Von Wolf Wetzel 

Manchmal ist es von Vorteil, nicht dabei zu sein – auch wenn das nicht wirklich eine gute Begründung ist.
Ich war bei der Demonstration „welcome to hell“ am 6. Juli 2017 in Hamburg dabei – am Fernseher, dank einer Liveübertragung des N24-Senders. Er berichtete über die Veranstaltung und Kundgebung im Vorfeld und dann durchgehend über die Demonstration gegen den G20-Gipfel, über vier Stunden lang, bis 23 Uhr.
Der Sender hatte zwei Reporter vor Ort, einen in den Reihen der Demonstration und einen auf Seiten der Polizei. Ab und an wurde dann ins Studio geschaltet, wo Moderatoren und „Experten“ das Gesehene einordnen sollten.
Ich kann mich also ausschließlich auf diese Kameraperspektiven beziehen und möchte mich auf den Zeitraum zwischen 19.00 bis 20.00 Uhr beschränken.

Es geht dabei um die Frage, die wir schon so oft gehört haben und die so oft so verschieden beantwortet wurde:
Wer begann an diesem Donnerstag mit der Gewalt? Wer ist für die Einkesselung der Demonstration verantwortlich? Wer ist für ihre Zerschlagung bzw. Auflösung verantwortlich?

Natürlich sind die Antworten immer standortabhängig. Selten gibt es da eine neutralen, objektiven Hochstand, von dem man das Ganze betrachten und beurteilen kann.
Aber wir haben in diesem Fall auf jeden Fall die Liveberichterstattung des N24-Senders und ich hoffe, dass dieses Material ausreicht, um aus dem Bereich spekulativer Annahmen herauszukommen.
Um diesen Weg zu beschreiten, möchte ich eine schnelle Einordnung vermeiden und dies vorwegschicken: Ich habe schon früher meine Zweifel daran gehabt, ob sich der ungeheure Aufwand für solche „Gipfelstürme“ (schon in den 80er Jahren waren man mit Fantasien nicht kleinlich) lohnt – wenn man, wieder bei Kräften, die Wirkung beurteilt und vor allem das Ziel einer solchen Kampagne an der Wirklichkeit überprüft: Gibt es tatsächlich einen wirklichen Nachhall auf dieses Event? Hat es mobilisierende Wirkung für die politischen Alltage? Ist ein solcher „Gipfelsturm“ konzentrierter Ausdruck der vielen politischen Alltage oder Ersatz?
Oder haben diese besonderen Erfahrungen einen eigenen Wert, wenn sie einmal nicht aus Ohnmacht und Vereinzelung bestehen?
Diese Fragen umtrieben mich seit den 80er Jahren und ich habe es sehr selten erlebt, dass man sich nach solchen aufreibenden und kraftraubenden Ereignissen auch die Zeit genommen hat, diese Fragen zuzulassen … und nach Antworten zu suchen, die ggf. auch in eine veränderte Praxis münden, wenn das nächste Großereignis ansteht.
Als „Rubikon“ möchten wir diesen Raum öffnen und eine Debatte zusammen führen, die verschiedene Positionen darstellt und miteinander streitbar macht.

Die Berichterstattung beginnt am Fischmarkt, also dem Ausgangspunkt der Demonstration. So gegen 18.30 Uhr füllt sich der Platz und die Demonstrationsaufstellung ist zu sehen.
Die N24-Reporter sprechen von einer bunten Mischung an TeilnehmerInnen und Teilnehmern. Man sieht junge und alte Menschen, so verschieden gekleidet wie ihre politischen Zugehörigkeiten. Die Stimmung ist eher ausgelassen und unaufgeregt, als angespannt. Die Polizei hält sich zurück. Wenn die Kamera über den Fischmarkt hinausschwenkt, sieht man massive Einsatzkräfte.
Ganz vorne, an der Spitze der Demonstration sieht man den allerorts angekündigten „Schwarzen Block“. Bereits Tage zuvor wußte die Polizeileitung, wie viele erwartet werden: bis zu 8.000 „gewaltbereite Autonome“. Die N24-Reporter können sich die polizeiliche Erkenntnis nicht erklären. Denn tatsächlich sind es vielleicht 400 — 600, die sich in diesem Block befinden, von zahlreichen Transparenten eingerahmt. Sie sind überwiegend jung und schwarz gekleidet. Die meisten tragen Sonnenbrillen und Mützen, manche Gesichter sind durch Halstücher verdeckt.
Hinter diesem Block wird es bunter. Die N24-Reporter sprechen insgesamt von 12.000 TeilnehmerInnen. Die Kameras fangen jedoch auch ein, dass sich Tausende außerhalb des sich formierenden Demonstrationszuges befinden – auf den Brücken, in den anliegenden Straßen und Parkanlagen.
Gegen 19 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Trotz der vielen Katastrophenszenarien im Vorfeld konstatieren die Reporter einen ruhigen Auftakt, keinen einzigen Vorfall, den man mit Gewalttaten in Verbindung bringen könnte.
Es sind gerade einmal fünf Minuten vergangen, als Hundertschaften aufmarschieren, begleitet von zahlreichen Wasserwerfern. Sie blockieren mit massiven Polizeikräften den Demonstrationszug. An seinem Ende ziehen ebenfalls mehrere Hundertschaften auf. Da diese Stelle keine Seitenstraßen hat, ist die Demonstration eingekesselt. Die N24-Reporter zeigen sich irritiert. Ihnen fehlt der Anlass, der ein solches Vorgehen auch nur im Ansatz rechtfertigen könnte. Denn, selbst in dieser Situation, verhält sich die Demonstration ausgesprochen ruhig, was selbst die N24-Reporter lobend erwähnen.
Es werden immer mehr Polizeikräfte herangezogen und in den folgenden 30 Minuten suchen die N24-Reporter nach einer Polizeistrategie und geben auf. „Die Polizei wird wohl ihre Gründe dafür haben.“
Dann scheinen sich die Gründe aufzutun. Über Polizeilautsprecher wird die „Vermummung“ im Schwarzen Block als Demonstrationsdelikt angeführt, mit der Forderung, diese abzulegen. Außerdem habe man „polizeifeindliche Parolen“ vernommen. Dazu zählten Rufe wie: Haut ab, haut ab!
Die N24-Reporter rätseln über die Rechtmäßigkeit dieser Einkesselung. Die Polizeiführung habe „Null Toleranz“ angekündigt und der Verstoß gegen das Vermummungsverbot könnte darunter fallen, auch wenn sie abwägend hinzufügen, dass dies – bei anderen Gelegenheiten — „toleriert“ werde.
Obwohl die Reporter fest davon ausgehen, dass der „Schwarze Block“ dieser Aufforderung nicht nachkommen werde, sind sie selbst erstaunt, dass dies viele tatsächlich machen.
Weiterhin fliegen keine Steine oder Flaschen. Auch wird kein Versuch unternommen, die Einkesselung zu durchbrechen.
Nicht viel später beginnt die Phase 2 des Polizeieinsatzes. Hundertschaften stürmen los und prügeln auf den Schwarzen Block ein. Da es keine Fluchtwege gibt, entsteht Panik. Manche versuchen sich über die Böschung in Sicherheit zu bringen. Die meisten sind den Polizeiangriffen hilflos ausgeliefert. Später spricht die Polizeiführung davon, dass sie den Schwarzen Block vom Rest der Demonstration „separieren“ wollte. Ohne diesen könnte die Demonstration fortgesetzt werden.
Jetzt erst, und das kann man auf den Livebildern zweifelsfrei sehen, fliegen Flaschen und es werden „Rauchbomben“ geworfen, also eine dreiviertel Stunde nach Demonstrationsbeginn, als Reaktion auf diesen martialischen Polizeiangriff.

Dass es nicht der Polizeiführung obliegt, sich eine Demonstration zurecht zu prügeln, war wohl der Grund von Seiten der Demonstrationsleitung, das Ganze für beendet zu erklären.
Alles weitere ist weitgehend bekannt: Die DemonstrationsteilnehmerInnen verteilen sich, finden sich an anderer Stelle wieder zusammen. Es kommt zu zwei Demonstrationszügen. Es werden Barrikaden gebaut, Autos brennen…

„Die taz war mit einem guten Dutzend ReporterInnen vor Ort, viele von ihnen mit großer Erfahrung mit Berichten von Castor-Transporten, Maidemonstrationen und Gipfelprotesten in Deutschland wie zum G8-Gipfel in Heiligendamm 2007. taz-ReporterInnen bekamen einen ganz anderen Eindruck als die Polizei: Den einer Demonstration der Stärke, einer bewussten Eskalation Seitens der Polizei, die lange nicht mehr so rigoros und unverhältnismäßig vorgegangen ist.“ (taz vom 7.7.2017)>

„Attac hat sich nicht an der besagten Demo beteiligt, wir waren aber mit Beobachtern vor Ort. Dort mussten wir feststellen, dass die Eskalation ganz eindeutig von der Polizei ausging. Bis zu dem Eingreifen der Polizei hatten sich die Demonstrationsteilnehmer bemerkenswert diszipliniert verhalten. Aus unserer Sicht was das eine Eskalation mit Ansage. Es war eindeutig, dass diese Demonstration von Anfang nicht hatte laufen sollen.“ (Frauke Distelrath, Pressesprecherin von Attac Deutschland, FR vom 8.7.2017)

„Was ist passiert?
Eigentlich genau das, was vorab zu erkennen war. Nach 300 Metern war der »Schwarze Block« in der Falle und wurde unter dem voraussehbaren Vorwand des »Vermummungsverbotes« von vermummten Blöcken des Systems an einem weiteren Voranschreiten auf der zuvor ohne jede Auflage genehmigten Demo-Route gehindert. (…) Die Polizei hatte kein Interesse an einer Deeskalation. Offenkundiger als wie hier konnte man das kaum zeigen. Der »Schwarze Block«, die Fiktion der Polizei und der Teilnehmer von sich selbst, sollte niedergeschlagen werden. So kam es dann auch. Von vorne zuerst mit Polizeieinheiten, dann mit Wasserwerfern und Reizgas angegriffen, drangen die an der Seite nun in Stellung gebrachten Einheiten mit voller Gewalt in den Block ein. Sie schlugen den einzelnen Teilnehmern die Füße weg und hieben auf sie ein. Sie hatten offenkundig kein Interesse daran, irgendjemand gefangen zu nehmen, auch nicht daran, die Teilnehmer des »Schwarzen Blocks« in die Flucht zu jagen. Im Gegenteil: Wo Passanten oder Demoteilnehmer (man konnte sie nicht immer unterscheiden) den Eingeschlossenen helfen wollten, die Flutschutzmauern zu erklimmen, um darüber aus dieser heillosen Lage heraus zu flüchten, wurden auch diese zuerst mit Reizgas, dann mit Wasserwerferstrahl bekämpft. Absicht und tatsächliches Geschehen war, dass der »Schwarze Block« niedergeprügelt wurde.“ (Karl-Heinz Dellwo, Mitherausgeber des LAIKA-Verlages, 7. Juli 2017)

Der Grund, eine Demonstration von über 12.000 TeilnehmerInnen zu zerschlagen, soll die Vermummung von 4 — 600 Personen gewesen sein.
Es gibt nicht wenige, die sich mit den kapitalismus-kritischen Zielen solidarisieren, aber genau hier auf Distanz gehen und die „Vermummten“ für die Eskalation verantwortlich machen. Dabei nutzt man gerne das Bild von den beiden Seiten, die sich gegenseitig aufschaukeln … und brauchen.

Keine Frage: Vermummte Personen machen keine vertrauenserweckenden Eindruck. Sie haben nichts Einladendes. Man unterstellt ihnen das Begehen von Straftaten oder man bringt sie zumindest in Verbindung damit.
Warum wird dann aber nicht die Vermummung der Polizei kritisiert? Warum wird sie – mehr oder weniger – hingenommen? Fast alle Polizeikräfte in Hamburg waren vermummt, nicht halb oder halbwegs, sondern auf ganz professionelle Weise unkenntlich gemacht.
Es gab politische Zeiten, da wurde genau das kritisiert. Immer und immer wieder begingen und begehen Polizisten Straftaten und es ist unmöglich, sie zu identifizieren, da sie vermummt waren und anschließend von Kameraden und Vorgesetzten gedeckt wurden. Lautstark und berechtigt wurde zumindest eine Kennzeichnungspflicht gefordert, um Straftaten im Ansatz verfolgen zu können.
Heute ist es still um diese Forderung geworden.
Statt dessen wurde auf polizeilicher, strafrechtlicher Seite nachgerüstet. Denn Vermummung war lange nichts anderes, als eine legale Möglichkeit, seine Identität zu schützen. Erst Mitte der 80er Jahre machte man aus einer Selbstschutzmassnahme eine Demonstrationsdelikt. Doch ein Demonstrationsdelikt in der Größenordnung einer Bagatelle kann man nicht auf das Demonstrationsrecht drauflegen, wie eine Tonne Blei. Das nennt man das Gebot der „Verhältnismäßigkeit“ und gegen genau das verstößt man, wenn man mit dieser Begründung eine Demonstration zerschlägt.

Wenn ein Bagatelldelikt ausreicht, um eine Demonstration zu zerschlagen, dann bleibt nur noch die Frage, wieviele (begangene und vorbereitete) Rechtsbrüche ausreichen, um einen G-20 Gipfel aufzulösen?

Bei allen Assoziationen: Vermummung tut nicht weh, verletzt niemand.
Und für die Vermummung gibt es auch gute Gründe. Und die sollten auch all jene wahrnehmen, die die Vermummung mehr ängstigt, als die Gründe, die eine Vermummung sinnvoll, ja geboten machen.
Ich gehe davon aus, dass viele bei dem Gedanken mitgehen, dass die Überwachung in den letzten Jahren massiv zugenommen, ein Ausmaß angenommen hat, das Orwells Dystopie „1984“ längst hinter sich gelassen hat. Das trifft für unsere elektronische Korrespondenz genau so zu wie für unser Leben im öffentlichen Raum. Dies nicht hinzunehmen, sich zu schützen, ist hoffentlich allgemeiner Grundkonsens. Wer verklebt nicht seine Webcam, um die Möglichkeit einer visuellen Ausspähung auszuschließen?
Auch wenn wir uns daran gewöhnt haben: Es gibt keinen Grund, sich damit abzufinden, wenn Demonstrationen zu mobilen Erkennungsdiensten der Polizei umgewandelt werden. Heute sind sogenannte Dokumentationstrupps der Polizei normal. Sie filmen die gesamte Demonstration ab. Sie können fast in Echtzeit Personen identifizieren. Sie speichern die gewonnenen Daten – ob mit oder ohne Begründung.

 

Quelle: Rubikon