Die Visite des US-amerikanischen Präsidenten in Warschau stieß in Deutschland auf Unbehagen. Sein Bekenntnis zur NATO konnte den Unmut über seine spalterische Rhetorik zu Europa und antideutsche Töne nicht aufwiegen. Manche Medien reagierten überaus herb.

Wenn Amerika «first» kommt, wo soll dann der Platz für Europa sein? Dass die Russen in dieser Hierarchie zum wiederholten Mal den Platz des Ostens und damit der Bedrohung der Zivilisation einnehmen, ist ja nicht neu. Aber was ist mit Deutschland?

In Warschau beschwor Donald Trump am Donnerstag vor dem Denkmal an den Warschauer Aufstand den Zusammenhalt und die Kampfbereitschaft der so genannten westlichen Zivilisation, die vom Süden und vom Osten bedroht ist. Barbar ist dabei derjenige, der sich dieser Zivilisation nicht unterordnet – eine seit dem alten Rom geläufige Vorstellung. Nur wenn sie aufhören, die «feindlichen Regime» zu unterstützen, dürfen die Russen in die Reihe der «verantwortungsvollen Nationen» eintreten, sagte Trump in Richtung Russland.

Die Russen sind diese rhetorischen Tiefschläge gewohnt, sie können das einstecken — zumal man um die polnischen Sensibilitäten und Washingtons Bestreben weiß, Polen als Festlandsdegen in Europa aufzubauen. Die Deutschen hingegen nicht, zumindest nicht in dieser Konnotation.

Erster EU-Staatsbesuch führt Trump nach Warschau

Trump wies am wichtigsten Warschauer Erinnerungsort eindringlich darauf hin, wie Nazi-Deutschland in Polen gewütet hatte. Und er hat Polen Unabhängigkeit «von einem Energielieferanten» versprochen – den Deutschen zum Trotz, die sich immer mehr hinter das Energieprojekt Nordstream 2 stellen.

Er hat auch die europäische Bürokratie kritisiert und betont, dass es den «Westen» und die «freie Welt» gibt — allerdings ohne die EU auch nur mit einem Wort als Institution zu erwähnen. Und das wichtigste Signal Trumps war: Der Ort seines ersten Staatsbesuches in der EU ist Warschau, nicht Berlin oder Paris. Und es geht dabei nicht nur darum, dass er ein Egomane ist und sich natürlich dort wohler fühlt, wo man ihm zujubelt.

Obwohl das mit dem Applaus, glaubt man der deutschen veröffentlichten Meinung, auch so eine Sache sei. Die deutsche Presse, die erfahrungsgemäß in eher selektiver Weise auf solche Details achtet, will bemerkt haben, dass die Besucher «busseweise» zur Veranstaltung gebracht worden sind, wie zu kommunistischen Zeiten, die Trump so gerne in seiner Rede als Zeit der Unterdrückung schmähte:

Warschau organisiert Jubel, Trump bekommt busseweise Unterstützer. Wie einst schon zu Ostblock-Zeiten», schreibt N-TV

Wenn Busse plötzlich interessant werden

Nicht nett von der deutschen Presse, zumal es zumindest schadstoffärmer ist, Interessierte aus den entfernteren Provinzen des sechstgrößten Landes der EU in Bussen zusammenzufassen, als jeden von ihnen individuell anreisen zu lassen. Man merkt, es fällt den deutschen Medien schwer, ihren Haltungsbekundungen Grenzen zu setzen.

Die FAZ versucht sich noch an Trumps Versprechen bezüglich der NATO-Solidarität zu erfreuen, aber auch ihr fallen die Busse auf. Trump lobt an Ort und Stelle die Polen dafür, dass sie die Zwei-Prozent-Vorgabe in Bezug auf das BIP und die Verteidigungsausgaben gerne erfüllen. Deutschland ist in dieser Frage hingegen noch am Grübeln.

Und es gibt in der Tat viele Gründe zum Grübeln. Es ist kein Zufall, dass der deutsche Außenminister, der in seinen Reden noch ganz der alte Wirtschaftsminister ist, bereits offen vom Handelskrieg redet und den USA das Festhalten am Recht der Stärkeren vorwirft. Das Handelsblatt, die führende Wirtschaftszeitung, ist da sogar noch konkreter.

Sie vergleicht Donald Trumps gestrigen Besuch in Polen mit seiner Visite in Saudi-Arabien. Nach dem Saudi-Besuch sei die Katar-Krise ausgebrochen und die arabische Welt sei nun gespalten. Nur hier, in Europa, könne sich diese Geschichte nun «als Farce» widerholen. Dann schreibt das Blatt:

Trumps Warschau-Visite war also ein dreifacher Angriff auf Deutschland – wegen der deutschen Verteidigungsausgaben, der Aufstachelung in EU-Fragen und der drastischen Verschärfung der Tonlage zu Russland.

Beim billigen Gas stoßen auch die erhabensten «Werte» an ihre Grenzen

Haben wir richtig gehört? Antirussische Rhetorik vor einem antirussischen Publikum als Affront gegen Deutschland? Woher das nun plötzlich? Ist Russland etwa ein NATO-Staat? Woher diese Solidarität? So etwas darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen. Wird demnach in dieser Zeitung künftig immer noch von einer «Annexion der Krim» die Rede sein? Aller noch bis gestern allgegenwärtigen gespreizten «Werte»-Rhetorik zuwider sitzen die Deutschen und die Russen plötzlich wieder in einem Boot. Und dieses Boot sind gemeinsame Wirtschaftsinteressen.

Deutschland will — «Werte» hin, «europäische Friedensordnung» her — billiges russisches Gas und sich deshalb an russischen Mega-Infrastruktur-Projekten beteiligen. Da kommen ihm zu schnörkellos gewordene US-amerikanische Verdrängungsmaßnahmen nicht zupass. Die Deutschen sehen in teuren Fracking-Gas-Lieferungen aus den USA keinen Sinn, zumal das Verfahren umwelttechnisch sehr umstritten ist.

Ohne Obama: Katerstimmung in Deutschland Mainstream

Den Überraschungen nicht genug, druckte ebenjenes Handelsblatt am gleichen Tage sogar einen Gastkommentar Wladimir Putins ab, in dem dieser in staatsmännischer Manier über die Gemeinsamkeiten zwischen deutschem und russischem Verständnis in globalen Fragen schreibt, auch in Klimafragen. Noch vor einem Jahr war US-Präsident Obama in gesamter deutschen Presse derjenige, der «Visionen» hatte, während der russische nur «Machtstrategien» kannte.

Dieser neue Medientrend zeichnet sich spätestens seit den erneuten US-Sanktionen gegen Kuba ab, als Russland die USA für diese kritisiert und die deutsche Presse das nicht unterschlagen hat.

Nun naht die Stunde, da der deutsche Mainstream Farbe bekennen und offenbaren muss, wer während der vorangegangenen Jahre seine eigene Propaganda tatsächlich geglaubt und wer möglicherweise schon länger insgeheim den Verdacht gehegt hat, hinter der antirussischen Abgrenzungsrhetorik könnten sich ganz andere Beweggründe verbergen als bloß die Empörung über die «Annexion» oder das Treiben der «russischen Hacker».

Für die Polen mag der Auftritt Donald Trumps in Warschau historisch wirken, für die Deutschen könnte sie zur Stunde der Wahrheit werden.

 

 

 

Quelle: RT

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