Um Himmels willen, was machen jetzt bloß all die Journalisten, die Medien, die Umfrageinstitute, die Empörten und Entsetzten, die Intellektuellen, die Politiker und Regierungschefs, die EU-Kommissare und angeblich Sachverständigen, die uns seit Monaten ohne auch nur den Hauch eines Selbstzweifels bewiesen, gepredigt und eingehämmert haben, warum ein Wahlsieg des blonden Neandertalers, des „Rechtspopulisten“ dieser „Gefahr für den Frieden“ (Sigmar Gabriel), dieses „Wüstlings“, wie sich die feine „Neue Zürcher Zeitung“ ausdrückte, absolut ausgeschlossen sei?
 

Soviel Muskeln, wie es jetzt braucht, um zurückzurudern, gibt es nicht.

 

Dies ist meine Botschaft an die Hochmütigen und politisch Korrekten, die nach wie vor mit abstoßender Überheblichkeit den übrigens demokratischen, friedlichen und absolut zivilisierten Volksentscheid der Amerikaner zum Höllensturz des Abendlandes herunterreden, weil sie sich einfach vollständig geirrt und die Stimmung falsch eingeschätzt haben: Es ist gut, dass die moderne Priesterkaste, diese politische Universalkirche der Hochmoral und der richtigen Gesinnung eine gigantische Ohrfeige kassiert hat. Die Leute haben die Nase voll von dieser abgewirtschafteten globalisierten Scheinelite, die uns offene Grenzen, katastrophale Kriege, den Euro, ein Himalaya von Staatsschulden und jede Menge Verachtung für den „einfachen Bürger“ beschert hat.

 

Und, ja, diese Ohrfeige fühlt sich gut an!

 

Der Wendepunkt in diesem Wahlkampf war jener Moment, als die hoch gejubelte Hillary Clintonfür einen Moment offenbarte, wie sie und ihre Unterstützer wirklich denken: Sie bezeichnete die Millionen von Amerikanern, die im Begriff waren, Trump ihre Stimme zu geben, als einen „Korb der Erbärmlichen“, was eine etwas höflichere Umschreibung für „Untermenschen“ ist.
 

Die unerträgliche Ignoranz des Establishments

 

Da kommt mir ein Gespräch mit dem ehemaligen EU-Chefkommissar Barroso in den Sinn, der mir bei einem Abendessen in Berlinvor ein paar Jahren sagte, jeder Gegner der EU sei entweder Kommunist, Nationalist, Populist oder Rassist. Das ist die unerträgliche Arroganz des Establishments, das jetzt hoffentlich brutal und heilsam auf den Boden geholt wurde. Die Leute sind nicht so dumm, wie die Politiker meinen.
 

Im Gegenteil: Die Etablierten lagen falsch, die „Erbärmlichen“ hatten Recht. Und selbst die enttäuschten Trump-Gegner sollten sich über diese Sternstunde der Demokratie freuen. Die Wähler haben sich nicht beirren lassen von den Drohungen und der Angstmacherei. Sie ließen sich weder verführen noch abschrecken vom Propaganda-Sperrfeuer der Meinungseinpeitscher, die Trump als modernen Dschingis Khan verteufelten.

 
Die Klatsche war überfällig

 

Die Ironie besteht darin, dass die Medien, die kolossal versagten, gerade durch ihr Trump-Bashing Trump mit zum Sieg verhalfen. Nicht nur die Polit-Elite in allen Parteien erlebte ihr Waterloo; auch die Journalisten schrieben sich hochnäsig ins Elend. Die Klatsche war überfällig.
 

Wann merken es die Junckers, Merkels, Hollandes und Renzis in ihren Glaspalästen? Beunruhigender und interessanter als Trump ist die Unzufriedenheit, die ihn ins Weiße Haus trug (und bei Nichterfüllung des Auftrags auch wieder hinausbefördern wird). Großer Unmut breitet sich in allen westlichen Industrienationen aus.

 

Anstatt Probleme zu lösen, beschimpfen Politiker die Unzufriedenen

 

Die internationalistische Einheitspartei der Gutmenschen und politisch Korrekten hat sich totgelaufen. Es funktioniert einfach nicht, und immer mehr durchschauen es. Die EU ist ein Fehlkonstrukt. Der Euro muss künstlich belebt werden.
 

Unkontrollierte Zuwanderung und Asylmissbrauch sind die Folgen der falschen Konzepte. Doch anstatt die Probleme zu lösen, beschimpfen die Politiker die Unzufriedenen.
 

Trumps Sensationserfolg ist ein Befreiungsschlag, eine Art Brexit im Quadrat. Europas belagerte Polit-Elite verbarrikadiert sich hinter der eigenen moralischen Überheblichkeit. Noch immer haben sie es nicht begriffen.

 

Über den Autor

 

weltwoche-koeppel

 

Der Schweizer Journalist Roger Köppel ist ehemaliger Chefredakteur der Zeitung «Die Welt», Chefredakteur und Verleger des Schweizer Wochenmagazins «Weltwoche»und sitzt seit 2015 als Mitglied der Schweizerischen Volkspartei (SVP) im Nationalrat der Schweiz. Der Autor ist Verleger und Chefredakteur der Zürcher Weltwoche, außerdem Parlamentarier der konservativen Schweizerischen Volkspartei.

 

 

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