Der ukrainische Energieminister Igor Nassalik hat jüngst eingeräumt, dass sein Land den russischen Gastransit nach Europa nicht garantieren könne, und zwar wegen der Abnutzung seines Pipelinesystems, schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ am Dienstag.

„Es könnte dazu kommen, dass die Firma Ukrtransgaz rein technisch nicht bereit sein wird, das Gas zu befördern. Sollte das System nicht bereit sein, wäre das eine Katastrophe“, sagte Nassalik in einem TV-Interview. Zugleich warf der dem Top-Management von Naftogaz Ukrainy (Mutterkonzern von Ukrtransgaz) die ständige Kürzung der Investitionen in das nationale Pipelinenetz vor.

Damit unterstützte der Minister die Führung von Ukrtransgaz, die zuvor Naftogaz Ukrainy vorgeworfen hatte, der Mutterkonzern wäre nicht an Investitionen in die Pipelines interessiert, weil Russland weitere Pipelines unter Umgehung der Ukraine bauen könnte.

Ende 2019 läuft der aktuelle Transitvertrag zwischen Naftogaz Ukrainy und dem russischen Energieriesen Gazprom aus. Der Konflikt zwischen den beiden brach 2009 aus, als die Ukraine die illegale Gasentnahme aus dem Transitrohr begann. Inzwischen aber hat Russland die Pipeline Nord Stream 1 direkt nach Deutschland gebaut und die Arbeit am Projekt Turkish Stream begonnen. Es könnte auch die Pipeline Nord Stream 2 gebaut werden, aber wegen des neuen Sanktionsgesetzes in den USA sind ihre Perspektiven jetzt fraglich.

Was das ukrainische Pipelinesystem angeht, so erzählte der Experte des russischen Verbandes der Öl- und Gasproduzenten, Rustam Tankajew, dass Vertreter des deutschen Konzerns Winteshall die ukrainischen Pipelinenetze inspiziert und gewarnt hätten, dass das System schon 2019 zusammenbrechen könnte – wegen der mangelhaften Finanzierung und wegen ausbleibender Ersatzteile für die veralteten Anlagen, die noch in Sowjetzeiten gebaut wurden.

Allerdings sagte Gazprom-Chef Alexej Miller unlängst, der Konzern wäre bereit, auch nach 2019 etwa zehn bis 15 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich durch die Ukraine nach Europa zu befördern.

Wjatscheslaw Kulagin vom russischen Institut für energiewirtschaftliche Studien erläuterte:

„In der Ukraine gibt es ein großes Netz von Gaspipelines und —depots. Seine Kapazität schrumpft wegen der ausbleibenden Finanzierung für dessen Modernisierung und Reparatur. Andererseits aber muss da inzwischen nicht mehr so viel Gas transportiert werden. Heutzutage werden etwa um 50 Prozent weniger Gas durch die Ukraine befördert als es die projektierte Kapazität zulässt.“

Zum Vergleich: 2016 lag der Gastransit durch die Ukraine bei 80 Milliarden Kubikmetern, und Kiew bekam dafür 2,5 bis drei Milliarden Dollar. Es will jedoch nichts in die Modernisierung investieren, obwohl die britische Firma Mott MacDonald im Auftrag der EU-Kommission schon 2011 die ukrainischen Gaspipelines geprüft und mitgeteilt hatte, dass für ihre Modernisierung im Laufe von sieben Jahren 4,8 Milliarden Dollar nötig wären.

Die Ukraine will jedoch kein Geld verlieren und versucht, im Stockholmer Schiedsgericht zu beweisen, dass der Transittarif steigen müsse, falls der Transitumfang geringer werde.

Miller führte seinerseits die Transitkosten auf verschiedenen Wegen an. Zweckmäßig wäre nach seinen Worten der Transit durch die Pipeline Nord Stream 2, weil dies 2,1 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas kosten würde, während der Transit durch die Ukraine 2,5 Dollar pro 1000 Kubikmeter kostet. Hinzu komme, dass die Selbstkosten des Transits durch Nord Stream um etwa 25 bis 30 Prozent geringer seien als durch die Ukraine, ergänzte der Gazprom-Chef. Die Ukrainer  wollen also nicht umsonst kein Geld für die Modernisierung ihres Pipelinenetzes ausgeben, denn Gazprom könnte auf dieses Netz verzichten, wenn man bedenkt, dass die Russen für den Transit durch die Ukraine im Laufe von 25 Jahren 25 bis 43 Milliarden Dollar mehr zahlen müssten.

Ferner führte Miller an, dass Gazprom zwischen Januar und Juni 2017 den Gasexport um 12,4 Prozent (um10,5 Milliarden Kubikmeter) im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres erhöht habe. In den vergangenen anderthalb Jahren seien die Gaslieferungen nach Europa um 30,4 Milliarden Kubikmeter gewachsen. „Das ist mit der Kapazität von Turkish Stream vergleichbar und beträgt mehr als 50 Prozent der Kapazität von Nord Stream 2“, so Miller.

S&P Global Ratings erläuterte jüngst, wer von den US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 profitieren könnte, und dabei wurden keine ukrainischen Unternehmen genannt. Der Agentur zufolge könnten Schwierigkeiten bei den russischen Gaslieferungen nach Europa zu einem Preisanstieg führen, und dann wäre das teurere Flüssiggas aus Übersee auf dem europäischen Markt konkurrenzfähiger.

 

Quelle: Sputnik

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