umformung des Landes, im Jahr 2002, begann die sukzessive Rückabwicklung des kemalistischen Systems durch Recep Tayyip Erdogan und dessen islamisch-konservativen AK-Partei.

 

Dass dies so kommen musste, war eigentlich logisch. Man kann einem Volk zumindest langfristig keine Staatsform überstülpen, die gar nicht mit den eigenen kulturellen und religiösen Werten übereinstimmt. Die Kemalisten konnten zwar das Kopftuch und den Niquab aus dem öffentlichen Leben der Städte verbannen und die Moscheen von der staatlichen Religionsbehörde kontrollieren lassen, doch in diesem Umfeld konnten konspirative religiöse Netzwerke wie jene der «Gülenisten» gedeihen, mit denen Erdogan ja auch einige Zeit lang zusammenarbeitete.
 

«Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.» – Dieses Zitat aus einem Gedicht von Ziya Gökalp, welches Erdogan öffentlich in einer Rede verwendete, brachte ihm 1998 eine Gefängnisstrafe und ein lebenslanges Politikverbot ein, wobei Letzteres durch den Wahlsieg seiner im Jahr 2001 gegründeten AKP im Jahr 2002 aufgehoben wurde.
 

Seitdem konnten Erdogan und dessen AKP stets rund die Hälfte der türkischen Wahlbevölkerung (mal etwas mehr, mal etwas weniger) für sich gewinnen. Der jüngste Putschversuch, der auf dem Mist der von der CIA unterstützten Gülenisten gewachsen sein könnte, hat jedoch dazu geführt, dass einerseits die Unterstützung für Präsident Erdogan in der Bevölkerung massiv anstieg – und selbst Kemalisten für ihn demonstrieren – und dieser nun Dank der Vollmachten der Notstandsgesetzgebung und des Supports der kemalistischen Parteien CHP und MHP sogar seinem Traum einer Präsidialrepublik näher kommt als je zuvor.
 

Für die Europäer mag dies eine Rückentwicklung sein, die zeigt wie wenig dieser Staat in das westeuropäische System passt – doch eine moralische Verurteilung ist hier völlig fehl am Platz. Man kann die sunnitisch-islamisch geprägte Türkei nicht einfach mit der von katholischen und protestantischen Werten geprägten Länder der Europäischen Union vergleichen. Wir können nicht hingehen und unsere Wert- und Moralvorstellungen, unsere Auffassungen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf ein Land wie die Türkei übertragen, welches einen völlig anderen religiösen und kulturellen Hintergrund aufweist.
 

Doch der westliche Kulturimperialismus beginnt stets nach eigenen Maßstäben zu werten und damit alles was anders ist gleich abzuwerten. Dies allerdings ist abzulehnen. Man kann die innenpolitischen Vorgänge in der Türkei durchaus kritisieren, dennoch ist es eine Sache der türkischen Bevölkerung welche Form der Politik sie haben möchten. Wo man allerdings scharfe Kritik üben kann: die Außenpolitik. Diese betrifft nämlich auch Europa und die Nachbarländer. Doch hierbei zu differenzieren scheint – zumindest bei den westlichen Medien und Politikern – kaum in Mode zu sein.

 

Von Marco Maier, Contra Magazin