Am Mittwoch fand im UN-Sicherheitsrat ein erbitterter Streit über den anhaltenden Krieg in Syrien statt. Die Westmächte werfen Russland vor, es begehe bei seinen Operationen im nordsyrischen Aleppo Kriegsverbrechen.

 

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Der UN-Nothilfekoordinator und ehemalige konservative Abgeordnete im britischen Parlament Stephen O’Brien gab den Ton an und erklärte, er „glühe vor Zorn“ über die Handlungsunfähigkeit des Sicherheitsrates. Weiter erklärte er, Aleppo sei „praktisch eine Todeszone“ geworden.

 

Die lebende Verkörperung imperialistischer Heuchelei über „Menschenrechte“ ist die amerikanische UNO-Botschafterin Samantha Power. Dass die russischen und syrischen Kampfflugzeuge ihre Angriffe auf die mit Al Qaida verbündeten islamistischen Milizen, die den Ostteil der Stadt kontrollieren, bereits seit zehn Tagen eingestellt haben, tat sie mit der spitzen Bemerkung an den russischen Botschafter Witali Tschurkin ab: „Wir werden Sie nicht loben und beglückwünschen, weil Sie einen Tag oder eine Woche lang keine Kriegsverbrechen begehen.“ Im Verlauf ihrer Tirade fragte Power: „Glaubt Russland, alle Kinder in Ostaleppo seien Al Qaida-Mitglieder?“

 

Diese Empörung über das Schicksal von Zivilisten und Kindern ist äußerst selektiv. Kein einziger Vertreter des US-Imperialismus und seiner Verbündeten hat die geringste Wut über die Ermordung von Männern, Frauen und Kindern im von der Regierung kontrollierten Westteil Aleppos geäußert, der von den Al Qaida-„Rebellen“ regelmäßig mit Granatwerfern und Raketen beschossen wird, die sie vom Pentagon und der CIA erhalten.

 

Am Donnerstag wurden im Westteil der Stadt, in dem die große Mehrheit der Bevölkerung lebt, sechs Kinder durch Raketenbeschuss getötet. Drei syrische Kinder starben in ihrer Schule, weitere vierzehn wurden verwundet (Einer Expertenanalyse der Fotografien aus dem syrischen Dorf Haas stellten sich die Fotos über den Beschuss von Schulen als Computergrafik heraus. — Red). Bei einem weiteren Angriff wurden drei junge Brüder von einem Raketentreffer auf ihr Haus getötet.

 

Auch die Todesopfer durch amerikanische Luftangriffe in anderen Teilen Syriens sind nach Meinung der Menschenrechtsimperialisten kein Vergleich mit den Todesopfern durch russische Bomben in Aleppo.

 

Amnesty International veröffentlichte am Dienstag einen Bericht über elf verschiedene Angriffe der amerikanischen „Koalition,“ bei denen insgesamt etwa 300 Zivilisten getötet wurden. Das Pentagon bestätigte bei diesen Bombenangriffen jedoch nur ein Todesopfer. Andere Beobachtergruppen gehen von deutlich über eintausend Todesopfern durch den US-Luftkrieg in Syrien aus. Trotzdem bestätigte das Pentagon nur 55 zivile Todesopfer in zwei Jahren. Powers Stichelei, die Russen würden jedes Kind in Aleppo als Mitglied von Al Qaida betrachten, trifft genauso auf das Pentagon zu, dessen Bomben scheinbar nur IS-Mitglieder töten.

 

Power selbst hat langjährige Erfahrung mit dieser widerlichen Doppelmoral. Während der 51-tägigen Belagerung des Gazastreifens durch Israel im Jahr 2013, bei der über 2.100 Palästinenser getötet und weitere 11.000 verwundet wurden, vertrat diese Kämpferin für Menschenrechte faktisch die Haltung, jedes Kind im Gazastreifen sei Mitglied der Hamas. Während dieses einseitigen Gemetzels benutzte die amerikanische Botschafterin ihren Posten bei der UN, um unablässig Israels Recht auf „Selbstverteidigung“ zu proklamieren.

 

Sie benutzte das schmutzige Banner des Menschenrechtsimperialismus auch als eine der führenden Befürworter des Nato-Kriegs in Libyen, der zehntausende Todesopfer forderte und das Land in Schutt und Asche legte; und des Kriegs für einen Regimewechsel in Syrien, durch den 300.000 Menschen ums Leben kamen und Millionen aus ihrer Heimat fliehen mussten.

 

Am deutlichsten zeigen sich die Heuchelei und die Doppelmoral der Vorwürfe, Russland begehe in Aleppo Kriegsverbrechen, im Vergleich zu der Belagerung der nur 480 Kilometer weiter östlich gelegenen irakischen Stadt Mossul unter Führung der USA, die Anfang des Monats begann.

 

Während die Russen beschuldigt werden, sie hätten Aleppo in ein „Todeszone“ verwandelt, bezeichnen die westlichen Medien den amerikanischen Angriff auf Mossul als „Befreiung“ der Stadt, die 2014 vom IS erobert worden war. Zu diesem Zweck wird die Stadt unablässig von amerikanischen Kampfflugzeugen bombardiert und mit Raketenwerfern und schwerer Artillerie beschossen.

 

Analysten gehen offen davon aus, dass von der Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern nur noch ein Trümmerhaufen übrigbleiben wird. Der Oberbefehlshaber des Central Command des US-Militärs, General Joseph Votel, erklärte in einem Interview mit AFP, seine Streitkräfte hätten „800 bis 900 IS-Kämpfer“ getötet. Wieviele Zivilisten bei dem amerikanischen Bombardement umgekommen sind, erwähnte er mit keinem Wort, und auch die amerikanischen Mainstreammedien zeigten keinerlei Interesse an dem Thema.

 

Am letzten Freitag wurden bei einem Luftangriff auf eine schiitische Moschee nahe Kirkuk siebzehn Frauen und Kinder getötet und zahlreiche weitere Personen verwundet. Als dieser schreckliche Vorfall ans Licht kam, wurde er vom Pentagon abgetan und von den Medien größtenteils ignoriert.

 

Amerikanische Regierungsvertreter werfen dem IS vor, er benutze die Bevölkerung Mossuls als „menschliche Schutzschilde“ – ein altbekanntes Alibi für die Ermordung von Zivilisten – und die Medien plappern diese Behauptungen nach. Gleichzeitig ignorieren sie jedoch, dass Al Qaida Zivilisten durch Terror und Gewalt an der Flucht aus den belagerten Gebieten in Ostaleppo hindert.

 

Das Vorgehen des russischen Militärs gegen die in Aleppo gefangene Zivilbevölkerung ist zweifellos grausam, aber das ist nicht die wirkliche Sorge derjenigen, die jetzt ein Geschrei über Kriegsverbrechen anstimmen. Sie befürchten, dass die Al Qaida-nahen Milizen, die ihre wichtigsten Stellvertreterkräfte im Krieg für einen Regimewechsel sind, eine endgülitge Niederlage erleiden.

 

Die Verbrechen Russlands verblassen zudem im Vergleich zu denjenigen, die Washington in der Region und auf der ganzen Welt verübt hat.

 

Haben diejenigen, die Erschütterung und Wut über die russischen Bomben auf Syrien vortäuschen, etwa die Taktik des „Shock and Awe“ vergessen? Der Einmarsch der USA im Irak und die anschließende Besetzung des Landes forderte schätzungsweise eine Million Todesopfer.

 

Wissen diese Kämpfer für Menschenrechte nichts von dem anhaltenden Massaker im Jemen, wo mehr als 10.000 Menschen durch saudische Luftangriffe getötet wurden, die durch von den USA gelieferte Bomben und Raketen und durch umfassende geheimdienstliche und logistische Unterstützung möglich gemacht wurden? Wo bleibt die Empörung über den Krieg der herrschenden Monarchie des reichsten Landes des Nahen Ostens gegen das ärmste Land der Region, bei dem systematisch die zivile Infrastruktur zerstört wird und der Bevölkerung durch eine von US-Truppen unterstützte Blockade eine Hungersnot droht?

 

Was Kriegsverbrechen angeht, so spielt die Kreml-Oligarchie, die Wladimir Putin repräsentiert, nur in einer kleinen Liga. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den US-Atombombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki, bei denen etwa 200.000 Menschen getötet wurden, hat fast jeder US-Präsident Angriffskriege geführt und dabei Kriegsverbrechen begangen, von denen viele im Ausmaß nur von denen der Nazis übertroffen werden.

 

Im Koreakrieg wurden drei Millionen Zivilisten getötet, in Vietnam waren die USA für drei bis vier Millionen zivile Todesopfer verantwortlich. Die tragische und langwierige Bekanntschaft Afghanistans mit dem US-Imperialismus, die in den 1980ern mit dem CIA-orchestrierten Krieg für einen Regimewechsel begann, forderte zwischen 1,5 und zwei Millionen weitere Todesopfer.

 

Gleichzeitig befindet sich Washington in mindestens sieben verschiedenen Ländern weiterhin im Krieg und die Zahl der Todesopfer wächst ständig: im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Syrien, Libyen, dem Jemen und Somalia.

 

Der Grund für die gespielte Empörung und die Krokodilstränen über Aleppo ist die Tatsache, dass sich der amerikanische Krieg in Syrien zu einem Debakel entwickelt hat. Moskau hat seine Intervention nicht begonnen, um die Interessen der syrischen Massen zu verteidigen, sondern die der herrschenden kapitalistischen Oligarchie in Russland. Trotzdem stellt es ein Hindernis für die Versuche der USA dar, ihre Hegemonie über den gesamten ölreichen Nahen Osten zu behaupten.

 

Die unablässige „Menschrechts“-Propaganda und die Hetzkampagne gegen Russland wegen Aleppo müssen als Warnung verstanden werden. Der US-Imperialismus bereitet nicht nur eine deutliche Eskalation in Syrien vor, sondern auch eine Konfrontation mit Russland selbst. Dies wiederum birgt die reale und akute Gefahr eines Atomkriegs.

 

 

Von Bill Van Auken, WSWS