Die syrischen Regierungstruppen greifen weiter IS-Stellungen an. Am 6. August wurde die Oase as-Suchna befreit. Jetzt ist der Weg nach Deir ez-Zor, wo sich eine Garnison der Regierungskräfte bereits viele Jahre im Belagerungszustand befindet, faktisch frei geworden. Gleichzeitig rücken aus dem Norden Teile der syrischen Truppen Deir ez-Zor näher.

Nach Ansicht des russischen Politologen Geworg Mirsajan erinnert die Situation sehr an 1944, als die Truppeneinheiten des Feindes noch fähig waren, Widerstand zu leisten, aber sie konnten die Situation nicht mehr strategisch verändern. Die Deblockierung von Deir ez-Zor und der militärische Sieg über den IS sind eine Sache der Zeit.

Wenn der IS gestürzt ist, werden die syrischen Behörden sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen können — sie werden zwei andere Probleme zur Wiederherstellung der Kontrolle über das Land lösen müssen: das Kurden- und das Oppositionsproblem. Während es bei den Kurden schwer ist, etwas vorauszusagen (zu viele Variable, zu viele einflussreiche Akteure sind in die Situation involviert), ist die Situation um die syrische Opposition einfacher.
Ursprünglich dachte Damaskus, dass die Frage mit der Opposition, die alle Hoffnungen auf einen Sieg auf diplomatischem Wege – durch einen Verhandlungsprozess und die Involvierung dieser Strukturen in das gesellschaftspolitische Leben Syriens als „ehrenvoll Besiegte“ – verloren hat, gelöst werden kann.

Gerade darum ging es bei den Verhandlungen in Astana und gerade da wurden vier Deeskalationszonen vereinbart — im Südwesten, im Raum Damaskus (Ost-Ghuta), der Kessel von Rastan zwischen Homs und Hama sowie die Provinz Idlib. Das Ziel dieser Zonen waren eine Waffenruhe (damit „gemäßigte“ Kämpfer Assad nicht von einem Angriff auf die Islamisten ablenken) und der Beginn eines normalen Verhandlungsprozesses. Die zwei ersten Zonen funktionieren bereits, die dritte wurde vor kurzem gestartet.

Aber bei der vierten Zone kam es zu Problemen. In Idlib – der größten und schwierigsten Zone – begann ein echter Bürgerkrieg zwischen den Kämpfern. Man hatte ursprünglich vor, dass die zum Teil von der Türkei kontrollierte Ahrar al-Scham die Pläne für einen Dialog „umsetzen“ werden. Sie wurde jedoch von der früheren Terrorgruppe al-Nusra-Front (jetzt Dschabhat Fatah asch-Scham) gestürzt. Dabei gewann sie die Stadt Idlib, mehrere andere Orte der Provinz und den Kontrollpunkt an der Grenze zur Türkei zurück.
Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri rief die Kämpfer bereits zum Zusammenhalt auf. „Vermeidet einen Krieg unter Mudschaheddin, weil der zu nichts führt außer Misserfolg, unvermeidlicher Degradierung und Kräfteverlust in dieser Welt sowie Bestrafung in der Zukunft“, sagte der Terrorist. Jedoch wies die al-Nusra-Front (formell Teil von Al-Qaida) diesen Appell zurück. Jetzt wird sie von niemandem verurteilt, denn sie hat gesiegt.

Die Erfolge der al-Nusra-Front sind auf eine Kombination aus sachkundiger Planung, militärischem Professionalismus und PR zurückzuführen. „Die Terrorgruppe wird von professionellen Kämpfern geleitet, deshalb nahmen sie alle Schlüsselpunkte der Provinz schneller und klüger als Ahrar al-Scham ein. Von vornherein nahmen sie Militärstützpunkte, Ölvorkommen sowie das Netz von Kontrollpunkten, von denen aus es bequem war, die ganze Logistik aus der Provinz zu kontrollieren, unter ihre Kontrolle“, so der Nahostexperte Anton Mardassow.

Der Al-Nusra-Front spielten teilweise die Friedensverhandlungen zwischen einem Teil der Opposition und Assad in die Hände. Denn im Unterschied zu den „Kollaborateuren“ schufen sich Mardassow zufolge die Al-Nusra-Front-Kämpfer „das Image der echten Verteidiger der Sunniten, die mit niemandem Verhandlungen führen“. Diese Position erlangte Verständnis unter einigen Milizen, die keinen Kompromiss mit Assad machen wollen.
Jetzt ist die Attraktivität der Al-Nusra-Front als Sieger bereits gestiegen, und sie gewinnt die Terrorgruppen der Provinz für sich (sogar die, die al-Qaida ideologisch fern sind, deren Teil eben die Al-Nusra-Front ist, sowie jene, gegen die sie kämpfte). Diese Terrorgruppe ist so stark geworden, dass sie eine Offensive auf die Stellungen der Regierungskräfte in Hama gestartet hat. Wie seltsam das auch erscheinen mag, es ist vorteilhaft für die syrischen Behörden.

Aus taktischer Sicht braucht Damaskus diese Offensive nicht, weil sie die syrischen Kräfte von der Offensive gen Osten ablenkt. Jedoch denken die syrischen Behörden darüber nach, wie sie das Problem mit Idlib lösen können. Der Plan der Aufnahme eines politischen Dialogs mit den Kämpfern passt Damaskus nicht, es will das Idlib- und das Aleppo-Problem lösen – durch einen Militäreinsatz. Um diesen Einsatz zu begründen, ist es für Damaskus vorteilhaft, dass in Idlib die al-Nusra-Front dominiert und nicht die türkischen Klienten – Ahrar al-Scham. Dies hebt der Arabist Leonid Isajew zu Recht hervor.

Zum Teil (weil es dort auch andere Ziele gab) unterstützten die syrischen Behörden und die Hisbollah al-Nusra deshalb mit Verstärkungstruppen. Insbesondere werden die Einheiten dieser Terrorgruppe nach Idlib geschickt, die sich in den Enklaven auf dem Territorium Syriens (zum Beispiel an der libanesischen Grenze) sowie auf dem Territorium des Libanons befinden. So kamen in Idlib viele Anhänger dieser Organisation an (allein aus dem Libanon waren es laut Angaben von Al Jazeera 1000 Kämpfer). Und jetzt, da die erstarkte al-Nusra Idlib unter ihre Kontrolle genommen hat, wird es Damaskus und Teheran (das auch nicht von der Idee begeistert ist, sich mit den Feinden zu vereinbaren) viel einfacher fallen, Moskau von der Notwendigkeit einer Militäroperation zu überzeugen.
Sollte Baschar al-Assad Rakka und Deir ez-Zor zurückerobern, würde er seine Stellungen sehr stark festigen. Erstens bekommt er die landwirtschaftliche Nutzfläche von Rakka und die Ölvorkommen von Deir ez-Zor unter seine Kontrolle. Zweitens bekommt er den Zugang zur irakischen Grenze, über die Assad im richtigen Augenblick Verstärkungstruppen aus von Teheran kontrollierten „irakischen Freiwilligen“ geschickt würden. Drittens könnte er alle vorhandenen Truppen gegen Idlib konzentrieren. Aber es ist offenbar, dass Idlib ohne die russische Luftwaffe nicht eingenommen werden kann, jedenfalls nicht so schnell.

Türkisches Interesse

Ankara ist nicht davon begeistert, dass ihre Kunden in Syrien von wilden Kämpfern ersetzt wurden, denn in Gefahr ist der Ruf der Türkei. „Die Türken sind für dieses Territorium zuständig — so wie auch für die Waffenruhe und für den Anti-Terror-Kampf. Und nachdem al-Nusra Idlib erobert hatte, kam es zu der Frage, ob die Türken fähig sind, ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Die Türken brauchen es nicht, dass die türkischen Verpflichtungen von Iranern oder Russen umgesetzt werden, deshalb müssen sie in Idlib schnell mit eigenen Kräften Ordnung schaffen. Dann kann es sein, dass sie ihre Position stärken können, bevor ein realer politischer Prozess zur Bestimmung der Zukunft Syriens beginnt“, sagt Leonid Isajew.

Die Frage ist, wie die Türken handeln sollen. Sie könnten die zerschlagene Ahrar al-Scham stärken und umrüsten, sogar durch türkische Sondertruppen verstärken. Es ist schwer, denn die protürkischen Kämpfer sind müde vom Kampf, und auch al-Nusra geht mit ihnen nicht zimperlich um. Man kann einen großangelegten Angriff der türkischen Truppen organisieren. Aber das ist noch schwieriger, denn es ist unklar, wie Russland und der Iran darauf reagieren werden. Ob die das als Unterminierung des Gentlemen’s Agreement halten werden (Diese Vereinbarung schlossen die Verbündeten mit der Türkei ab. Dadurch kann Ankara als besiegte Seite im syrischen Konflikt ohne Gesichtsverlust aus der Vereinbarung austreten und sich den Siegern im Rahmen des Triumvirats anschließen.).

Es gibt natürlich noch eine Variante – die Organisation einer Offensive der Oppositionsgruppe, die sich derzeit in dem von der Türkei kontrollierten Nordsyrien aufhält, gegen Idlib. „Möglich ist die Vereinigung der Zone des „Euphrat-Schildes“ mit der Zone von Idlib durch das Territorium, das derzeit von den Kurden kontrolliert wird. Deshalb müssen die Türken einen Korridor durch den östlichen Teil von Afrin herstellen und gleichzeitig ihre Truppen in Idlib einzuführen“, sagt Mardassow. Das Problem besteht darin, dass dafür die US-Alliierten – die Kurden – angegriffen werden müssen. Die Amerikaner verbieten den Türken, gegen sie vorzugehen. „Das Problem ist, dass ein Angriff, wenn auch auf die formal von Kurden kontrollierten arabischen Siedlungen, als Operation gegen den gesamten Kanton wahrgenommen würde. In diesem Fall könnten die Kurden —als Verbündete der Amerikaner – die Einsätze in Rakka und Deir ez-Zor einstellen und damit die US-Pläne zum Scheitern bringen“, sagt Nahostexperte Anton Mardassow abschließend.

 

Quelle: Sputnik