Abseits dienstlicher Aufträge kam ein RT-Redakteur am 26. Dezember vor die Russische Botschaft, um der Opfer von Sotschi zu gedenken und Nelken niederzulegen. Es regnete und nur wenige Passanten kamen vorbei. Von diesen hielten die meisten jedoch zumindest kurz vor einer Blumenreihe am Zaun an.

Ich ging zur Botschaft, ohne darüber nachzusinnen, was ich dort vorfinden würde, einen Blumenberg oder nackte Gitter auf dem Bürgersteig. Wichtiger war es mir, die eigenen Blumen nicht zu vergessen. Am exponiert gelegenen, geschichtsträchtigen Gebäude war aber auf jeden Fall mit dem einen oder anderen Gesprächspartner zu rechnen.

So dachte ich es mir. Und in der Tat, drei ältere Menschen, mutmaßlich Russen, standen schweigend als Grüppchen da. Blumen, Kerzen und zwei Kränze lagen vor dem Zaungitter. Nicht viel, aber genug, um Passanten aufzufallen. Die meisten verlangsamten deshalb ihren Schritt oder blieben gar stehen.

Etwas abseits der mutmaßlichen Russen stand eine ältere Dame. Irgendwas sagte mir, dass auch sie nicht zufällig hier ist. Sie hatte leicht asiatische Gesichtszüge. Eine Touristin? Eine Chinesin, die sich verlaufen hatte oder von ihrem Grüppchen zurückgeblieben ist?

An ihrer Tasche waren ein St. Georgs-Band und ein Streifen in den Farben der russischen Trikolore befestigt. Eine Aktivistin. Meine Denkschublade öffnete sich.

Es bestätigte sich aber auch noch etwas Anderes. Aktivistin war sie in der Tat. Wer kommt schon von 50 Kilometern weit entfernt wie sie mir später erzählte, um bloß ein paar Minuten vor der Russischen Botschaft zu verbringen? Oder an der Friedensfahrt Berlin-Moskau teilzunehmen, die in diesem Sommer von Brandenburger Tor aus startete? Das alles ist aktives Verhalten.

 

 

RT: Vor der Botschaft in Berlin

 

Das Wort «Aktivist» erfuhr in den letzten Jahren einen befremdlichen Beigeschmack, zumindest in russischen Medien. Das vorgeschriebene neue Wording in der Ukraine besagt, dass jene Leute, die auf dem Maidan Steine auf Polizisten warfen, «Aktivisten» gewesen sein sollen. Dass Leute, die Autos vor der russischen Botschaft demolieren oder Fernsehstudios anzünden, ebenso «Aktivisten» seien.

Ich will hoffen, dass dies ‘nur’ eine Tragödie war und nichts Anderes», sagte die Dame und deutete auf diese Weise ihren Verdacht an, der Absturz könnte möglicherweise von einem Anschlag herrühren.

Nein, die Dame ist keine «Aktivistin». Sie ist völlig normal. Was sie auszeichnet ist nur, dass sie den Mut hat, das geistige Surrogat der konstruierten Medienwelt des Mainstreams abzulehnen. Und eine Bürgerin ihres Staates zu sein, welche die antirussische Politik der regierenden politischen Klasse in Deutschland als ungerecht und gefährlich empfindet.

Eine Frau zündet eine Kerze an und legt sie hin, ich fotografiere sie von etwas seitwärts aus, um sie nicht zu stören. Meine Gesprächspartnerin will nämlich inkognito bleiben, den Enkel wegen. «Sie könnten Probleme kriegen», meint sie. Wer weiß, ob die anderen vor der Russischen Botschaft erkannt werden wollen oder nicht. Heute ist Trauertag und ich will alles, was sich dort zuträgt, so stehen lassen, wie es ist.

Aber die Bescheidenheit der Anteilnahme in Berlin macht mich nachdenklich. Die Dame mit Georgsband an der Tasche konstatiert, dass es vor der Französischen Botschaft nach den Anschlägen von Charlie Hebdo, Nizza oder Paris um ein Hundertfaches mehr an Blumen, Menschen und Fernsehteams gewesen war, das man beobachten konnte.

Die Solisten eines weltberühmten Chors sind gestorben, das ist so ein Verlust für die Weltkultur und hier…»

Die Dame will aber niemanden etwas vorwerfen. Ich auch nicht, ich bin jedem dankbar, der gekommen ist, um der Opfer zu gedenken. Aber auch diese Dankbarkeit kann mich nicht davon abhalten, festzustellen, dass die gesellschaftliche Relevanz von Trauer um russische Opfer — obgleich sie auch berühmte Künstler, Wohltäter, Journalisten, Kinder oder einfache Menschen sein mögen — im heutigen Deutschland gleich null ist. Peter Handke schrieb einst im Zusammenhang mit dem Bosnienkrieg von in unterschiedlicher Weise «kameragerechtem Leiden» – was er damit meinte, zeigte sich auch an jenem Tage wieder in anschaulicher Weise.

 

Die Dame erzählt auch, dass sie zu den im Jahr 2014 angekündigten Konzerten des Aleksandrow-Ensembles nicht kommen konnte, weil deutsche Behörden den Künstlern kein Visum erteilten. Wegen deren Zugehörigkeit zur russischen Armee, versteht sich. Später konnte ich keine Bestätigung für diese Information finden, so etwas Ähnliches war aber nachweislich bereits in den baltischen Ländern und beinahe in Polen passiert, wo die Auftritte des Ensembles durch eine Gruppe von «Aktivisten» im Jahr 2015 skandalisiert wurden.

Der Gegensatz zwischen dem skandalösen und medial breit ausgeschlachteten Erscheinen von Terroristen verharmlosenden Protestierern am 7. Dezember und der Menschenleere des Tages meines Besuchs wird mir deutlich, als ich mich vor der Botschaft umschaue. Der Regen wird stärker und die Kamera, die immer noch auf große Menschengruppen vor der Botschaft wartet, wird nass. Ich verschwinde im Übergang zur U-Bahn.

Den Rest des Tages schaue ich noch YouTube-Videos von Aleksandrow-Ensemble, das nach altem Brauch hierzulande immer noch viele «Chor der Roten Armee» nennen. Stetig musste ich dabei meine Tränen unterdrücken. Ich hätte mir einen ganz anderen Anlass gewünscht, um Menschen die Gelegenheit zu eröffnen, diese große Kunst für sich zu entdecken.

 

 

 

Quelle: RT Deutsch

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