Die Lage um Nordkorea wird immer komplizierter. Die Sanktionen der USA sowie deren Militärpräsenz drängen Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un dazu, sein Atomprogramm um jeden Preis weiterzuentwickeln. Der russische Politikwissenschaftler Geworg Mirsajan erklärt, wie sich Washington in der Nordkorea-Frage selbst in eine Falle geführt hat.

Nordkorea gehört heute zu den aktuellsten Themen der Weltpolitik. Und dafür gibt es laut Mirsajan zwei Gründe.

Erstens sei das Kim Jong-un selbst. Aus Pjöngjang kommen regelmäßig Provokationen, wie etwa das jüngste „Todesurteil“ für den südkoreanischen Präsidenten oder die wiederholten Raketentests.

Der letzte solche Test fand erst vor wenigen Tagen statt und brachte Nordkorea näher an den Punkt, von dem an es kein Zurück mehr gibt – die Schaffung einer interkontinentalen ballistischen Rakete, die Kalifornien erreichen und die mit einem kompakten Atomsprengkopf bestückt werden kann.

Der zweite destabilisierende Faktor seien die USA. Die Amerikaner seien sich durchaus bewusst, dass Pjöngjang die „rote Linie“ noch nicht überschritten habe. Mehr noch, Washington verstehe, dass die Sanktionen nichts bzw. das Gegenteil von dem bewirken, was als Ziel gesetzt worden sei. Denn Kim Jong-un  müsse seinem Volk immer wieder beweisen, dass er keine Angst vor den „verfluchten Imperialisten“ habe.

Amerika reagiere dann auf die nordkoreanischen Provokationen, indem es mit einem Krieg und mit neuen Sanktionen drohe und vom „Ende der Ära der Geduld“ spreche.

Das Verhalten Washingtons hat dem Politologen zufolge mehrere Erklärungen. Das nordkoreanische Problem lasse sich weder militärisch noch mit Sanktionen lösen. Genauer gesagt gebe es keine effektive Lösung, bei der Seoul und andere südkoreanische Städte unversehrt bleiben würden.

Dies können die USA Mirsajan zufolge nicht zugeben, weil sie eine Supermacht sind und das Ignorieren dieses Problems für sie eine Demonstration von Schwäche wäre.

Die Drohungen gegen Nordkorea, die aber nie in die Tat umgesetzt würden, seien auch eine Schwäche. Doch diese Schwäche habe einen Vorteil für die USA, und zwar die Stärkung ihrer Position in Japan und Südkorea. So sei die Stationierung des US-Flugabwehrsystems in Südkorea tatsächlich gegen das Militärpotenzial Chinas und nicht gegen das von Nordkorea gerichtet.

Nach dem jüngsten Raketenstart Pjöngjangs hatte die UN-Botschafterin der USA, Nikki Haley, angekündigt, Washington bereite eine neue Resolution gegen Nordkorea vor. Diese soll zudem eine Strafe für Länder vorsehen, die Handelsbeziehungen zu Nordkorea pflegen.

Als Folge findet sich China in einer Falle wieder. Wenn Peking der Resolution zustimmt und aufhört, das nordkoreanische Regime zu finanzieren, wird dieses Regime zerfallen. Mit allen damit einhergehenden „angenehmen“ Folgen wie Migrantenströme, einem Zerfall der riesigen nordkoreanischen Armee, dem Gelangen von Atomtechnologien in die Hände von Fanatikern und letztens mit dem Auftauchen von US-Militärbasen in der Nähe der chinesischen Grenzen.

Sollte China die Resolution blockieren, was es bestimmt tun werde, da es all diese Folgen nicht brauche, würden die Amerikaner den Chinesen vorwerfen, das nordkoreanische Problem nicht lösen zu wollen. Dann werde die „Bestrafung“ Chinas folgen, mit neuen Truppen in Ost-Asien, neuen Sanktionen gegen chinesische Unternehmen und Waffenlieferungen an Taiwan.

Chinesische Antwort

Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, entwickelten China und Russland einen Fahrplan und präsentierten ihn der Weltgemeinschaft. Dessen erste Phase heißt „beiderseitiges Einfrieren“ und sieht zeitgleiche Aktionen seitens Nordkoreas und der USA vor. Nordkorea soll demnach sein Atomprogramm einstellen. Die USA und Südkorea sollen im Gegenzug auf großangelegte Militärmanöver verzichten.

Doch dieses Angebot hätten die Amerikaner bereits abgelehnt – aus zwei Gründen. Der erste offensichtliche Grund: Eine solche Vereinbarung würde einen unangenehmen Präzedenzfall schaffen. Südkorea wäre gezwungen, auf sein souveränes Recht auf Militärübungen zu verzichten im Tausch gegen Nordkoreas Verpflichtung, die UN-Sanktionen einzuhalten.

Der zweite Grund hat laut Mirsajan mit US-Interessen zu tun. Die USA sind sich durchaus bewusst, dass dieser Vorschlag nicht so sehr die Lösung der nordkoreanischen Atomfrage als vielmehr eine Verringerung der US-Präsenz in Südost-Asien zum Ziel habe.

Das russisch-chinesische Projekt wird zudem aus Sicht des Politologen zu einer Schwächung der amerikanisch-südkoreanischen Allianz führen. Und Seoul würde sich dann auf die Suche nach einem anderen Verbündeten begeben, der es militärisch schützen sowie als Vermittler bei Verhandlungen mit Nordkorea auftreten könnte. Diese Rolle könne China spielen.

Aber Washington könne nicht zulassen, dass China seine Position in Südkorea (und nicht nur dort) auf seine Kosten stärke. Geschweige denn die Tatsache, dass ein Stopp der nordkoreanischen Raketentests das US-Luftabwehrsystem in Südkorea überflüssig machen würde.

Im Endeffekt sind die USA in dieselbe Falle geraten, die sie China gestellt hatten. Faktisch hat das Weiße Haus auf eine diplomatische Lösung des Konflikts verzichtet. Daher könnten alle Vorwürfe, die die USA gegen China erheben wollten (über den Unwillen der Chinesen, das nordkoreanische Problem zu lösen), an die Amerikaner selbst gerichtet werden. Und es seien gerade die USA und nicht China, so der Politologe, die an Ansehen verlieren würden.

 

 

Quelle: Sputnik

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