Heute vor 60 Jahren ist vom Raumbahnhof Bajkonur die erste interkontinentale ballistische Rakete der Welt gestartet – die R-7. Dies sollte der Beginn einer neuen Ära der Kriegsführung werden und die Welt endgültig im atomaren Gleichgewicht einfrieren – ein Gleichgewicht der garantierten Vernichtung.

Die gesetzte Zielvorgabe der neuen Rakete war für die Zeit eimalig. Am 21. August 1957 legte die Rakete 5600 Kilometer zurück und brachte so den Gefechtskopf bis zum Testgelände Kura auf der Kamtschatka-Halbinsel.

Dieses Testgelände wird immer noch für Tests der russischen ballistischen Raketen benutzt und gerät dabei regelmäßig in die Objektive von „Fotojägern“, die die Einschläge der Raketen aufzunehmen versuchen…

Der Rüstungswettlauf beginnt…

Ein Jahr später zogen auch die Amerikaner nach und so begann der Rüstungswettlauf um die stärksten ballistischen Raketen. Sie wurden unaufhörlich weiterentwickelt und konnten immer schwerere Gefechtsköpfe immer weiter transportieren.
Die stärkste Rakete der Welt ist die russische R-36M (NATO-Codename SS-18 Satan), die zehn Atomsprengköpfe je 170 Kilotonnen 15 000 Kilometer weit zielgenau transportieren kann.

Mit der Entwicklung dieser apokalyptischen Waffen hat sich auch die globale Kriegsführung schlagartig verändert. Eine einzige Rakete konnte nun selbst die ausgefeilteste Verteidigungsstellung oder einen noch so tief liegenden Regierungsbunker vernichten.

Die Strategie des „Enthauptungsschlags“ wurde entwickelt: Ein gezielter Schlag auf die Regierungszentrale des Gegners, um ihn auf der Stelle handlungsunfähig zu machen. Diese Strategie wurde vor allem von US-Militärs ausgearbeitet und lange Zeit als eine reale Option im Kalten Krieg gegen Moskau erachtet.

Abwehrmaßnahmen gegen den atomaren „Enthauptungsschlag“

Um den amerikanischen Falken den Gedanken an einen nuklearen Enthauptungsschlag auszutreiben, musste ein System der sicheren automatischen Vernichtung entwickelt werden – eines, das selbst ohne die Führung des Landes mit einem vernichtenden atomaren Gegenschlag reagieren könnte.
Und so wurde im Laufe des Kalten Krieges das System „Perimetr“ entwickelt, das offiziell 1985 in Dienst genommen wurde und im deutschen Sprachgebrauch auch als die „Tote Hand“ bezeichnet wird. Dieses komplexe dezentralisierte System ist auf das ganze Land verteilt und kontrolliert im Dauermodus Tausende Atomsprengköpfe, die im Notfall automatisch gezündet werden könnten.

Die „Tote Hand“ sollte somit im Falle der Ausschaltung der politischen Führung des Landes durch die Freigabe der U-Boot-gestützten ballistischen Atomraketen die Fähigkeit zu einem Rückschlag seitens der Sowjetunion sicher stellen.

Die Funktionsweise der „Toten Hand“

Das System basierte darauf, dass auf dem gesamten Territorium des Landes ununterbrochen Radioaktivität, Temperatur, Funkverbindungen und weitere Parameter automatisch registriert werden. Sobald Atomexplosionen auf dem Gebiet der UdSSR festgestellt würden (durch schlagartige Änderungen der genannten Parameter), schickt das System Anfragen an den Generalstab der Armee sowie an den Befehlsstand der strategischen Raketen.
Kommt keine Antwort von diesen Stellen, ist es für das System ein Zeichen, dass die Fernmeldeverbindungen, Raketenwarnsysteme sowie die Führung des Landes vernichtet wurden. Das System aktiviert sich selbst und startet „Kommandoraketen“. Diese dienen nur dazu – sobald sie aus den geheimen Silos kommen – ein Signal auszusenden und so die Freigabe von Atomwaffen ohne Zustimmung höherer Gefechtsstände an bereits vergleichsweise rangniedrige Offiziere zu erteilen.
Das Signal zur Atomwaffen-Freigabe kann dabei nicht blockiert oder neutralisiert werden und kann auf jeden Fall die Atom-U-Boote erreichen, die sich auf dauerhafter Patrouille in den Weltmeeren befinden.

Ein 1993 von der New York Times veröffentlichter Bericht zum System gibt zu: „Das automatisierte System erlaubt Moskau theoretisch, auf einen Angriff des Westens zu antworten, selbst wenn seine höchsten militärischen Kommandeure getötet sind und die Hauptstadt in Schutt und Asche liegt.“

Amerikanische „Alternative“

Die Wichtigkeit dieses Systems veranlasste auch die Amerikaner dazu, ein ähnliches System zu entwickeln – das sogenannte „Operation Looking Glass“. Dabei flogen elf Boeing EC-135C der amerikanischen Strategic Air Command in der Luft und dublierten 30 Jahre lang 24 Stunden am Tag das Kommandosystem der amerikanischen Raketen-Streitkräfte.

 

Quelle: Sputnik