Überraschend nüchtern klang am Dienstag die Stimme vom Geheimdienst-Veteran James Clapper. Auf einer Konferenz des CFR bezeichnete er den Übergang zu einer multipolaren Weltordnung als natürliche Entwicklung. In Russland wird diese Aussage aufmerksam verfolgt.

Auf einer Konferenz des einflussreichen Think-Tanks Council on Foreign Relations gab der Geheimdienst-Koordinator der USA, James Clapper, am Dienstag ehrliche Antworten auf die Fragen nach den Beziehungen der USA zu Russland und China.

Clapper sprach dabei mit dem prominenten TV-Moderator Charlie Rose über aktuelle politischen Fragen aus seiner professionellen Perspektive.  Neben Fragen zum amerikanischen Wahlkampf, der Cybersicherheit, der Strategie der USA im Nahen Osten und im Südchinesischen Meer behandelte er auch die grundsätzlichen Entwicklungen in der Weltpolitik.

Überraschend realistisch und unaufgeregt beurteilte Clapper die Bemühungen der aufstrebenden geopolitischen Mächte Russland und China nach ihrer Anerkennung als gleichberechtigte Partner. Anders als die US-Führung, die diesen Bestrebung immer wieder entgegenwirkt, erklärt Clapper:

Auf die Frage des Starjournalisten, ob Russland das Machtvakuum nutze, das entstehe, wenn die USA ihre Führungsrolle in der Welt einbüßen, wies der General tatsächlich auf die Grenzen der Macht seines Landes hin, solche «Tendenzen» zu unterbinden. Konkret hieß es in seiner in Russland bereits vielzitierten Anmerkung:

Ich bin mir nicht sicher, dass es sich hier um irgendein Vakuum handelt. Vielmehr haben wir mit einem natürlichen Gang der Dinge zu tun, den wir allerdings nicht immer beeinflussen können.

Das sagte Clapper zum Schluss des einstündigen Gesprächs. Bemerkenswert war, dass dieses bereits mit der traditionellen «Russland-Frage» anfing. Auch hier schlug der sonst für markante Sprüche bekannte General moderate, ja fast anerkennende Töne an:

Ich denke, er [Putin] hat die Vision eines großen Russlands, die einer Supermacht. Es ist extrem wichtig für ihn, dass Russland als globale Macht wahrgenommen und respektiert wird, auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten. Und ich denke, das erklärt viel an seinem Verhalten.

Die derzeitigen Beziehungen zwischen USA und Russland stufte er als sehr schlecht ein, hob jedoch hervor, dass es wichtig sei, dass der amerikanische und der russische Außenminister im Gespräch bleiben.

Russische Experten sehen in dieser Analyse ein Beleg dafür, dass auch die amerikanischen Eliten heterogen sind und es auch in ihren Reihen durchaus Stimmen gibt, die sich der Realität nicht verweigern.

So meint der Politologe Bogdan Bespalko gegenüber Radio Sputnik:

Das sind Worte, die eine adäquate Wahrnehmung der Realität widerspiegeln und die einigermaßen befreit sind vom Rausch des Wahlkampfs, der im Moment die USA beherrscht. Das sind Worte eines bedächtigen Mannes, der es sich zu eigen macht, die Situation zu analysieren.

Bespalko warnte aber auch, dass die Bemerkungen über das Anstreben von Dominanz aufseiten Russlands und Chinas in jenem Land, das die Dominanz über die Welt selbst über Jahrzehnte hinweg ausgeübt hat, falsch verstanden werden können.

Unser Hauptziel besteht vielmehr darin, dass wir bestimmte Sicherheitsbarrieren ausbauen und als Staat, als Nation und als Zivilisation erhalten bleiben.

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Feststellung die Falken in der US-Führung direkt beeinflussen kann. Aber es ist auf jeden Fall förderlich, dass solche besonnenen Stimmen auch inmitten des US-amerikanischen Establishments vorhanden sind und gehört werden.