Blödes Geschwafel, gehässige Stimmungsmache oder beides? Der „Kultursender Ö1“ zum Absturz des russischen Flugzeugs über dem Schwarzen Meer

Klaus Madersbacher

 

Als alter Radiohörer bin ich es gewohnt, mich durch Rundfunknachrichten auf dem Laufenden zu halten. Dabei stelle ich kaum besondere Ansprüche an Sender, die offenkundig auf Unterhaltung ausgelegt sind. Von einem Rundfunkprogramm, das im Lauf von Jahrzehnten einen bestimmten Standard aufgebaut hat und sich als «Kultursender» bezeichnet, erwarte ich mir allerdings mehr.

Meiner Ansicht nach erfolgte der große qualitative Abfall des „Kultursenders Ö1″ in der Zeit des Rechtsaußenregimes unter Schüssel. Seither ist´s aus mit dem hohen Niveau, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen und hin und wieder Kultur aus dem Mittelmaß herausragt. Aus meiner Radiohörervergangenheit sind mir mehrere derartige qualitative Abfälle bekannt. Zum Beispiel wurde die BBC unter dem Thatcherregime an die Kandare genommen, weil ihre Berichterstattung über den Falklandkrieg nicht für ausreichend patriotisch erachtet wurde. Dito National Public Radio NPR, der amerikanische „Kultursender», dem seine patriotische Nachlässigkeit vom Bushregime heimgezahlt wurde.

Nun gut, Thatcherregime, Bushregime — kriegführende Regimes — müssen natürlich darauf achten, dass die Heimatfront bei der Stange bleibt. Aber Österreich?

Es wäre interessant herauszufinden, wo in Österreich und wo konkret im Ösifunk die transatlantische Achse verläuft. Bis dahin werden wir mit mehr oder weniger faktenfreiem Sprachmüll leben müssen, den uns unser „Kultursender» beschert. Und mit einer westlichen Propaganda, die sich gewaschen hat.

Wie etwa in dem folgenden „Bericht» im Ö1-Mittagsjournal vom 27.12.2016, den ich hier wortwörtlich wiedergebe:

 

„Nach dem Flugzeugabsturz im russischen Sotschi mit 92 Toten konnte jetzt der Haupt-Flugschreiber der abgestürzten Maschine geborgen werden. Noch immer ist die Absturzursache ja unklar. Die Behörden ermitteln vor allem in Richtung technisches Gebrechen oder menschliches Versagen des Piloten. Sie halten einen Terror-Anschlag auf die Militärmaschine für eher unwahrscheinlich.

Unabhängige Experten und russische Kommentatoren jedoch mutmaßen, dass ein Terroranschlag deswegen offiziell so betont als unwahrscheinlich bezeichnet wird, weil er, so es denn einer war, für den Kreml politisch höchst ungelegen käme. Er wäre ein schwerer Schlag für den russischen Militäreinsatz in Syrien. Carola Schneider über den Stand der Bergung:

Heute früh wurde rund 1 ½ km vor der Küste bei Sotschi der Hauptflugschreiber der abgestürzten Tupolew 154 geborgen. Das Gerät wird nun in Moskau von Spezialisten des Verteidigungsministeriums untersucht. Weiterhin rätselt ganz Russland über die Ursache der Katastrophe, die 92 Menschen das Leben gekostet hat. Offiziell vermuten die Ermittlungsbehörden weiterhin einen Pilotenfehler als Unglücksursache, oder aber ein technisches Gebrechen der Tupolew 154, die noch aus Sowjetzeiten stammt.

Einen Anschlag schließen die Behörden eher aus. Erst vor kurzem zitierte die staatliche Nachrichtenagentur TASS Sicherheitskreise, wonach an den geborgenen Trümmerteilen der Maschine keine Spuren einer Explosion oder eines Brands gefunden worden seien. Im staatlich gelenkten Fernsehen, etwa dem 1. Kanal, werden ausschließlich diese offiziellen Positionen berichtet, unter anderem die Aussage von Verkehrsminister Maxim Sokolow, der betont, ein Anschlag gelte nicht als wahrscheinliche Ursache des Unglücks. … O-Ton Sokolow … Die Militärmaschine sei ständig bewacht worden und sowohl Passagiere als auch Gepäck strengstens kontrolliert, werden Sicherheitskreise zitiert.

Alternative Standpunkte sind im Staatsfernsehen nicht zu hören. Anders im Internet oder kremlkritischen Medien wie der Radiostation „Echo Moskaus.“ Hier kommen russische Luftfahrtexperten zu Wort, die einen Anschlag durchaus für möglich halten, vor allem, weil die Piloten kein Notsignal absetzten.

Es scheint klar, warum die Behörden einen Anschlag so betont als unwahrscheinlich bezeichnen, obwohl die Untersuchungen erst am Anfang stehen. Die Maschine war nach Syrien unterwegs, der Armeechor hätte vor den russischen Truppen im Luftwaffenstützpunkt Latakia auftreten sollen, nicht bestätigten Medienberichten zufolge sogar in Aleppo, das Machthaber Assad mit russischer Hilfe vor kurzem erst von den Rebellen zurückerobert hat.

Ein Anschlag wäre ein herber Schlag für Präsident Putin. Er würde zeigen, dass der Terrorismus, von dem der Präsident sagt, dass er ihn in Syrien bekämpft, nun auch auf russischem Boden angekommen ist, nachdem eine russische Passagiermaschine über Ägypten abgeschossen wurde und der russische Botschafter Karlov vor kurzem in der Türkei ermordet wurde.

Aber auch wenn die Maschine wegen technischer Probleme oder menschlichen Versagens abgestürzt sein sollte, das Unglück stehe in Zusammenhang mit dem russischen Militäreinsatz in Syrien, denn ohne diesen hätte der Flug gar nicht stattgefunden, kritisieren Kommentatoren.

Dazu etwa Matewiga Napulski (?) im Radiosender „Echo Moskaus“:

„Russland führt diesen Krieg anscheinend präzis und mit modernen Mitteln, doch jeder Krieg fordert Opfer, und nach dieser Tragödie stellt sich erneut die Frage, warum Russland diesen Krieg eigentlich braucht. Es wird keine Antwort geben, denn es ist der persönliche Krieg eines einzigen Mannes, er wird geführt, weil er es will. Niemand verlangt von ihm eine Antwort.“

Allein schon zum Gedenken an die 92 Absturzopfer müsste nun aber jemand dem Präsidenten diese Frage stellen, so der Kommentator, wozu Russland den Krieg in Syrien eigentlich brauche.

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