Zwölf Monate «Wir schaffen das» haben Deutschland für immer verändert. Die einen wurden zu Flüchtlingshelfern, die anderen zu Hetzern. Und die Kanzlerin erlebte einen beispiellosen Ansehensverlust, schreibt «Die Welt».

 

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Still klingt das Jahr aus im Berliner Regierungsviertel. Vorm Kanzleramt liegt Schnee, Christbäume erleuchten die menschenleeren Straßen und Plätze. Angela Merkel trägt ein festlich rotes Kostüm – an Silvester spricht die Kanzlerin zum Fernsehvolk, so ist es Tradition. Doch im wilden Jahr 2015 ist es mit den üblichen Floskeln nicht getan. Hinter ihr liegen die turbulentesten Monate ihrer Amtszeit. Hunderttausende von Migranten sind im Herbst gekommen, weitere Millionen unterwegs ins gelobte Land. Viele von ihnen nennen die Kanzlerin «Mama Merkel».

 

Im Sommer wurden sie mit Teddys beworfen, beklatscht, gefeiert. Eine bürgerliche Hilfsbereitschaft ohnegleichen sprang für den überforderten Staat ein, und die Welt staunte. Deutschlands «freundliches Gesicht», so nannte das die Kanzlerin, nachdem sie am 4. September die Grenzkontrollen außer Kraft gesetzt hatte. Nun rühmt sie in ihrer Neujahrsansprache noch einmal die «überwältigende» und «bewegende Welle spontaner Hilfsbereitschaft» im Land.

 

Doch das Bild der freundlichen Nation hat Risse bekommen, die Stimmung ist schlecht. Bürgermeister fragen sich, wie man die Massen unterbringen, wie das alles zu schaffen sein soll. Die Sorge dringt auch ins Kanzleramt durch. Angela Merkel weiß, sie muss dazu etwas sagen. Sie sagt:

 

«Es steht völlig außer Frage, dass der Zuzug so vieler Menschen uns noch einiges abverlangen wird.» Aber auch von «unseren Werten, unserer Tradition, unserem Rechtsverständnis, unserer Sprache, unseren Gesetzen, unseren Regeln» spricht sie – und hebt sachte den Zeigefinger: «Das gilt für jeden, der hier leben will.»

 

Und doch bleibt sie bei ihrem Mantra, ergänzt um den Appell an den Macherstolz der Nation:

 

«Wir schaffen das, denn Deutschland ist ein starkes Land.» Ende der Ansprache.