Russland trauert. Erst der dreiste Mord am russischen Botschafter in Ankara. Dann sterben unter 92 Opfern des Tupolew-Absturzes auch 64 russische Kulturbotschafter des Landes vor Sotschi. Wie aber konnte ausgerechnet ein Ensemble der Armee einen solchen Kult-Status erlangen?

Die Tragödie bei Sotschi machte deutlich: Neben dem altbekannten russischen Aushängeschild für Hochkultur in Gestalt der Ballett-Truppe des Bolschoi hat Russland noch ein weiteres, das nicht weniger berühmt ist. Auf allen Kontinenten der Erde war das Alexandrow-Ensemble bekannt und beliebt. Mit dem Tod von 64 Solisten aus seinen Reihen erlitt die Weltkultur einen schweren Schlag.

Seit vielen Jahrzehnten tourt das 1928 mit zunächst nur 12 Musikern gegründete Ensemble rund um den Globus und gab Konzerte, die Geschichte mitgeschrieben haben: im August 1948 auf dem Berliner Gendarmenmarkt, am Kapitol in Washington, D.C., am Ground Zero im April 2005 zum 60. Jahrestag des Treffens der Bündnisarmeen der USA und der Sowjetunion an der Elbe.

Der Gründer des Chors, Alexander Alexandrow, schrieb 1943 auch die monumentale Melodie für die sowjetische Hymne. Diese ist seit 2000 wieder — mit geändertem Text — die Hymne der Russischen Föderation. Die Stimmen seines Chors im Lied «Der Heilige Krieg», das einst über das Radio übertragen wurde, ermutigten Millionen Menschen zum Kampf gegen Nazi-Deutschland. Diese beiden Lieder gehören auch heute zur Pflichtprogramm des Chors auf jeder Bühne, auch im Ausland.

Stichwort Ausland: Wie kann ein Chor, der in feierlichen Uniformen singt und eigentlich so etwas wie landesspezifischen Patriotismus und gar einen Hauch Militarismus ausstrahlt, auf das ausländische Publikum nicht befremdlich wirken? Hierin liegt etwas Rätselhaftes, das es ausgerechnet einem Armeechor ermöglicht, einer der besten Chöre der Welt zu sein.

 

 

Seit langem besteht das 300-köpfige Ensemble nicht nur aus einem Chor, auch ein Orchester und mehrere Tanzgruppen gehören zum Kollektiv. Sie präsentieren nicht nur militärische oder patriotische Musik. Die zum größten Teil aus Unteroffizieren (Praporschtschik) bestehende Musikergruppe bietet auf höchstem Niveau die ganze Dichte der russischen und zum Teil sogar der weltweiten Musikkultur dar.

Mit Leichtigkeit variieren sie zwischen den Genres, russische Schwermut, Humor und Selbstironie wechseln einander innerhalb von nur wenigen Augenblicken auf der Bühne ab. Auch Popmusik ist für das akademisch geprägte Ensemble kein fremdes Terrain. Stücke aus dem Repertoire von «Queen» und «The Beatles» oder Lieder auf den Sprachen jeweiliger Gastländer gehören oft ebenso zum Programm wie klassische russische Romanzen oder populäre Lieder aus den sowjetischen Kriegsfilmen.

Mit dieser Mischung vermochten die uniformierten Künstler fast auf jeder Bühne der Welt das Publikum in Begeisterung zu versetzen. Auf diese Weise öffneten sich für sie auch Türen, die russischen Armeeangehörigen eigentlich verschlossen zu sein schienen, wie die des Vatikans oder des NATO-Hauptquartiers in Brüssel.

 

 

 

Das improvisierte Konzert bei der NATO am 22. Mai 2007 hört sich wie ein Märchen aus alter Zeit an. Damals, nach Putins Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz und vor dem fünftägigen August-Krieg im Jahre 2008, waren die Beziehungen zwischen NATO und Russland bereits «nicht ganz einfach», wie der russische Journalist in diesem Archivvideo des Fernsehkanals NTV konstatierte, aber bei weitem noch nicht so angespannt wie heute.

Eine überfüllte Aula, in der die Choristen nur wenige Meter entfernt vom Publikum singen, zeigte jedoch eine ungezwungene, geradezu freundschaftliche Atmosphäre, die an dem Tag herrschte. Wie konnten es die singenden russischen Offiziere schaffen, eine fast kindliche Begeisterung im militärischen Gegner zu erwecken?

Die Antwort liegt in der Qualität und auch im hauseigenen «Armeewitz». Der Gesang des Chors hat sehr viel «Fleisch», wie es im eigenes Jargon des Ensembles heißt. Es geht dabei vor allem um eine filigran abgestimmte Vielschichtigkeit des Vortrags und um den Charme der russischen Musikkultur, der auf diese Weise am besten zum Tragen kommt. Die Musikstücke wechseln sich ab mit Tanzszenen aus dem historischen Alltag der siegreichen Roten Armee und mit viel Folklore. Außerdem waren fast alle künstlerischen Leiter selbst Komponisten, auch der jüngst mit der Maschine verunglückte Dirigent Waleri Chaililow.

 

 

Dass ausgerechnet Armeeangehörige zu gern gesehenen Gesichtern Russlands im Ausland und Botschaftern der russischen Kultur wurden, hat auch eine eigene Logik. Von Anfang an war der Chor als Soft Power der Armee konzipiert. Und nach jedem Konzert wird es klarer, warum: Jedem Zuschauer wird dabei vor Augen geführt, welche Kulturschätze diese Armee verteidigt. Dabei ist es einerlei, ob dies an der Front vor eigenen Soldaten geschieht oder auf der hauseigenen Eurovisionbühne, in Luxemburg, Brüssel, New York, Belgrad oder sonst irgendwo auf der Welt.

Am 25. Dezember sind die beste Besetzung des Chors, einige Tänzer und der Dirigent ums Leben gekommen. Das Orchester hat eine lange Ersatzbank und wird weitermachen. Aber jedes Lied, das nach dem Unglück vom Ensemble gesungen wird, wird zu Ehren der Verunglückten dargeboten.

Die Moskauer Zeitschrift MK (Moskowski Komsomolez) veröffentlichte kurzerhand in einem Anhang eine unvollständige Bilder- und Namenreihe der verunglückten 92 Insassen und Crewmitglieder des TU-154. Den Link dazu finden Sie hier.

Vollständiger Fernsehbeitrag des Kanals NTV über den Auftritt im NATO-Hauptquartier 2007. Der Besuch fand als improvisierter Abstecher im Rahmen der Tournee durch die Benelux-Staaten statt. Die Musiker gaben das Konzert aus Anlass des zehnjährigen Bestandsjubiläums des Abkommens zwischen Russland und der NATO:

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