Welche außenpolitischen Folgen sind zu erwarten, wenn Donald Trump die US-Präsidentenwahl gewinnt und versucht, allen zu zeigen, dass die USA kein Papiertiger seien? Mit dieser Frage beschäftigt sich der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow.

 

Lukjanow schreibt in einem Gastbeitrag für die „Rossijskaja Gaseta“:

 

„Von seinen außenpolitischen Instinkten her (Ansichten hat er eher keine) ist Trump zu einer milden Version des Isolationismus geneigt. Genauer gesagt, lehnt er den Interventionismus resolut ab, der nach dem Kalten Krieg zu einem Axiom der US-Politik mutiert war.“

 

Bei Trumps Ansatz handelt es sich laut Lukjanow um das sogenannte „Offshore Balancing“:

 

„Demnach sollen amerikanische Kräfte nur dort direkt angreifen, wo die US-Interessen offensichtlich und unmittelbar betroffen sind. Ansonsten sollen potenzielle Rivalen der USA einander eindämmen.“

 

„Die dominierende Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt wird von Trump allerdings nicht in Zweifel gezogen. Es geht nur darum, wie diese Rolle gesichert werden soll (…) Trump wirft Obama Nachgiebigkeit und Gefügigkeit vor und sagt, dessen Politik ständiger Entschuldigungen untergrabe den Glauben an Amerikas Handlungsfähigkeit“, heißt es im Kommentar.

„Generell hat Trump nichts gegen die Anwendung von Gewalt – er will sie bloß nicht für ideologische Zwecke anwenden (für die Durchsetzung der Demokratie, für Regimewechsel in Drittstaaten usw.). Wenn man aber allen zeigen muss, wer der Herr im Haus ist, hält Trump eine Machtdemonstration für naheliegend. Ohne jene Political Correctness, die dem liberalen Establishment eigen ist, redet der Milliardär von den nationalen Interessen der USA in einem sehr direkten merkantilistischen Sinne (‚dem Irak sein ganzes Öl nehmen‘)“, so Lukjanow.

 

Worauf Trumps Versuche hinauslaufen werden, bleibe noch unklar. Ebenso stehe nicht fest, in welchen Bereichen seine Ansätze zum Vorschein kommen werden.

„Seine Rhetorik im Wahlkampf, aber auch in seinem Buch, das vor fünf Jahren erschienen war, ist betont antichinesisch. Im Fall seiner Machtergreifung wird Trump offenbar versuchen, Russland zu einer taktischen Allianz gegen China zu bewegen, das er als deutlich größere Gefahr für Amerika betrachtet. Zwar ist eine solche Allianz angesichts der immer tiefer werdenden russisch-chinesischen Beziehungen ausgeschlossen, doch das Spiel im Dreieck Washington-Peking-Moskau ließe sich im Prinzip feiner gestalten. Andererseits ähnelt Trump nicht besonders einem Menschen, der zu Feinheiten geneigt wäre“, so der Kommentar weiter.

 

„Einen ebenso harten Ansatz schlägt Trump auch gegenüber dem Iran vor. Vor allem geht es dabei um einen bedingungslosen Verzicht auf die Atom-Vereinbarungen aus dem Jahr 2015. Falls diese Sichtweisen in die Tat umgesetzt werden, könnte sich das Ergebnis als interessant erweisen: Es könnte zu einem weiteren Schulterschloss eurasischer Mächte gegen das kommen, was sie als aggressiven (nicht etwa ideologischen, sondern eher rein geopolitischen und geowirtschaftlichen) US-Druck wahrnehmen werden“, prognostiziert Lukjanow.

 

Im Nahen Osten werde es dagegen mehr Chancen geben, die russisch-amerikanischen Vereinbarungen zu Syrien auszubauen. Denn Trump habe sich mehrmals gegen ein aktives US-Engagement in den syrischen Angelegenheiten ausgesprochen und werde diese Bürde gern teilen, hieß es.

„Der US-Präsident ist kein Alleinherrscher. Falls Trump gewählt wird, wird er seine Bestrebungen dem Washingtoner Politik-Kontext anpassen müssen. Die Außenpolitik ist aber ein Bereich, wo das Weiße Haus am meisten Befugnisse hat, während die Persönlichkeit des jeweiligen Präsidenten am deutlichsten darauf abfärbt. In diesem Sinne ist es wichtig, dass sich Donald Trump sein ganzes Leben mit kommerziellen Großdeals beschäftigt hatte. Seine Denkweise ist also geschäftlich. Für die russische Staatsführung, die zu Realpolitik geneigt ist, ist ein solcher Ansatz verständlich. Dieser funktioniert allerdings nur zum Teil. Die große Politik ist kein Business – nicht alles lässt sich kaufen und verkaufen. Es ist nicht vorhersagbar, wird Trump reagieren wird, wenn er darauf stößt, dass etwas weder zum Kauf noch zum Tausch steht“, schreibt Lukjanow zum Schluss.

 

Übersetzung: Sputniknews