Die Ukraine hat den Eisenbahnverkehr auf die Krim blockiert. Nun läuft die Arbeit an der neuen Brücke von der Halbinsel auf das russische Festland auf Hochtouren. Ab 2019 sollen Touristen dann mit dem Auto von Südrussland aus auf die Krim fahren können.

Von Ulrich Heyden

An der Grenze zwischen der russischen Krim und der Ukraine spielen sich in diesen Wochen unschöne Szenen ab. Die Situation ist dramatisch. Wie die Zeitung Moskowski Komsomolez vergangene Woche berichtete, staut sich der Verkehr vor dem Grenzkontrollpunkt Tschongar an der Grenze zur Krim kilometerlang. Ukrainer, die die Krim mit dem Auto besuchen wollen, müssen wegen einer extrem schleppenden Abfertigung Wartezeiten von bis zu zehn Stunden in Kauf nehmen. Den Eisenbahnverkehr auf die Krim hat Kiew eingestellt. Es fliegen auch keine ukrainischen und westlichen Fluggesellschaften auf die Krim.

Auf der Krim ist die Zahl der Touristen aus der Ukraine spürbar zurückgegangen, berichteten mir Touristenführer, Taxifahrer und Markthändler in Aluschta, Mischor und Gursuf, Orte an der Südküste der Krim, die ich in den letzten Wochen besucht habe.

Dass aus der Ukraine immer weniger Touristen auf die Krim kommen, hängt nicht nur mit den erniedrigenden ukrainischen Kontrollen an der Grenze zur Krim zusammen. Die Propaganda der ukrainischen Medien, nach der es unpatriotisch ist, auf der Krim Urlaub zu machen, tut ihr Übriges. Außerdem sind die Einkommen der Ukraine stark zurückgegangen.

Und die Russen? Kommen sie in diesem Sommer auf die Krim? Die Saison in diesem Jahr ist nicht ganz so gut wie im letzten Jahr, als fünf Millionen Touristen auf die Krim kamen, erzählt mir Oleg, der Manager einer Bar im Badeort Gursuf. „Im Vergleich zur Türkei ist unser Service noch nicht so gut“, meint Oleg, der selbst aus Donezk kommt und schon seit drei Jahren in Gursuf arbeitet.

An der Südküste der Krim trifft man immer wieder junge Leute aus in den selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk, die seit drei Jahren im Krieg leben. Die jungen Leute sind hierher gekommen, weil sie es in der Kriegssituation in ihrer Heimat nicht mehr ausgehalten haben, und weil sie auf der Krim im Tourismussektor gutes Geld verdienen können.

Die Sonne steht am wolkenlosen Himmel. Zum Glück gibt es eine frische Brise vom Meer, sonst wäre es hier am Ostrand der Krim ziemlich heiß. Wir befinden uns auf einer der größten Baustellen Europas an der Straße von Kertsch. Wenn alles gut geht, dann kann man bereits 2019 über eine vierspurige Autobahnbrücke vom südrussischen Festland auf die Krim fahren. Etwas später soll auch die parallel verlaufende Eisenbahnbrücke fertig sein. Die russische Halbinsel Krim, die jetzt nur mit Fähren und dem Flugzeug zu erreichen ist, wäre dann aus ihrer Isolation befreit.

7.000 Arbeiter auf der Baustelle

Die Baustelle für die neue Brücke ist von ihren Ausmaßen her gigantisch. Auf 19 Kilometern Länge werden Pfähle in den Meeresgrund gerammt. Ende Juli wurde auf einem schon fertigen Bauabschnitt der erste Asphalt geschüttet und gewalzt.

Unsere Journalisten-Gruppe fährt in einem Bus auf einer Behelfsbrücke, von der aus die neue Autobahn übers Meer gebaut wird. Es herrscht ziemlicher Lärm. Ständig bringen Laster Baumaterial. Die Stahlplatten der Behelfsbrücke klappern. Und dann ist da noch das metallische Schlaggeräusch der hydraulischen Hammergeräte, welche die Brückenpfeiler in den Meeresgrund treiben.

Der Bauplatz mitten im Meer mit den Wellen und den Schiffen am Horizont hat etwas Romantisches und Aufregendes. Das Meer hier hat seine Tücken. Wer hier baut, geht aufs Ganze. Der Meeresboden ist teilweise mit einer 70 Meter dicken Schicht aus Schlick bedeckt. Es gibt Erdbeben und im Winter Stürme mit starkem Eistreiben. Die Geschichte meinte es bisher nicht gut mit Brückenprojekten über die Straße von Kertsch.

Stalin fuhr mit dem Zug über die Vorgängerbrücke

Die erste Brücke über die Straße von Kertsch war eine Seilbahn. Sie wurde auf Hitlers Kommando gebaut. Militärischer Nachschub sollte so schneller in den Kaukasus und in den Iran gelangen.

Die zweite Brücke über die Straße von Kertsch bauten sowjetische Ingenieure nach der Befreiung der Krim im Herbst 1944. Stalin, der Angst vorm Fliegen hatte, fuhr im Februar 1945 im Zug über eben diese Brücke. Sein Ziel war die Konferenz von Jalta.. Am 18. Februar, unmittelbar nachdem Stalin von der Konferenz nach Moskau zurückgefahren war, brach das Bauwerk zusammen. 32 Brückenträger – aus erbeutetem deutschen Stahl in aller Eile montiert – hatten einem Sturm mit starkem Eisgang nicht standgehalten.

So etwas sollte nicht noch einmal passieren. Um der Brücke auch in den Abschnitten Halt zu geben, in denen die Schlickschicht 70 Meter dick ist, werden jetzt bis zu 96 Meter lange Stützpfeiler in den Meeresboden gerammt.

Die Stahlrohre, die in den Meeresgrund getrieben werden, passieren vorher am Ufer einen Brennofen, indem sie gegen Korrosion behandelt werden. Wenn die Stahlrohre mit richtiger Position fest im Meeresboden stehen, wird der Schlick aus den Rohren abgepumpt. Danach werden die Rohre mit Beton gefüllt und am oberen Ende verschlossen.

4.000 Tonnen schwere Brückenbögen werden auf Pontons übers Meer gezogen

Über die provisorische Brücke fahren wir mit einem Bus direkt an die Fahrrinne der Straße von Kertsch. Die liegt viereinhalb Kilometer von der Küste der Krim entfernt. Die Fahrrinne verbindet das Asowsche mit dem Schwarzen Meer. Um die Durchfahrt der Schiffe nicht zu behindern, werden über der Fahrrinne 35 Meter über dem Wasser nebeneinander zwei 227 Meter lange Brückenbögen montiert. Der eine Bogen ist für den Auto-, der andere für den Eisenbahnverkehr.

Noch liegen die beiden Brückenbögen (für die Auto- und Eisenbahnbrücke) am Ufer vor Kertsch, wo sie montiert wurden. Im Herbst sollen sie von Schleppern auf Pontons an ihren Bestimmungsort viereinhalb Kilometer vor der Küste gezogen werden. Den 4.000 Tonnen schweren Brückenbogen über das windige Meer zu bugsieren, birgt Risiken, weshalb das Manöver in einem Windkanal des St. Petersburger wissenschaftlichen Krylowski-Zentrums getestet und eine Route für die Schlepper konzipiert wurde.

Können die Russen ohne ausländische Hilfe Brücken bauen?

Der Sprecher der Bauleitung, Roman Nowikow, erklärt, dass am Brückenbau nur russische Unternehmen beteiligt sind. Indirekt haben aber auch ausländische Unternehmen ihren Anteil. So sieht man auf der Baustelle zahlreiche Kräne der deutschen Firma Liebherr. „Über die Hälfte“ der Arbeiten seien für die Brücke zur Krim bereits abgeschlossen, so Nowikow. 81 Prozent der Stützpfeiler seien in den Boden versenkt worden.

Beim Brückenbauen sind die Russen wahre Meister. Das Land durchziehen riesige Flüsse wie die Wolga, der Ob und der Jenissei, die alle mit Brücken überquert werden. In den letzten Jahren entstanden neue gigantische Projekte. Im fernöstlichen Wladiwostok wurde 2012 eine Schrägseilbrücke, die zwei Stadtteile miteinander verbindet, mit 1.100 Metern Länge eingeweiht. In St. Petersburg wurde 2004 die Große Obuchowski-Brücke in Betrieb genommen. Sie spannt sich in 30 Metern Höhe über den Newa-Fluss.

Die Hoffnung der Menschen

Wie denken die einfachen Menschen auf der Krim über die neue Brücke? Ljudmilla, die in Aluschta an der Südküste Touren für Touristen organisiert, meint, die Brücke werde den Verkehr sehr vereinfachen. Autos und Lastwagen könnten die Halbinsel bisher nur mit Fähren erreichen. Bei sehr windigem Wetter gäbe es Wartezeiten. Sobald die Brücke fertig sei, werde der Besucherstrom zunehmen, ist sich die Fremdenführerin sicher. Und die Touristen aus der EU? Für die ist die schnellste Verbindung auf die Krim das Flugzeug von Moskau aus. Westliche Fluggesellschaften fliegen die Krim nicht an.

Ist die Halbinsel überhaupt für einen Besucheransturm gerüstet? Es gäbe noch einige Defizite, antwortet Ljudmilla. Aber die Brücke sei „ein Ansporn“ für die örtlichen Verwaltungen, die Infrastruktur der Insel auf Vordermann zu bringen.

Oksana, eine junge Juwelierin, die im Badeort Mischor selbst gekelterten Rotwein verkauft, hofft, dass es durch die Brücke mehr Kontrolle gegen Korruption geben wird. „Zu einem gewissen Grad wird man Angst haben.“ Jeden Augenblick könne Jemand vom Festland kommen und eine unerwartete Prüfung durchführen. Oksana lacht. Der Gedanke an „unerwartete Prüfungen“ macht ihr Freude. Sicher werde die Brücke zu mehr Investitionen führen, meint die junge Frau. Außerdem hofft Oksana, dass die Verbraucherpreise auf der Halbinsel sinken werden. „Jetzt ist bei uns alles teuer.“

 

 

Quelle: RT