von Fabian Schmidt-Ahmad

 

Fast siebzig Jahre nach seiner Veröffentlichung stürmt ein Buch die Bestsellerlisten. Seit heute hat sich George Orwells Roman „1984“ gar auf dem ersten Platz der beliebtesten Bücher des Online-Versandriesen Amazon festgesetzt. Ein außergewöhnlicher Vorgang, aber irgendwie passend für dieses Buch, dessen eigene Geschichte selbst Raum für einen Roman bietet.

 

Zwei Jahre nach Kriegsende zog sich der bereits vom Tod gezeichnete Orwell auf die schottische Insel Jura zurück. Ausgerechnet in dieser Einsamkeit, im halbverfallenen Gut Barnhill an der Küste, schrieb er die Vision einer totalitär organisierten, menschenfeindlichen Gesellschaft nieder. 1948 schickte er das Manuskript an seinen Verleger, der Buchtitel wird gewöhnlich als Anagramm für das Jahr der Fertigstellung gedeutet. Im Januar 1950 stirbt Orwell an einer schweren Tuberkulose.

 

Nicht nur Kritik am Sowjetsystem

 

Mitten in den Ausbruch des Kalten Krieges hineingeworfen, wird Orwells Buch zum Welterfolg. Unverkennbar sind die Parallelen zum Sowjetsystem, an dem sich der Sozialist schon 1944 mit der „Farm der Tiere“ abarbeitete. Entsprechend verbreiteten westliche Dienste den Roman als Propagandamaterial, wie umgekehrt sozialistische Staaten ihn verboten. So verurteilte beispielsweise 1978 ein DDR-Gericht einen Theologen wegen Besitz und Verbreitung des „Machwerks“ zu über zwei Jahren Haft.

 

Allerdings wird die Verkürzung auf eine Sowjetkritik dem Roman keineswegs gerecht. Es ging Orwell um die Darstellung einer ungeheuren Gefahr, die nicht nur vom real existierenden Sozialismus ausging. So läßt sich Orwells Roman auf mehreren Ebenen interpretieren, was seine positive politische Rezeption sowohl von rechter wie auch linker Seite erklärt. Ganz aktuell ist dies zu beobachten, wenn sich Gegner wie Anhänger des amerikanischen Präsidenten Donald Trump auf dieses Buch beziehen. Und sich durch den jüngsten Verkaufserfolg bestätigt fühlen.

 

Bestürzende Parallelen zur Gegenwart

 

Anknüpfungspunkte zur jüngsten Gegenwart gibt es in der Tat viele. Da ist Orwells geniale Erfindung des Teleschirms, der den einzelnen zwangsweise zugleich mit Propaganda überschüttet, wie ihn auch überwacht. Die Konditionierung durch das permanente Gefühl von Öffentlichkeit auch im Privaten, die technischen Möglichkeiten sind längst gegeben. Freilich unterstehen Facebook & Co. noch nicht der unmittelbaren staatlichen Kontrolle; sehr zum Ärger eines deutschen Ministers, der in jenen Medien nun als Orwellscher „Wahrheitsminister“ verspottet wird.

 

Aber auch allgemein zeigt Orwells Beschreibung einer totalitären Organisation von Masse durchaus bestürzende Parallelen zur Gegenwart auf. Die Primitivierung des Denkens, in dem die rationale Vernunft des einzelnen zerstört wird, um in einem künstlich erzeugten, emotionalen Gefühlsbrei des Kollektivs unterzugehen. Als Mittel dazu die Erschaffung einer künstlichen Sprache, dem berühmten Neusprech, in dem Probleme nicht angesprochen, nicht einmal gedacht werden können, da benötigte Wörter und Begriffe fehlen.

 

Mag sein, daß nun tatsächlich einige aus Angst vor einer „postfaktischen Politik“ von „Rechtspopulisten“ zu dem Buch greifen, wie jetzt in Zeitungen die erstaunliche Wiedergeburt des Klassikers gedeutet wird. Es kann ihnen nur nützen, denn die Botschaft Orwells richtet sich an jeden. Es ist die deutliche Warnung, was mit einer modernen Gesellschaft passieren muß, die ihren inneren Kern, ihren eigentlichen Wert, vergisst: die Freiheit und das Recht jedes einzelnen Menschen, ein Ich zu haben und diesem gemäß leben zu dürfen.

 

Quelle: JF

 

 

 

Метки по теме: ; ;