Die ägyptischen Piloten waren gerade beim Frühstück, als israelische Kampfbomber am Morgen des 5. Juni 1967 Ägyptens Militärflughäfen und die dort stationierten Flugzeuge unter Beschuß nahmen. Acht Jahre hatte die israelische Luftwaffe für die Operation „Moked“ trainiert. Sie machte sich dabei eine der großen Schwächen der ägyptischen Luftabwehr zunutze. Flugzeuge, die tiefer als 500 Meter flogen, konnte das Radar nicht orten.

Von den 420 ägyptischen Flugzeugen zerstörten die Israelis den Großteil: nur wenigen Maschinen gelang es, überhaupt abzuheben. Kurz darauf ereilte die Luftwaffen Syriens und Jordaniens ein ähnliches Schicksal. Ezer Weizmann, der spätere Staatspräsident und damalige Luftwaffenkommandeur meldete telefonisch nach Hause: „Wir haben den Krieg gewonnen.“ Das war noch bevor am 5. Juni die Sonne unterging.

Zum präventiven Handeln gezwungen

Im Verlauf der nächsten Tage eroberte Israel den Sinai, den Gaza-Streifen, die Westbank und Ost-Jerusalem. Kurz vor Ende des Krieges folgten die Golan-Höhen. Am Abend des 10. Juni verfügte Israel über ein mehr als dreimal so großes Territorium wie sechs Tage zuvor.

Die Monate vor dem Krieg waren von syrischen Artillerieangriffen auf israelische Ortschaften geprägt gewesen. Israel machte dem Baath-Regime wiederholt klar: Stoppt die Angriffe, oder wir werden handeln! Ein größerer israelischer Angriff auf Syrien, das war klar, würde unweigerlich Ägypten mit in den Krieg ziehen, das mit Syrien in einer Militärallianz verbunden war. Ein Zwei-Fronten-Krieg in einem Land ohne strategische Tiefe wäre für Israel mit enormen Risiken verbunden gewesen. Der Judenstaat sah sich daher zu präventivem Handeln gezwungen.

Alles andere als siegesgewiß

Die letzten Maitage machten klar: Die Zeit für diplomatische Bemühungen war abgelaufen. Auch, weil US-Präsident Lyndon B. Johnson keine Anstalten machte, die Durchfahrt israelischer Schiffe durch die vom ägyptischen Präsident Gamal Abdel Nasser gesperrte Straße von Tiran militärisch zu erzwingen.

Die Stimmung in der israelischen Bevölkerung war zu dem Zeitpunkt alles andere als optimistisch. Eine Radioansprache von Premierminister Levi Eschkol am 28. Mai, die die Bevölkerung beruhigen sollte, geriet zu einer stammelnden Katastrophe. Fünf Tage zuvor hatte sein Generalstabschef, Yitzhak Rabin, einen Nervenzusammenbruch erlitten.

Keinen langen Krieg riskieren

Vier Tage vor Beginn der Kriegshandlungen gab Israels Premierminister dem Drängen seiner Generäle und der öffentlichen Meinung nach und trat von seinem zweiten Amt als Verteidigungsminister zurück. Moshe Dayan, als Generalstabschef Held der erst von Präsident Eisenhower gestoppten Suez-Operation von 1956, bestimmte fortan den strategischen Kurs.

Zu einem schnellen Handeln war Israel aber nicht nur wegen der Befürchtung gezwungen, Ägypten könnte zuerst zuschlagen. Israel war schon damals eine Reservistenarmee. Das Land konnte sich keine monatelange Hängepartie mit unabsehbaren wirtschaftlichen Folgen leisten.

Nasser rechnete mit der eigenen Niederlage

Auf der anderen Seite war Ägyptens Präsident Nasser alles andere als begeistert von der Aussicht, in den Krieg zu ziehen. Eine Auseinandersetzung mit Israel könne man nicht gewinnen, schätzte er in privaten Gesprächen in den Jahren vor der militärischen Auseinandersetzung die Lage treffend ein.

Nassers Hauptsorge galt aber einem möglichen Sturz durch seine Generäle, an vorderster Front Generalstabschef und Verteidigungsminister Abdel Hakim Amer, der seit Monaten auf Krieg drängte. Statt in Tel Aviv zu Mittag zu essen, wie es arabische Generäle großspurig angekündigt hatten, funkte Kommandeur Mordechai Gur, der mit seinen Truppen die Jerusalemer Altstadt einnahm, am 3. Kriegstag um kurz nach 10 Uhr die Worte, die noch heute jedes israelische Schulkind kennt: Har Habajit Bejadeinu – der Tempelberg ist in unserer Hand.

Militär für Aufgaben der Polizei zweckentfremdet

Die Schmach für die Araber und besonders für den jordanischen König Hussein, Schutzherr der drittheiligsten Stätte des Islam, war perfekt. Die Folgen für die Region dauern bis heute an. Im Westjordanland wurden israelische Soldaten zunächst wohlwollend von der Bevölkerung aufgenommen.

Die jordanische Herrschaft wünschte sich kaum ein Palästinenser zurück. Aber schon bald änderte sich die Stimmung. Statt sich mit großen Siegen in Schlachten gegen fremde Armeen zu schmücken, wurde das israelische Militär in den folgenden Jahrzehnten für Polizeiaufgaben im Dienste der Besatzung zweckentfremdet.

Israel galt plötzlich als Aggressor

Den Sinai gab Israel 1982 vollständig an Ägypten zurück. Aus dem Gaza-Streifen zogen Armee und Siedler 2005 ab. Beide Male verantwortlich: Ariel Scharon, einmal als Verteidigungs-, das andere Mal als Premierminister. Aber auch diplomatisch hatte der Präventivschlag Konsequenzen. Israel, bisher immer als Underdog wahrgenommen, galt vielen plötzlich als Aggressor. Frankreich, der bis dato engste Verbündete, wendete sich ab.

Die Hoffnung Dayans, die eroberten Gebiete als Faustpfand für Friedensverhandlungen zu nutzen, zerschlug sich schnell. Sechs Jahre später war für die neue Premierministerin Golda Meir und Verteidigungsminister Dayan klar: Israel durfte aus Imagegründen in einer erneuten Auseinandersetzung nicht den ersten Schuß abgeben. Das sollte im Jom-Kippur-Krieg dramatische Konsequenzen haben.

von Thorsten Brückner

Quelle: Junge Freiheit

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