Der Kooperationsrat der arabischen Staaten des Golfes lässt sich im Grunde gleichzeitig als „arabische Nato, EU und UNO“ bezeichnen, äußert der Politologe Georg Mirsajan von der Finanzuniversität bei der Regierung Russlands.

Diese Vereinigung sei im Jahr 1981 auf Initiative Saudi-Arabiens gegründet worden und vereinige die reichsten und auch einflussreichsten Länder der arabischen Welt.

Es gab Zeiten, als man sogar von der Bildung einer arabischen Konföderation im Rahmen des Golf-Kooperationsrats sowie von der Einführung einer gemeinsamen Währung sprach, schreibt Mirsarjan in seinem Beitrag für Sputnik. Und schließlich sei es dabei um den gemeinsamen Kampf gegen den zunehmend stärker werdenden Iran gegangen.

Inzwischen scheint aber dieses Bündnis auf der Kippe zu stehen: Es wird quasi zerrissen, weil die Unterschiede zwischen den nationalen Interessen seiner Mitglieder viel stärker als ihre regionale Solidarität sind.

Besonders offensichtlich wurden diese Kontroversen natürlich im Kontext des jüngsten Konflikts um Katar. Die führenden Länder des Golf-Kooperationsrats – Saudi-Arabien und die VAE – warfen dem Emirat alle möglichen Sünden vor, nämlich die Kooperation mit dem Iran, die Unterstützung der „Muslimbrüder“, die Finanzierung des Terrorismus usw. Angesichts dessen wurde Doha ein Ultimatum gestellt, bei dem es im Grunde um die Forderung ging, seine außenpolitische Souveränität aufzugeben.
Doha wies das Ultimatum allerdings in jeder Hinsicht zurück. Jetzt muss Riad seine Antwort geben, sprich Katar für die Weigerung, sich zu beugen, bestrafen.

Dabei könnte aber Saudi-Arabien selbst Probleme bekommen: Erstens würde die Frage hinsichtlich einer strengen Bestrafung Dohas die Golfregion regelrecht spalten. „Für den Ausschluss Katars aus dem Golf-Kooperationsrat würden voraussichtlich nur drei der sechs Mitglieder stimmen: Saudi-Arabien selbst, die VAE und Bahrain“, sagte der Experte für die arabische Welt, Leonid Issajew, gegenüber Sputnik.

Dagegen würden Katar (ist ja klar) sowie Kuwait und Oman stimmen, die üblicherweise neutral bleiben und Streitigkeiten mit anderen Ländern lieber vermeiden.

Noch mehr als das: Kuwait und vor allem Oman kooperieren selbst mit dem Iran und haben daher Angst, dass nach Katar auch sie an die Reihe kommen könnten. Dann aber kämen keine Integrationsprojekte im Golf-Kooperationsrat mehr infrage.
Große Probleme hat Riad auch mit einem anderen Partner – den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Saudi-Arabien bereits im Kontext des Jemen-Konflikts gegenüberstehen. Während Riad auf der Wiederherstellung der jemenitischen Einheit besteht, bemüht sich Abu Dhabi um die Aussonderung des Südjemens, den sie bereit wären, als souveränen Staat zu betrachten.

Und schließlich haben die Emirate ihre eigenen Beziehungen zu Teheran: Durch die VAE werden etliche Güter quasi illegal in die Islamische Republik befördert.

Hinzu kommt, dass Katar Informationen veröffentlicht hat, dass VAE-Vertreter bei einem Treffen mit Amerikanern die innere Struktur Saudi-Arabiens kritisiert hätten – in der Hoffnung, dass sich Washington bei der Regelung von regionalen Problemen mehr auf die VAE stützen werde.

Damit teilt nur einer der Golfstaaten voll und ganz die Position Riads zu den wichtigsten außenpolitischen Fragen (Kampf gegen den Iran und die „Muslimbrüder“), nämlich Bahrain, und zwar nur deswegen, weil sich die dortige Dynastie al Khalifa auf die saudi-arabische Okkupationswaffen stützt. Was die Bevölkerung dieses winzigen Königreichs angeht, so ist sie progressiver als die Saudi-Arabiens (unter anderem genießen sie einige Freiheiten, die in anderen Ländern der Region verboten sind, weshalb viele saudi-arabische Jugendliche jedes Wochenende dorthin reisen) und wird deshalb Riads Radikalismus wohl kaum unterstützen.

Dies bedeutet, dass es für den saudi-arabischen Prinz Mohammed ibn Salman bei seinem Versuch, Doha unter Druck zu setzen, um alles oder nichts geht. Sollte er dabei scheitern (was durchaus möglich ist), könnte der Golf-Kooperationsrat zusammenbrechen.

Da taucht die Frage auf: Wer könnte davon profitieren?

Vor allem natürlich der Iran, der dann eine Gegenoffensive beginnen und selbst versuchen könnte, die Golfländer zu vereinigen. Das könnte nicht nur Katar sein, sondern auch Oman und Kuwait. Möglicherweise könnte es Teheran gelingen, auch Bahrain zu befreien.

Darüber hinaus wäre dies für die Türkei günstig. „Ankara hat schwierige Beziehungen zu Saudi-Arabien, dessen Einfluss die Türkei bei ihrer Etablierung im Nahen Osten behindert“, erläuterte Wladimir Awatkow von der russischen Diplomatischen Akademie in einem Interview für Sputnik. „Deshalb ist der Golf-Kooperationsrat in seiner jetzigen Form nicht besonders attraktiv für die Türkei, und sie bemüht sich direkt oder indirekt um seine Schwächung durch das Zusammenwirken mit Katar.“ Zwar würde die Schwächung Saudi-Arabiens zum Erstarken des Irans führen, der ebenfalls ein großer Rivale Ankaras ist. Aber mit Teheran habe sich Präsident Erdogan schon mehr oder weniger geeinigt, jedenfalls im Kontext des Syrien-Konflikts, so Experte Awatkow.
Was Russland angeht, so wäre der Zerfall des Golf-Kooperationsrats nicht besonders günstig für Moskau. Zwar hat es schwierige Beziehungen zu den Golfmonarchien und ziemlich gute Beziehungen zu deren Gegnern, beispielsweise zum Iran. Aber gleichzeitig ist Moskau an einer gewissen Kräfte- und Interessenbalance in der Region interessiert, bei der jede Seite an Russlands Unterstützung zwecks Festigung der eigenen Positionen interessiert wäre.

In diesem Sinne würde der Zusammenbruch des Golf-Kooperationsrats (geschweige denn Saudi-Arabiens) diese Balance entweder zerstören oder so modifizieren, dass er sich aus dem jetzigen im Allgemeinen stabilen „Dreieck“ in eine fragile türkisch-iranische Konfrontation verwandelt, die sich noch schwerer in den Griff bekommen ließe. Deshalb ist Moskau daran interessiert, dass der saudische Prinz vernünftig bleibt und aufhört, die Situation in der Golfregion zu destabilisieren.

 

Quelle: Sputnik