Stellen Sie sich vor, mehr als 1.200 russische Soldaten führten große Militärübungen über einen Zeitraum von zwei Wochen im an die USA angrenzenden Mexiko durch. Wären weltweit in Medien Schlagzeilen über eine «US-Aggression» zu finden? Natürlich nicht.

von Neil Clark

Zurzeit halten 1.200 NATO-Truppen Militärübungen in Lettland ab, einem baltischen Land, das eine gemeinsame Grenze mit Russland aufweist. Und jetzt raten Sie mal, wer angesichts dessen als Aggressor dargestellt wird? Richtig: der große, böse russische Bär.

Diese Woche finden die NATO-Militärübungen unter dem Motto «Sommer-Schild» auf der Militärbasis Adazi statt. Soldaten aus Lettland, USA, Bulgarien, Estland, Kanada, Litauen, Großbritannien, Luxemburg, Rumänien, der Slowakei, Deutschland und Schweden, das kein NATO-Mitgliedstaat ist, nehmen an den Übungen teil, die bereits seit 2004 in diesem Land abgehalten werden.

«Die US-Luftwaffe hat mehrere ihrer neuesten Tarnkappen-Flieger in das Vereinigte Königreich entsandt, als Teil einer Initiative zur Beruhigung Europas angesichts der russischen Aggression», berichtete die Zeitung The Independent am Ostermontag.

Im März kündigte das Portal ITV an, dass «britische Truppen in Estland angekommen sind, um im Wege einer NATO-Mission eine russische Aggression zu verhindern».

In den vergangenen Monaten wurde in Osteuropa eine massive Aufrüstung der NATO betrieben. Alles, was wir dabei zu hören bekommen, ist die gleiche alte Phrase:

«russische Aggression, russische Aggression, russische Aggression».

Es fehlen zwar jedwede Beweise für eine solche, aber eine Lüge, oft genug wiederholt, wird am Ende geglaubt.

Das heutige Mantra über die vermeintliche russische Aggression entspricht in etwa jenem, das 2003 im Zusammenhang mit «Saddams Massenvernichtungswaffen» erklang. Für jeden, der den Drang des angeblichen Verteidigungsbündnisses nach Osten unterstützt, erwächst es in den Rang eines religiös anmutenden Glaubensdogmas.

Selbsternannte globale Ordnungsmächte schwadronieren von Bedrohung

Regelmäßig nennt die NATO-Propaganda die Ereignisse in Georgien 2008 und in der Ukraine 2014 als jene zwei Beispiele einer so genannten russischen Aggression, die helfen sollen, den Präsidenten Wladimir Putin als vermeintliche Bedrohung darzustellen.

Aber auch deren stetige Wiederholung macht die Propaganda nicht richtiger. Was in der Ukraine tatsächlich passiert war, war eine vom Westen gestützte Regimewechsel-Operation gegen eine demokratisch gewählte Regierung in Kiew. Die überwiegend russische Bevölkerung der Krim — einer Provinz, in der seit Jahr und Tag die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist — entschied sich unter dem Eindruck des gewaltsamen Umsturzes verständlicherweise mit überwältigender Mehrheit in einer Volksabstimmung dazu, Teil Russlands zu werden. Falls es eine «russische Invasion in der Ukraine» gäbe, würden die Menschen in Kiew das sicherlich mitbekommen.

In Georgien des Jahres 2008 war es wiederum der Krawatten kauende und vom Westen unterstützte Präsident Micheil Saakaschwili, der den Konflikt in Südossetien vom Zaun brach. Dies ist keine einseitige «pro-russische» Version der Ereignisse, sondern einfach die Wahrheit.

Wie sogar ein EU-Bericht von 2009 darlegt, gab es

vor dem Beginn der georgischen Operation keinen anhaltenden bewaffneten Angriff vonseiten Russlands […] Georgische Behauptungen über eine große Präsenz der russischen Streitkräfte in Südossetien vor der georgischen Offensive konnten nicht bestätigt werden.

Sobald sich jedoch herausstellt, dass in der Ukraine und in Georgien keine wie auch immer geartete russische Invasion stattgefunden hat, zerfällt auch das ganze Bild von Putin als Bedrohung. Wir könnten natürlich, so wie die Neokonservativen es in der Tat auch tun, noch weiter zurückgehen und über solche Ereignisse in der Sowjet-Ära sprechen wie die Invasion in Finnland im Jahr 1939. Aber der damals handelnde Akteur war nicht das heutige Russland und warum sollten wir überhaupt so weit zurückgehen, wenn es sehr viele jüngere Beispiele für Invasionen und militärische Interventionen vonseiten des Westens gibt?

Jeder faire und objektive Beobachter, der sich die Geschichte der letzten 25 Jahre ansieht, würde feststellen, dass die schlimmsten Aggressoren und Bedrohungen für den Frieden die NATO-Kräfte selbst sind und nicht Russland. Nicht Wladimir Putin, sondern die USA und deren Verbündete sind es, die zur Höchstform im Bereich des Angreifens anderer souveräner Staaten aufgelaufen waren.

Weltweite Blutspur aggressiver NATO-Operationen

So griff die NATO 1999 Jugoslawien an, ein Land, das niemanden bedroht hat, und unterzog es einem 78-tägigen «humanitären» Bombardement. Sogar am orthodoxen Osterfest wurde dieses aufrechterhalten.

Im Jahr 2001 drangen die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan ein. Zwei Jahre später folgte der Irak mit der betrügerischen Begründung, dass das Land Massenvernichtungswaffen besäße. Im Jahr 2011 bombardierte die NATO Libyen, das Land mit dem höchsten Lebensstandard in Afrika, zurück in die Steinzeit und verschaffte islamistischen Extremisten Raum. Diese ermordeten Libyens Führer Muammar Gaddafi auf barbarische Weise, was von der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton mit Schadenfreude begleitet wurde: «Wir kamen, wir sahen, er starb.»

Auch in Syrien haben NATO-Mächte und deren regionale Verbündete dschihadistische «Rebellen» gedeckt, um die Regierung zu stürzen und bombardierten ohne Zustimmung seitens der legitimem Regierung das Land. Eine Aufstellung aus dem Jahr 2015 zeigt, dass im Zusammenhang mit dem von den USA ausgerufenen «Krieg gegen den Terror» allein in den drei Ländern Irak, Afghanistan und Pakistan zwischen 2001 und Ende 2013 1,3 Millionen Menschen ihr Leben verloren haben.

Aber nein, lasst uns all dies ignorieren und weiter wie besessen an Putin und der vermeintlichen russischen Bedrohung festhalten, warum denn auch nicht?

Russische Frauen als Honigfallen für dänische Soldaten?

Panzer und Raketen sind übrigens nicht die einzigen Waffen, derer sich der böse Aggressor Putin so gerne bedient. In der Tat dürfen wir die Verführungskünste der super-sexy russischen Frauen nicht vergessen. Die Copenhagen Post teilte jüngst etwa mit, dass nach einer Risikobewertung des dänischen Defense Intelligence Services

russische und pro-russische Agenten alles tun werden, um die Anwesenheit dänischer Soldaten und ihrer NATO-Kollegen in der Umgebung zu diskreditieren. Dazu gehört auch der Einsatz weiblicher Agenten.

Der Bericht des dänischen Geheimdienstes deckte in diesem Zusammenhang auf, dass dänische Soldaten sich insbesondere vor so genannten russischen Honigfallen hüten sollen. Dabei ist der Einsatz schöner Frauen gemeint, der Soldaten und Agenten «in kompromittierende Situationen bringen kann», wie die Zeitung zitiert.

Putin setzt also sein Bataillon aus weiblichen Agenten ein, die mit Zigarettenpackungen winken und bereitwillig ahnungslose dänische Soldaten, die zum ersten Mal weg von zu Hause sind, in Kneipen in der Innenstadt von Tallinn umgarnen. Ich wette, von allen Taktiken dürfte das diejenige sein, die den russischen Präsidenten am meisten erfreut.

Man spricht von Versuchen, Soldaten in kompromittierende Situationen zu bringen, aber die wirklichen zweifelhaften Positionen sind die der NATO-Truppen in Osteuropa. Immerhin wissen wir ja, dass sie gerade nicht dazu da sind, um eine russische Invasion in Europa zu verhindern. Warum also sind sie dort, abgesehen davon, sich von russischen Mata Haris verführen zu lassen?

Zwei Erklärungsansätze für tatsächliche Beweggründe des NATO-Aufmarsches

Es gibt im Wesentlichen zwei Erklärungen. Erstens ist die Beschwörung der angeblichen russischen Bedrohung Geldmaschine und Lebensversicherung zugleich für den militärisch-industriellen Komplex, vor dem uns bereits der gute alte Dwight D. Eisenhower all die Jahre warnte. Alles, was Sie tun müssen, um die Quelle der Paranoia über eine «russische Bedrohung» zu finden, ist es, wie bereits beschrieben, der Spur des Geldes zu folgen.

Der zweite mögliche Grund ist indessen noch unheimlicher. Nämlich, dass eine Invasionsstreitmacht versammelt wird, ähnlich wie das bereits 1941 der Fall war. Die Über-Falken in Washington wissen, dass fzur Sicherung ihrer globalen Hegemonie die USA mit Russland auskommen müssen. Eine «Farbrevolution» funktioniert in Moskau nicht, da die «liberalen» Politiker, die der Westen dort gern an der Macht sehen würde, nicht annähernd genug an öffentlicher Unterstützung genießen. Ein militärischer Angriff auf Russland ist deshalb möglicherweise die einzige Möglichkeit, das Land zu kolonisieren.

Lassen Sie uns dieses Szenario weiterspinnen: In Großbritannien wird Premierministerin Theresa May mit einer kolossalen 80-Sitze-Mehrheit bei den Parlamentswahlen im Juni wiedergewählt. Präsident Trump weiß, dass er hat ein verlässliches «Kriegs-Parlament» in Großbritannien hat, und sieht sich — zu Hause von den Neokonservativen angestachelt — in der Lage, für einen Regimewechsel in Syrien aufs Ganze zu gehen.

Er ruft das Vereinigte Königreich zu Hilfe, das ihm versichert, sich an den Luftangriffen gegen Assad zu beteiligen. Das ist nicht unrealistisch: Beachten Sie, dass erst diese Woche Großbritanniens enthusiastischer und völlig durchgedrehter Außenminister Boris Johnson sagte, dass Assad «enthauptet» werden müsse, sowie dass Großbritannien bei jedem künftigen Angriff der USA auf Syrien mitmachen werde.

Die US-amerikanischen und britischen Flugzeuge greifen dann syrische Regierungspositionen an. Russische und syrische Flugzeuge werden zerstört. Russland rächt sich, indem es die Flugzeuge der USA und der Briten beschießt. Die NATO reagiert durch den Beginn der Operation Barbarossa 2.0 aus Gründen der «Selbstverteidigung». In diesem Zusammenhang sprechen die Falken in den USA bereits positiv über die «begrenzte Verwendung» von Kernwaffen.

Wenn das alles für Sie weit hergeholt klingt, dann denken Sie daran, dass Donald Trump US-Präsident und Boris Johnson britischer Außenminister ist.

Eine weitere Variante, und vermutlich die wahrscheinlichste, ist, dass der Kreml gewarnt wird, dass, falls er es wagen sollte, in Syrien Vergeltung an den USA oder Großbritannien zu üben, die NATO-Truppen in Russland einmarschieren. Mit anderen Worten werden die Truppen, die in Osteuropa und im Baltikum versammelt werden, damit als eine Art Abschreckung verwendet. Jedoch nicht um eine russische «Aggression» zu verhindern, wie behauptet wird, sondern um Russland davon abzuhalten, seine Verbündeten und seine lebenswichtigen strategischen Interessen zu verteidigen.

Corbyn-Sieg könnte Strich durch die Rechnung machen

Beide Szenarien sind zutiefst beunruhigend. Der beste Weg für die Bürger der NATO-Staaten, diese Optionen vom Tisch zu nehmen, ist, zu verlangen, dass ihre Länder die militärische Aufrüstung an Russlands Grenzen stoppen. Schließlich sind wir diejenigen, die für diesen Unsinn bezahlen, und das zu einem Zeitpunkt, da in unseren Ländern Kürzungen bei lebenswichtigen öffentlichen Diensten erfolgen. Um die Spannungen zu senken, sind entmilitarisierte Grenzen in Osteuropa dringend notwendig, wie sie etwa der Führer der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, gefordert hat.

Die Schilderungen über die vermeintlich defensiven «Sommer-Schild»-Übungen der NATO in dieser Woche erinnern mich an meine Zeit an der Universität während der 1980er Jahre. Wer in England Jura studiert, wird den berühmten Fall von Combe v. Combe (1951) kennen, in dem Lord Denning entschied, dass Schiedsrichter nur als Schild und nicht als Schwert verwendet werden dürfen. Wir sollten darauf bestehen, dass die NATO, die in den letzten Jahren auf jeden Fall wie ein Schwert verwendet worden ist, den gleichen Regeln folgt. Die dänischen Soldaten in Estland sollten unterdessen ihren Beitrag und jede «Honig-Falle» genießen, solange sie das noch können.

Quelle:RT

 

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