Die Gefahr einer atomaren Auseinandersetzung und eines „nuklearen Winters“ nimmt zu. Das stellt der Atomwaffenexperte Jürgen Scheffran klar. Davon zeugt für ihn nicht nur der Konflikt um Nordkorea, sondern auch die zunehmende Konfrontationspolitik der USA. Die deutsche Regierung muss mehr für Abrüstung tun, fordert er.

Gegenseitige Drohungen Nordkorea und USA mit Atomwaffen, die geplante Aufkündigung des Vertrages zu nuklearen Mittelstreckenraketen (INF-Vertrag) durch die USA und nun auch noch ein drohender Handelskrieg zwischen China und den USA – so spitzt sich derzeit die Konfrontation in der Welt zu. Der Atomwaffenexperte von der „NaturwissenschaftlerInnen-Initiative – Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit e.V.“ (NatWiss), Jürgen Scheffran, sagt: „Die Situation ist sehr ernst“.

Die Entwicklung des Konfliktes um Nordkorea gebe es seit den 1980er Jahren. Diese spitze sich immer weiter zu, je weiter die nuklearen Potenziale voranschreiten, insbesondere bei  Nordkorea.

„Aber auch die USA  modernisieren ihre eigenen Atomwaffenarsenale“, betonte Scheffran im Interview mit Sputnik-Korrespondent Paul Linke. Nordkorea würde es um internationale Anerkennung gehen, glaubt er: „Bislang haben sie auch versucht, ihr Nuklearprogramm in politische und ökonomische Gewinne umzusetzen. Das ist natürlich ein riskantes Spiel. Das kann immer nach hinten losgehen. Auch für Nordkorea wäre ein Atomkrieg kein Gewinn.“

Konfrontation zwischen USA und Russland

Doch auch zwischen Russland und USA wird die Situation immer gefährlicher. Die USA drohen Russland, aus dem INF-Vertrag auszusteigen, der u.a. Produktion, Tests und Einsatz atomarer Mittelstreckensysteme verbietet. Auch 30 Jahre danach bringe dieser Vertrag große „Sicherheitsgewinne für alle Seiten“, erklärte der Naturwissenschaftler von der Universität Hamburg.

„Das sind sehr destabilisierende Waffensysteme mittlerer Reichweite, die mit hoher Zielgenauigkeit gegenseitig die Ziele zerstören können. Insbesondere auch die Entscheidungszentren, wie Moskau und Washington.“

Auch bei der Kuba-Krise 1962 und der Krise Anfang der 80er Jahre hätten solche Raketen eine Rolle gespielt und große Risiken mitgebracht, erinnerte der Atomwaffenexperte. Er warnte:

„Der US-Kongress verfolgt teilweise auch eine sehr antirussische Politik, die mit der Verletzung des INF-Vertrags verstärkt würde, so dass die Gefahr besteht, dass es zu einem neuen nuklearen Weltrüsten kommt.“

Scheffran begrüßte diplomatische Lösungen wie etwa die Sechs-Parteien-Gespräche, aus denen Nordkorea 2009 wegen internationaler Kritik, die sich gegen seine Raketentests richtete,  ausgestiegen ist. Der Friedensaktivist möchte gerne hier wieder anknüpfen und nicht mit gegenseitigem „Druck- und Drohpotenzial“, sondern mit Anreizen operieren: „Zum einen im Bereich der nuklearen Abrüstung, aber auch im wirtschaftlichen Bereich und der technologischen Zusammenarbeit. Möglicherweise muss man auch an der Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten arbeiten.“ Der Ost-West Konflikt sei überwunden. Von daher seien die traditionellen Bündnisse und Bündnispartner nicht mehr so relevant, findet Scheffran. So erwartet er auch, dass China mehr Verantwortung übernehmen und mehr Druck auf Nordkorea ausüben soll. Das gleiche gelte auch für Russland.

„Nuklearer Winter“ bedroht alle

Der engagierte Wissenschaftler sieht die Lage sehr ernst und  warnt vor der Möglichkeit eines „nuklearen Winters“, durch den mit „einigen Hunderten Atomexplosionen die gesamte Erde unbewohnbar werden könnte.“ Auch die deutsche Regierung könne durchaus mehr tun, um die nukleare Abrüstung voranzubringen, äußerte der Experte: „Deutschland ist selbst ein Nichtatomwaffenstaat, hat aber auf dem eigenen Gebiet weiterhin Atomwaffen der USA. Deutschland hat es versäumt, sich den Konzepten einer atomfreien Welt seit den 90er Jahren anzuschließen. Es gab jedes Jahr seit 1996 Resolutionen für ein Atomwaffenverbot und die Abschaffung der Atomwaffen.“

122 UN-Mitgliedstaaten haben am 7. Juli dieses Jahres in New York ein Abkommen zur Ächtung von Atomwaffen verabschiedet. Deutschland sowie alle anderen Nato-Staaten nehmen an dem Vertrag nicht teil. „Und wenn die USA eine bestimmte Vorgabe machen, sind die NATO-Verbündeten bislang wenig geneigt, den USA zu widersprechen“, kommentierte das Scheffran. Ein anderer Grund sei die nukleare Abschreckung, aber „hinter dem Konzept der nuklearen Abschreckung steckt die Hoffnung, dass man davon profitieren kann.“ Das sei falsch, denn „am Ende werden von der nuklearen Abschreckung größere Risiken ausgehen, als ein Gewinn für die Sicherheit“, befürchtet der Atomwaffenexperte.

 

Quelle: Sputnik

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