Die Golfstaaten wollten einen Gottesstaat in Syrien, Israel seine Feinde miteinander beschäftigt sehen, die USA ihren Einflussbereich erweitern: Die jüngsten Entwicklungen sprechen dennoch sowohl gegen einen Regime Change als auch gegen eine Spaltung.

von Zlatko Percinic

Eigentlich ist es tragisch, wenn man die Befreiung Ost-Aleppos und die Entfernung wahhabitischer, terroristischer Elemente aus der Stadt als eine politische Niederlage für die US-angeführte Allianz in Syrien bezeichnen muss. Was normalerweise Grund für einen Freudentaumel sein sollte, sorgte in Washington, London, Paris und Berlin für lange Gesichter — von den vor Wut schäumenden in Riad, Abu Dhabi und Doha gar nicht erst zu sprechen.

Statt auf die sonst übliche US-Strategie nach solchen katastrophalen Fehlgriffen zurückzugreifen, nämlich die der Gesichtswahrung und Minimierung der Verluste, konnte Präsident Barack Obama es nicht verhindern, dass am 17. September 2016 ein selbstverständlich als «Fehler» bezeichneter Angriff auf Truppen der syrischen Armee erfolgte.

Dieser alles andere als ungewollte Angriff setzte zum ersten Mal seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien im Jahr 2011 die syrische Armee direkt ins Fadenkreuz der US Air Force. Mit der tief im kurdischen Gebiet gelegenen Rmeilan Air Base, die die dort stationierten amerikanischen Spezialeinheiten vor der syrischen und russischen Luftwaffe schützen sollte, und der im irakischen Mossul gestarteten Offensive gegen die Extremisten des selbsternannten Islamischen Staates (auch als ISIS oder Daesh bekannt) fiel der Startschuss zum erneuten Versuch einer Teilung der Arabischen Republik Syrien.

Salafistischer Steinzeitstaat soll Regierung in Damaskus isolieren

Der strategische Imperativ hinter diesem Vorhaben schien darin zu liegen, das zuvor vom Islamischen Staat kontrollierte Gebiet, welches größtenteils aus der syrischen Wüste im Osten des Landes bestand, als Pufferzone gegen den Iran beziehungsweise die schiitische Hisbollah auszugestalten. Rufen wir uns in Erinnerung, dass geheime US-Dokumente der DIA [Defence Intelligence Agency, der geheimdienstliche Arm des Pentagons; Anm. RT] aus dem Jahr 2012 genau das als wünschenswertes Ziel umschreiben:

Es gibt die Möglichkeit, ein deklariertes oder nicht deklariertes salafistisches Fürstentum im östlichen Syrien (Hasaka und Der Zor [sic!]) zu errichten, und das ist exakt das, was die Unterstützermächte der Opposition wollen, um das syrische Regime zu isolieren…

Nun, mit dem Islamischen Staat schien dieses Rezept bis zum Eingreifen Russlands in den Krieg im September 2015 auf Bitte der syrischen Regierung auch aufzugehen. Was die Führungen der beteiligten Staaten zuvor relativ gut verschweigen konnten, trat mit einem Mal sichtbar zutage: dass von all jenen westlichen Ländern, die am lautesten gegen den IS wetterten, niemand tatsächlich ein ernsthaftes Interesse daran hegte, diese Bedrohung menschlicher Zivilisation zu bekämpfen.

Dass sich das Projekt einer Pufferzone wieder auf der Agenda befand, lag darin begründet, dass sich an der syrisch-israelischen Grenze die libanesische Hisbollah und iranische Pasdaraneinheiten fest etabliert hatten, nachdem diese zuvor die Bevölkerung aus den Klauen der wahhabitischen Extremisten von Dschabhat al-Nusra befreit hatten. Wiederholte Luftangriffe der israelischen Luftwaffe auf angebliche Waffenlieferungen an die Hisbollah oder der zeitweilige Einmarsch israelischer Spezialeinheiten auf syrisches Territorium haben nichts an deren operationeller Leistungsfähigkeit geändert.

Israel: Prolongierter Bürgerkrieg in Syrien schadet allen Feinden gleichzeitig

Solange aber Dschabhat al-Nusra an der Grenze zu Israel war, pflegten die israelischen Streitkräfte durchaus warme Kontakte zu den Extremisten, wie der ehemalige Verteidigungsminister Mosche Yaalon zugab. Deshalb sollte man sich die Worte von Professor Efraim Inbar, dem einflussreichen Gründer des israelischen Begin-Sadat Center for Strategic Studies, langsam auf der Zunge zergehen lassen:

Ein Syrien, das in einen Bürgerkrieg verwickelt ist, hat viel weniger Energie und Möglichkeiten, Israel wehzutun, als ein starkes Syrien. Ein dysfunktionaler syrischer Staat, zerrissen durch einen Bürgerkrieg, ist nicht das Resultat israelischer Machenschaften, aber aus Sicht Israels eine positive strategische Entwicklung. Was von der syrischen Armee übriggeblieben ist, ist damit beschäftigt, das Regime zu beschützen und das Territorium zu erweitern, welches es kontrolliert. Es ist aber nicht in der Lage, die IDF [Israelische Streitkräfte; Anm. RT] in einem konventionellen Krieg herauszufordern, und es wird Jahre benötigen, eine ernsthafte militärische Maschine wiederaufzubauen. Noch ist Syrien im Moment dazu in der Lage, eine effektive diplomatische oder militärische Kampagne zur Rückeroberung des Golans zu starten, der eine zu verteidigende Grenze für Israel im Norden darstellt.

Ob mit oder ohne «israelische Machenschaften»: Fakt ist, dass es nicht in Israels Interesse liegt, den Krieg in Syrien zu beenden und das Blutvergießen zu stoppen. Aus diesem Grund sieht die israelische Regierung von Benjamin Netanyahu auch keinerlei Probleme darin, sich mit Saudi-Arabien zusammenzutun, obwohl Israel und das wahhabitische Königreich sich technisch gesehen noch miteinander im Kriegszustand befinden.

Das alles tritt jedoch hinter das gemeinsame Ziel zurück, Syrien solange ausbluten zu lassen und notfalls die ganze Region zu destabilisieren, bis der Einfluss des Irans wieder in die Region östlich der irakischen Grenze oder des Persischen Golfes zurückgeworfen würde. Israel ließ es lieber darauf ankommen, den Flächenbrand in Syrien zu prolongieren, indem es immer wieder syrische Ziele bombardierte, als sich als Partner für einen Frieden in Syrien in Szene zu setzen. Und es ist vielleicht überflüssig zu betonen, dass Jerusalem für diese kriegerischen Aktionen nicht einmal von Seiten der der USA und der Europäischen Union ermahnt, geschweige denn verurteilt wurde.

Armeen Iraks und Syriens im Zangenangriff gegen den IS

Ganz im Gegenteil: Die USA fingen damit an, tausende zusätzliche Soldaten nach Jordanien zu verlegen, die das Pentagon offiziell für die großangelegte Militärübung «Eager Lion» vorgesehen hatte und nicht als potenzielle Eingreiftruppe. Die Amerikaner verlegten auch das moderne Langstrecken-Artilleriesystem HIMARS nach Jordanien — eine mobile Plattform für großkalibrige Raketen mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Jüngst kündigte das Pentagon aber auch an, HIMARS nach Syrien in die Grenzregion von Al-Tanf zu verlegen, um «auf jedwede Bedrohung, die von Pro-Regime-Kräften ausgeht, vorbereitet zu sein». Damit geriete sogar die Hauptstadt Damaskus in den Radius der HIMARS-Raketen.

Damit reagierte die U.S. Army auf die Niederlage ihrer diversen Rebellengruppierungen gegen die syrische Armee und ihrer Verbündeten. Diese bewegt sich wiederum zusammen mit der irakischen Armee in einer Zangenbewegung von beiden Seiten der Grenze her auf den Grenzübergang Al-Tanf zu. Sie vernichtet und vertreibt nicht nur die Extremisten des Islamischen Staates, sondern ultimativ auch die amerikanischen Sondereinheiten. Besonders schmerzhaft für die Planer im Pentagon muss es gewesen sein, als die irakischen Kämpfer, die sich auf Al-Tanf zubewegten, als Zeichen der Ehrerbietung stolz ein Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad präsentierten.

USA wollen jetzt nur noch Position für Friedensgespräche optimieren

Diese letzten amerikanischen Züge, mit denen sie sich selbst gegen die Erfinder des Schachs mattgesetzt haben, sind keine wirklichen militärischen Züge mehr. Russland zeigt sich völlig unbeeindruckt von den letzten US-Luftangriffen auf syrische Truppen in diesem Gebiet, hat sich nicht zu einem Gegenschlag in Form des Abschusses eines US-Kampfjets provozieren lassen, und stattdessen mit Geduld und großer Effizienz die Abspaltung einer durchgängigen, von US-Truppen kontrollierten Pufferzone im ehemaligem IS-Gebiet verhindert.

Diese letzten Winkelzüge der Amerikaner im Osten Syriens sind nichts weiter als der letzte verzweifelte Versuch, sich doch noch eine einigermaßen passable Ausgangsposition für die unausweichlichen «Friedensgespräche» zu sichern. Dazu passt auch die jüngste Äußerung des US-Außenministers Rex Tillerson vor dem Außenpolitischen Ausschuss des Senats, als dieser bestätigte, dass die US-Regierung über keine «Ermächtigung» verfüge, syrische Regierungstruppen oder deren Verbündete anzugreifen.

 

 

Quelle: RT

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