Alle Staatsbürger der USA müssen bis zum 1. September Nordkorea verlassen, heißt es in einer Erklärung des US-Außenministeriums. In dem Dokument wird hervorgehoben, dass US-Pässe bei Reisen nach Nordkorea und Transitreisen nicht mehr gültig sein werden.

Solche Maßnahmen können in der internationalen Politik von der Wahrscheinlichkeit eines Kriegsbeginns zeugen. Jeder Intervention der USA in einen anderen Staat ging der Rückzug von US-Staatsbürgern voraus. Von einem möglichen Angriff gegen Nordkorea wurde vor kurzem unter anderem vom einflussreichen Senator Lindsey Graham gesprochen. Er sagte am 1. August im TV-Sender NBC, dass Präsident Donald Trump zu einer militärischen Lösung der Frage des nordkoreanischen Atomprogramms bereit ist, falls Kim Jong-un eine Rakete mit einem nuklearen Gefechtskopf bekommt, die das Territorium der USA erreichen kann.

Allerdings zweifeln viele Experten daran, dass die US-Regierung sich dazu entschließt, einen neuen bewaffneten Konflikt zu starten. Die Möglichkeiten Nordkoreas bleiben bis heute selbst für die besten Geheimdienste der Welt ein Rätsel.

Großkaliber-Trumpf

Lindsey Graham betonte, dass er persönlich ein friedliches Szenario bevorzuge. Allerdings nimmt die Militärpräsenz der USA in der Region weiterhin zu. Ende Juli nahm Seoul den Dialog mit den USA über weitere Lieferungen von THAAD-Systemen wieder auf, die in Südkorea stationiert werden sollen. Militärexperte Wladimir Kosin sagte damals gegenüber Sputnik, dass der Ausbau der Möglichkeiten der Raketenabwehr nahe Nordkorea bei den USA die Versuchung auslösen könnte, einen Angriff gegen Pjöngjang zu versetzen.

Zudem wurde am 1. August bekannt, dass das Pentagon zwölf Kampfjets F-16 nach Südkorea verlegen will, die Bodenziele angreifen können. Zudem finden regelmäßig gemeinsame Marineübungen Japans, Südkoreas und der USA im Japanischen Meer statt. Das alles, zusammen mit den Äußerungen der US-Hardliner, schafft einen alarmierenden Hintergrund.

„Ich denke nicht, dass konkret dieses Verbot die Vorbereitung der USA auf einen Krieg bedeutet“, sagte der Militärexperte und Chefredakteur der Zeitschrift „Nazionaljnaja Oborona“ (Nationale Verteidigung), Igor Korotschenko.

„In Nordkorea befinden sich derzeit ungefähr zehn bis 20 US-Staatsbürger. Für sie ist es eine „tote“ Tourismussparte. In vielerlei Hinsicht handelt es sich um eine politische Maßnahme. Allerdings wurde die Möglichkeit eines Militärangriffs gegen Nordkorea vom Pentagon und vom Joint Chiefs of Staff bereits unter Barack Obama durchgearbeitet. Offensichtlich befassen sie sich damit auch unter Trump. Doch ihre Berechnungen stoßen auf Unbestimmtheit. Sie wissen nicht, ob Nordkorea über Atomwaffen verfügt, die die USA bedrohen können. Das kann niemand genau berechnen, weil weder die USA noch ihre Verbündeten genaue Aufklärungsdaten haben. Dafür ist aber bekannt, dass sich in der Reichweite der nordkoreanischen Großkaliber-Artillerie Seoul befindet, das im Falle eines nordkoreanischen Angriffs von den Amerikanern mit massivem Feuer gedeckt wird.“

Nordkorea stationierte an der Grenze zu Südkorea rund 8000 Geschütze und Mehrfachraketenwerfer mit verschiedenem Kaliber und Reichweite. Im Gebiet Seoul wohnen 20 Millionen Menschen. Man braucht da keine Atombombe, um eine Katastrophe zu verursachen. Ein Dutzend Salven mit Sprenggeschossen würden ausreichen. Die nordkoreanische Seite hat alle technischen Möglichkeiten dazu. Diese starke Artilleriegruppierung ist heute der größte Abschreckungsfaktor, der die USA an einem Angriff gegen Nordkorea hindert.

Letztes Argument

Pjöngjangs Raketen- und Atompotential spielt vor diesem Hintergrund nur eine zweitrangige Rolle. Trotz der Drohungen Nordkoreas und seiner Rhetorik wird es sich kaum als erstes zum Start einer Interkontinentalrakete in Richtung von US-Städten entschließen. Die umfassende Berichterstattung über die Tests neuer Interkontinentalraketen in nordkoreanischen Medien ist de facto eine Verteidigungsmaßnahme.

Kim Jong-un versteht sehr gut, dass sein Land mit einem Gegenschlag völlig zerschlagen wird. Deswegen wird er den „Raketentrumpf“ nur dann einsetzen, wenn amerikanische Abrahams auf Pjöngjang vorrücken. Die USA verstehen dies sehr gut und werden Nordkorea kaum massiv unterdrücken.

„Jetzt spielt die Zeit für Kim Jong-un“, sagte der Militärexperte Michail Chodarjonok. „Je mehr ballistische Raketen verschiedener Klassen er hat, desto schwieriger wird es für Washington, von ihm etwas auf militärische Weise zu erreichen. Nordkorea versucht, sich schnellstmöglich in Sicherheit zu bringen. Aus militärstrategischer Sicht ist sein Verhalten nur so zu erklären. China wurde Zeit gegeben, um Nordkorea zu beruhigen, doch das wird zu nichts führen. Falls das Regime in Nordkorea eine Bedrohung für das eigene Überleben sieht, wird es selbst seinem wichtigsten Schutzherrn nicht zuhören. In dieser Situation kann man nur die USA mit ihren ständigen Drohungen verantwortlich machen. Man muss direkt sagen – niemand hat so viel für die Verletzung der Atomwaffensperrabkommen wie die USA getan“, so der Experte.

Bislang bleibt unklar, ob nordkoreanische Wissenschaftler es geschafft haben, einen nuklearen Sprengkopf zu entwickeln, mit dem die neuen Raketen ausgerüstet werden können. Diese Unklarheit ist ebenfalls ein Abschreckungsfaktor, der Nordkorea vor äußerer Aggression schützt.

Motivation und Diversionen

Neben Artillerie und Raketen verfügt Nordkorea über einen weiteren Trumpf – zahlreiche Spezialeinheiten für Aufklärungs- und Diversionsoperationen auf gegnerischem Territorium. Die Zahl der Sondertruppen wird auf 90.000 bis 120.000 Menschen geschätzt, verteilt auf 22 bis 23 Brigaden und mehr als 18 einzelne Bataillone.

„Zur Verlegung der Spezialeinheiten an die Küste des Gegners nutzen nordkoreanische Militärs eine große Zahl von kleinen und sehr kleinen U-Booten, die selbst mit modernsten Anlagen schwer zu orten sind“, sagte Korotschenko. „Beim Verlassen Südkoreas können Diversanten die Offensive des nordkoreanischen Heeres auf Seoul einfacher machen. Selbst für die Amerikaner wäre solch ein Krieg nicht ein einfacher Spaziergang“, so der Experte.

Die nordkoreanische Armee ist zur Kampfführung motiviert. Sie ist dem Anführer unglaublich treu ergeben. Die Menschen werden real kämpfen, vorrücken, ohne ihr Leben zu schonen. Da ist ein Fakt. Man kann von der Ideologie halten, was man will, doch sie spielt in der Gesellschaft und in der Armee Nordkoreas eine konsolidierende Rolle.

Laut dem Experten ist ein umfassender Krieg trotz der abenteuerlichen Außenpolitik Trumps kaum wahrscheinlich – zu hoch ist das Risiko einer asymmetrischen Antwort Nordkoreas. Allerdings gingen die USA bereits mehrmals einseitig vor, ohne auf die Folgen zu achten.

 

Quelle: Sputnik