Jürgen Todenhöfer ist nach Syrien gereist und hat mit einem Kommandeur der Al-Nusra Front gesprochen. Die Welle, die dieses Interview geschlagen hat war groß– Todenhöfer habe gar nicht mit Al-Nusra gesprochen, waren sich Skeptiker einig. Daniela Hannemann sprach mit ihm über die Situation in Syrien und seine Mission vor Ort.

 
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Herr Todenhöfer, nachdem Sie Ihr Videointerview mit einem Kommandeur der Al-Nusra Front in Syrien veröffentlicht haben, wurde eine ganze Welle von Reaktionen losgetreten. Unter anderem haben Kritiker behauptet, Sie hätten gar nicht mit Al-Nusra gesprochen. Wie begegnen Sie solchen Vorwürfen?

 

Wir wussten vorher, bevor wir das Interview gemacht haben und es auch ausgestrahlt haben, dass es heftige Reaktionen geben würde. Bei Dschabhat Al-Nusra und bei Al-Kaida und das es selbstverständlich auch Reaktionen geben würde bei allen, die eine Mainstream-Politik des Westens im Mittleren Osten unterstützen. Ich glaube, ein Großteil der Kritiker möchte von zwei Dingen ablenken: Erstens von der Problematik von Waffenlieferungen in den Mittleren Osten, die eigentlich unstrittig sind. Amerika liefert Waffen, Frankreich, England und auch Deutschland liefert Waffen in den Mittleren Osten. Ich halte das für hochproblematisch und denke, dass es diskutiert werden muss. Mit den Waffen werden dort keine Feuerwerke veranstaltet, sondern mit den Waffen wird Krieg geführt.

 

Das zweite Thema ist, dass ich nicht nur mit diesem Interview, sondern auch mit anderen Stellungnahmen, die ich jetzt von meiner Syrienreise wieder mit zurückgebracht habe, das Weltbild des Mainstream störe. Dieses Weltbild besteht darin, dass man sagt, in Syrien führt im Grunde nur eine Seite Krieg, nämlich die Regierung und die Russen. Aber wenn das wahr wäre, dass es nur von einer Seite ausgeht, dann wäre dieser Krieg längst beendet. Die Wahrheit ist, dass zwei Seiten einen brutalen Krieg gegeneinander führen.
 

 

 

Wie war Ihr Eindruck von dem Mann, mit dem Sie gesprochen haben? War er ruhig und selbstsicher oder eher nervös? Wie war die Stimmung, als Sie in diesem Interview selber waren?

 

Wir wussten erst gar nicht, ob wir Tonaufnahmen machen konnten, ob wir filmen konnten. Wir haben uns erst unterhalten und als mein Sohn dann nachgefragt hat, ob er filmen durfte und er dann nickte und auch stolz war, dass er interviewt werden durfte, hat mein Sohn schnell die Kamera aus dem Auto geholt. Das heißt, es war ein ruhiges Gespräch. Am Anfang hat es viel Stress gegeben, weil unser Fahrer geglaubt hat, dass wir in eine Falle gelockt wurden, weil wir plötzlich von maskierten Kämpfern umgeben waren. Aber das Gespräch war sehr ruhig und der Mann ist kein Politiker, kein Salafist oder ein sehr religiöser Mensch, das ist ein Kriegsknecht, der schon mindestens für zwei Rebellengruppen gekämpft hat. Eiin Feldkommandeur, der vielleicht über zweihundert Leute verfügt. Der aber eben, weil er kein Politiker ist, die Sachen die er weiß, offen ausspricht.
 

 

Er sagt nicht einmal, ich habe die Waffen direkt von den Amerikanern bekommen, sondern er sagt, wir haben direkt amerikanische Waffen bekommen. Also ob da noch ein Land oder eine Organisation dazwischen ist, das sagt er nicht, aber diese Sachen sind ja eigentlich unstrittig. Jeder weiß, dass die Amerikaner und auch andere Länder Waffen an die Rebellen liefern, sie sagen dann, sie liefern Waffen an die gemäßigten Rebellen und jeder weiß, dass dann anschließend ein Teil dieser Waffen an radikale Rebellen, an Terroristen weiter gegeben werden.
 
Es gibt ja auch die Meinung, dass man in Syrien in der allgemeinen Wahrnehmung unterscheidet zwischen den „bösen Bomben“ der Russen und den „guten Bomben“ der Amerikaner. Teilen Sie diese Ansicht oder was sagen Sie generell zu den dort vorherrschenden Kräften – also brennt die Kerze sozusagen von beiden Seiten?

 

Ja natürlich, aber erstens möchte ich sagen, es gibt keine anständigen Kriege. Und ich halte auch Bombardierungen für falsch, egal wer sie macht, das macht für mich keinen Unterschied. Denn von einem Flugzeug aus können Sie überhaupt nicht erkennen, ob in einem Haus Rebellen, Terroristen oder Zivilisten sind — und dadurch ist ein Großteil der Opfer zivil. Und deswegen bin ich gegen Bombardierungen, aber ich sage auch, wenn nur eine Seite Krieg führen würde, dann wäre dieser Krieg längst zu Ende.
 
In West-Aleppo,  wo die Regierung herrscht, sind seit dem Bruch des Waffenstillstandes im Übrigen auch über hundert Menschen getötet worden. Nur innerhalb der letzten 14 Tage. Darüber spricht hier kein Mensch. Das heißt, auch die Rebellen schießen zurück und es gibt einen ganz einfachen Beweis dafür, dass beide Seiten mit derselben Brutalität kämpfen. Das belegen die Zahlen der Opposition nahestehenden Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London. Die sind nah bei der Opposition und nach deren neusten Zahlen haben die meisten Opfer in Syrien die Pro-Regierungskräfte mit 105 000 Toten, dann gibt es 101 000 Rebellen und es gibt 87 000 Zivilisten, die getötet worden sind. Bei 120 000 Toten kann die Beobachtungsstelle das nicht mehr genau dokumentieren. Und das heißt auch, dass die Berichterstattung, die wir hier im Westen über diesen Krieg bekommen, völlig falsch und einseitig ist und dass die Berichterstattung ein Teil des Skandals ist. Wenn dann jemand so wie ich hingeht und fragt und Antworten bekommt wie: „Aber natürlich kriegen wir Waffen von den Amerikanern, auf welchen Wegen auch immer“ — dann gibt es natürlich ein riesiges Geschrei. Weil der Westen nicht will, dass sein Weltbild, also — hier die guten Bomben, da die bösen Bomben — gestört wird.

 

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Anti-Terror-Krieg in Syrien: Wer kämpft warum gegen wen?

 

Ist das auch Ihre Vermutung, warum ihr Interview im Nachhinein dann so auseinander genommen wurde?

 

Das wurde ja gar nicht auseinander genommen. Da stellen die Leute absurde Behauptungen auf. Zum Beispiel wird gesagt, die Dschabhat Al-Nusra Kämpfer, die seien nie rasiert und bei mir sind aber einige rasiert. Dschabhat Al-Nusra macht doch selbst Reklame mit jungen Leuten, die nicht rasiert sind. Das steht auch überall im Internet. Also manche sind rasiert und manche sind eben nicht rasiert. Und dann wird behauptet, ein Kämpfer von Al-Nusra, auch wenn er von anderen Organisationen kommt, trägt keinen goldenen Ring. Das ist so ein Quatsch. In Syrien tragen tausende von Menschen Goldschmuck und das ist ganz normal. Das sind sehr schwache Argumente, die völlig an der Realität in Syrien vorbei gehen und auf die man nur kommen kann, wenn man noch nie in Syrien im Krieg gewesen ist.
 
Ich kann jedem nur vorschlagen: Natürlich kann man Dinge besser machen als ich, aber der das besser machen möchte, soll zu Al-Kaida in das Niemandsland von Aleppo oder von mir aus auch nach Ost-Aleppo zu Al-Kaida gehen und es einfach besser machen. Und dieselben Leute haben mich ja auch schon kritisiert, als ich zehn Tage im Islamischen Staat war. Auch da sage ich: hinfahren, besser machen — und dann können Sie mitreden.

 

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Geschichte des islamistischen Terrorismus

 

Abschließend vielleicht noch eine Frage, Herr Todenhöfer: Werden Sie weiter nach Syrien fahren oder sagen Sie nach den letzten Erfahrungen, das reicht jetzt erstmal — oder ist das für Sie erst Recht ein Grund, weiter zu machen und solche Gelegenheiten, wenn sie sich bieten, beim Schopfe zu packen?

 

Also dass die Gegner protestieren, das ist in Ordnung. Meine Mutter hat immer gesagt „Der getroffene Hund bellt“. Und dass gebellt wird ist normal. Ich werde weiter nach Syrien gehen, denn ich hatte ein humanitäres Anliegen. Ich habe 80 Prothesen für syrische Kinder, die ihre Beine verloren haben, von dem Honorar meines letzten Buches finanziert. Ich versuche, den Leuten dort zu helfen und es gibt Menschen, die machen große Sprüche, die haben aber noch nie einem Syrer ihr eigenes Geld gegeben.
 
Ich bin gegen diesen Krieg, weil es keine anständigen Kriege gibt. Ich muss aber sagen, und das ist mir sehr wichtig, diese Unterstützung von Rebellen durch westliche Staaten ist völkerrechtswidrig. Das kommt einem Angriffskrieg gleich, das ist ein Kriegsverbrechen. Niemand hat das Recht, irgendwelchen Rebellenorganisationen in einem souveränen Staat Waffen zu liefern. Das ist verboten, es ist ein Verbrechen. Dass die, denen ich das vorwerfe, ein Verbrechen zu begehen, indem sie Rebellen und auch Terroristen, manchmal auch nur indirekt, mit Waffen zu beliefern, dass die dann aufschreien, ist völlig normal und, wenn Sie wollen, auch von mir beabsichtigt.

 

Ich möchte den Finger in die Wunde legen, ich möchte, dass darüber diskutiert wird. Ich möchte, dass die Leute nachdenken. Was wäre denn, wenn es in Deutschland Rebellen gäbe und ein ausländisches Land würde sie mit Waffen unterstützen? Wir würden sagen: „Das kommt doch nicht in Frage!“ In Syrien ist es komplizierter, weil auch die Regierung Kriegsverbrechen begeht, beide Seiten begehen Kriegsverbrechen, es gibt einfach keinen anständigen Krieg und deshalb muss man diesen Krieg beenden und bekämpfen und nicht sagen, Waffenlieferungen von unserer Seite sind gut, aber alles, was die anderen machen, ist nicht gut. Dieser ganze Krieg ist Scheiße!