In Washington beginnen heute amerikanisch-chinesische Verhandlungen über Sicherheitsprobleme, schreibt die Zeitung «Nesawissimaja Gaseta» am Mittwoch.

Die entsprechende Vereinbarung wurde beim bilateralen Gipfeltreffen im April in Florida getroffen. Im Mittelpunkt der Debatte wird die Situation um das Atomprogramm Nordkoreas stehen.

Im Vorfeld der Gespräche versuchte Washington unverhohlen, Peking unter Druck zu setzen. Die amtierende Assistentin des US-Außenministers für Ostasien und Pazifik, Susan Thornton, warnte beispielsweise, die USA könnten Sanktionen gegen chinesische Unternehmen verhängen, die vermutlich mit dem nordkoreanischen Raketen- bzw. Atomprogramm verbunden seien. „Wir rufen China auf, seinen einmaligen Einfluss als größter Handelspartner Nordkoreas zu nutzen, damit es die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats vollständig erfüllt“, betonte Thornton.
Laut dem «Wall Street Journal» baten die Amerikaner Peking, den Handel mit Nordkorea, an dem sich etwa zehn chinesische Firmen bzw. Personen beteiligen, zu stoppen. US-Außenminister Rex Tillerson sagte in der vorigen Woche im Auswärtigen Ausschuss des Repräsentantenhauses:

„Wir baten, dass sie (die Chinesen) etwas unternehmen. Aber Präsident Trump sagte dem Präsidenten Xi ganz deutlich, dass wir selbstständig handeln würden, wenn sie nichts tun sollten.“

Reuters berichtete, dass die Amerikaner auf noch härteren Sanktionen gegen Pjöngjang bestehen als die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats vorsehen. Es gehe unter anderem um das Verbot für Öllieferungen, für den Einsatz der nordkoreanischen Fluglinien bzw. Arbeitskräfte und um das Abfangen von nordkoreanischen Frachtschiffen. Allerdings wolle die Volksrepublik keinen Zusammenbruch des Regimes in Pjöngjang, denn dann würden viele Nordkoreaner nach China flüchten.

Aber die Kontroversen zwischen Washington und Peking gelten nicht nur Nordkorea. Thornton warf den Chinesen mangelhafte Aktivitäten im Kampf gegen den Terrorismus vor. Offenbar meinte sie dabei, dass sie sich nicht der Koalition aus 68 Ländern anschließen wollten, an deren Spitze die USA stehen.

Noch mehr Differenzen gibt es allerdings um die Situation im Südchinesischen Meer und um Taiwan. So warf Tillerson den Chinesen unlängst vor, sie würden die Stabilität in Ostasien verletzen, und warnte, dass US-Schiffe in der Nähe der umstrittenen Inseln verkehren würden, die China seine eigenen nennt.

In Bezug auf Taiwan plädierte Tillerson für die Aufrechterhaltung des aktuellen Status quo. Das bedeutet, dass Washington Taiwan zwar als einen Teil Chinas betrachtet, es aber mit Waffen versorgen wird. Die chinesische Führung erwägt ihrerseits ein Szenario, das früher kaum vorstellbar war: Taiwan in den nächsten zehn bis 15 Jahren zurückzugewinnen.

Vor diesem Hintergrund wurde Tillerson von einem Reporter gefragt, ob Washington und Peking nicht in eine Art „Thukydides-Falle“ geraten würden.

Der altgriechische Historiker Thukydides hatte im Kontext des Peloponnesischen Krieges erzählt, wie Athen und Sparta als Rivalen in eine Falle geraten waren: Die beiden hielten den Krieg für unvermeidlich, denn die Macht Athens wurde immer größer, und angesichts dessen wurde auch die Angst Spartas vor Athens Stärke größer. Publizisten der Neuzeit vergleichen die Konfrontation der beiden alten Staaten mit den Beziehungen zwischen den allmählich schwächeren USA und dem immer stärkeren China.

Tillerson vermied eine direkte Antwort und sagte lediglich, die Beziehungen zwischen Washington und Peking würden gerade einen Wendepunkt erleben.

Alexander Larin vom Fernost-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften sagte dazu: „Die chinesisch-amerikanischen Beziehungen sind schwierig. Da sind diametrale Tendenzen sichtbar. Beide Seiten sehen ein, dass die Unbestimmtheit zwischen ihnen beseitigt werden müsste. Deshalb wird es eine ganze Reihe von Verhandlungen geben.“

Die Chinesen ließen sich natürlich nicht gefallen, dass Washington sie unter Druck setze, so der Experte weiter. Andererseits aber seien sie selbst wegen Pjöngjangs Vorgehen beunruhigt. „Es sind gewisse Maßnahmen vonnöten, aber welche? Chinas Idee besteht darin, dass die Seiten am Verhandlungstisch zusammenkommen sollten. Die Ergebnisse der Verhandlungen wären jedoch fraglich. Allerdings wäre es für China absolut inakzeptabel, wenn der Eindruck entstehen würde, dass es dem Druck der Amerikaner nachgibt“, so der Politologe.

Er vermutete, dass Peking und Washington letztendlich einen Kompromiss finden werden. „China könnte einen passenden Vorwand für gewisse Zugeständnisse finden. Allerdings würde es gleichzeitig von den USA Gegenschritte verlangen, zum Beispiel im Taiwan-Kontext oder im Handelsbereich. Jedenfalls werden die Seiten am Ende gleichberechtigt aussehen“, prognostizierte Larin.

 

Quelle: Sputnik