In Kiew machen sich Vorhaben gegen den steigenden Ukraine-Faschismus bemerkbar. Der russische Militärkanal Swezda berichtet von einer Unterschriftenaktion gegen die Umwidmung einer Straße zu Ehren des Ukrainischen Nationalisten und Milizen Stepan Bandera, der 1959 in München durch einen KGB-Agenten getötet wurde. In der bayrischen Landeshauptstadt ist sein Grab Pilgerort für Nationalisten aus der Ukraine.

 

1456911882_ddb23b1c7d9910c3d9cbef492fdadede

 

 

Vor zwei Jahren beklagte der italienische Kolumnist der Mailändischen Wochenzeitschrift L´Espresso Nicolas Lilling über den „Nazi-Weg“ in der Ukraine, den die Ukraine nach seinen Wahrnehmungen mit Stolz ebneten. Der Korrespondent für Kiew sah im Jahre 2014 wie der Führerkult und der Nationalismus in der Ukraine ihren Höhepunkt erreichten. Immer wieder tauchen rechte Aktivisten mit schwarz-roter Fahne, Fackel und Bandera-Portrait auf und huldigen ihren Toten Helden, dessen Grab sich nach wie vor in München befindet, das gerne von rechten Kräften in München als Pilgerort dient und man sein Grab mit Abzeichen des faschistischen Bataillons Azow ziert.

 

Für Anhänger des Exil-Politikers ist Bandera ein Freiheitskämpfer und Patriot. Für seine Gegner ist er aber ein Nazi-Kollaborateur und ein Faschistenführer, dem zahlreiche Massentötungen vorgeworfen werden. Für die Sowjetunion war Bandera auch im Exil ein Dorn im Auge und wurde zum Abschuss freigegeben. Erschossen wurde Bandera am 19 Oktober 1959 vor seiner Wohnung in München durch den KGB-Agenten Bogdan Stachinski, der nach dem Mauerbau nach Westdeutschland übersiedelte und sich den Behörden stellte.

 

Bandera und andere rechte Politiker, mal mehr und mal weniger extremistisch angehaucht, waren für den neugeschaffenen Nachrichtendienst BND, der von Reinhard Gehlen geleitet wurde politisch nützlich gewesen. Anfang 2016 berichtete Contra Magazin unter Berufung auf die durch den Freedom of Information Act freigegebenen CIA-Dokumente, ein pro-faschistisches Netzwerk in der Ukraine unterhielt. Die waren als politische Söldner vor Ort nützlich , die im Kalten Krieg einen Stellvertreter-Krieg in der Ukraine führten.

 

Auch der BND war dem CIA sehr nützlich und sachdienliche, weswegen schon in der „Organisation Gehlen“ in Anspruch genommen wurde. Gehlen wurde auch mit der Aufgabe betraut, das deutsche Staybehind-Netzwerk aufzubauen und den verdeckten Kampf ausbilden. Ukrainische Partisanen wurden im Nachkriegsdeutschland von den ängelsächsischen Diensten in Fallschirmspringen, Sabotage und Partisanenkampf geschult. Gehlen und sein BND waren in der Informationsgewinnung für die Amerikaner von kardinaler Bedeutung.

 

Das hängt damit zusammen, dass Generalmajor Gehlen mit den Amerikanern und Briten lange verhandeln musste, bis sie ihm die erforderliche Unterstützung des BND, der 1956 in Pullach seinen Dienst aufnahm, zusagten. Gehlen diente im Zweiten Weltkrieg als Generalstabsoffizier als Leiter der Aufklärungsabteilung Fremde Heere Ost (FHO) im Heeresstab des Oberkommandos der Wehrmacht. Seine Aufgabe war neben der Feindaufklärung auch die Aufgabe zugewiesen Verbündete im Krieg gegen die Sowjetunion im Feindesland zu führen. Ein fremdes Heer bildete die russische Befreiungsarmee von General Andrej Wlassow, der zusammen mit den Deutschen Armeen gegen die Bolschewisten der Roten Armee kämpfte und 1946 hingerichtet wurde.

 

Bandera lebte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in München, wo er politisches Asyl bekam und mit vielen Exil-Politikern aus der Ukraine neue Allianzen suchte. Exilpolitiker aus der Ukraine waren für die Dienste der Westmächte sehr hilfreich und neben einzelnen Kommando-Operationen beschränkte sich der BND als Nachrichtendienst auf den hybriden Krieg in Form von Propaganda und Zersetzung. Bandera war in München als Publizist tätig und solange er seine Schriften nicht in Deutschland, sondern in der Ukraine propagierte gab es keine Probleme mit den deutschen Diensten.
 
Nachdem sich der KGB-Agent Stachisnki stellte und den Mord an Stachinski und einen ukrainischen Arzt gestanden hat, lieferte das Urteil und die Festellung der Bundesrichter, dass der Agent lediglich wegen Beihilfe bestraft wurde, weil aus Karlsruher Sicht der Kreml und sein KGB in der Lage ist seine Leute in München derart steuern können, dass sie selbst von München aus per Knopfdruck ihre Ziele mit Blausäure vergiften. Die Gerichtsakten zum Fall waren für Gehlen amtliche Bestätigungen für seine antikommunistische Haltung, aus die der „Mann ohne Gesicht“ keinen Hehl machte. Solche Urteile sind wertvolle Munition im Informationskrieg, wo Schlachten mit dem Schwert der Propaganda geschlagen wurden.

 

Im Übrigen wurden Wlassow und Bandera in den Memoiren des Generalmajors als Beispiel für die Grausamkeit und Perfidie der Sowjetunion genommen. Ähnlich wie heute führte der Westen einen hybriden Krieg, wo die Ukraine als Schauplatz für einen Stellvertreter-Krieg zwischen West und Ost fungierte. Der Proxy-Krieg in der Ukraine begleitete den BND also in seiner gesamten Anfangsphase und der Faschismus spielte in den späten 1970er Jahren kaum noch eine Rolle in der Ukraine. Erst Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges kam es zunächst im ehemaligen Staatsgebiet der DDR und später auch in Polen zu einem Wiedererstarken der extremistischen Rechten.

 

In der Ukraine trat das Phänomen erst während der Orange Revolution im Jahre 2004 wieder in wahrnehmbarer Erscheinung und mit den Jahren stieg die Zahl der Anhänger des rechten Sektors, der sich bis 2014 immer weiter radikalisierte. Ein Problem über das der Westen während der Maidan-Umstürze kaum sprach. Zeitweise wurde der Faschismus in der Ukraine verleugnet und verniedlicht, wenngleich es damals wie heute sicher auch gemäßigte ukrainische Patrioten gab, die sich aber wie damals in München und heute in Kiew sehr untereinander zerstritten sind, dass in Kiew der Fememord nicht aus der Mode gekommen ist, während die barbusigen Femem-Protestler immer seltener von sich reden machen.

 

Militärs und Politikwissenschaftler beschreiben die Vorgänge in der Ukraine als einen hybriden Krieg, wo auch Elemente der asymetrischen Kriegsführung zu erkennen sind. Der gelernte Artillerist Gehlen war auch ein Befürworter der hybriden Kriegsführung, wenngleich er in seinen Erinnerungen die chinesische Kriegskunst zitierte, auf die letzlich die Theorie der hybriden Kriegsführung zurückzuführen ist. Der preußische Militärwissenschaftler und Clausewitz der den Krieg gerne als die Fortführung der Politik mit anderen mitteln abstrahierte, würde den hybriden oder die Kriegsführung von heute als die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln beschreiben. Die antike chinesische Kriegskunst von Sun Tsu sowie die 36 Strageme sehen die höchste Kunst darin den Widerstand des Feindes ohne Kampf auf dem Schlachtfeld zu brechen. Stattdessen soll man die Vertreter der herrschenden Schichten in verbrecherische Unternehmungen verwickeln, die öffentliche Schande vor ihren Mitbürgern preisgeben und vor allem Uneinigkeit und Streit unter den Bürgern des feindlichen Landes durchführen. Auch das verbreiten von Propaganda und Desinformationen ist hier eine Handlungsform.

 

Seit dem Maidan-Umsturz könnte man vieles davon in der Ukraine beobachten und die Propaganda der leitenden westlichen Medien, die stets Russland hybride Kriegsführung unterstellen und gleichzeitig den eigenen Informationskrieg mit stümpferhaften Falschmeldungen führt, konterkariert das Agieren der Politik auf dem hybriden Kriegsschauplatz Ukraine, der durch gut organisierte Massendemonstrationen seinen Anfang nahm und in Sträßenkämpfe, Fememorde in einen Bürgerkrieg im Osten des Landes entfacht hat, der weit über 9000 Opfer eingefordert hat. Die Studentenproteste auf dem Maidanplatz in Kiew, die zu einer Massendemonstration ausartete und 100 Menschen tötete, fingen auch verhältnismäßig klein an.
 
Ähnlich wie es mit der Renaissance der Banderisten vor etwa 10 Jahren angefangen hat. Es bleibt abzuwarten wie der politische Meinungskampf um die Figur Bandera, der auf Wikipedia1 als „prominenter ukrainischer nationalistischer Politiker“ eingeleitet wird. Im Übrigen sieht auch das benachbarte Polen die neuerliche Verherrlichung von Bandera mit Besorgnis entgegen und verabschiedete im Sommer eine Resolution über die Anerkennung des Völkermord an Polen durch die UPA und Banderas OUN durch den Sejm verabschiedet, die zu Verstimmungen und Zerwürfnissen mit der Ukraine führte. Contra Magazin berichtete im Juli über die Abstimmung im Sejm sowie im Januar über die Kollaboration zwischen den Diensten der Westmächte, allen voran BND und CIA, mit den rechten Exilpolitikern aus der Ukraine, deren Streitigkeiten und Fememorde untereinander den Staatsschutz auf Trab hielt.

 

In gut vier Wochen jährt sich am 19 Oktober wiederum Banderas Todestag, ob die Anzahl der Pilger abnimmt und die Zahl der Proteste gegen Bandera in Kiew zunehmen werden bleibt zu beobachten. Im Übrigen ist das Grab von Bandera in München immer wieder ein Pilgerort für die andere Seite, die dort das Grab und die Totenruhe Banderas stören und die Gedenksteine mit der roten Farbsprühdose sowjetischer Symbolik an die Grabsteine sprühen.

 

 

Von Christian Lehmann