Die Rakka-Offensive der USA und ihrer lokalen kurdischen Partner ist entgegen der Euphorie im Mainstream zum Stehen gekommen. Mit immer mehr Luftangriffen versucht das US-Militär, den Widerstand des «Islamischen Staates» zu brechen. Die Folgen sind dramatisch.

von Ömer Özkizilcik

Trotz umfangreicher US-amerikanischer Unterstützung kommen die so genannten Demokratischen Kräfte Syriens, kurz SDF, gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat» in der syrischen Stadt Rakka ungewöhnlich langsam voran.

Nach dem schnellen Rückzug des IS aus der ländlichen Umgebung von Rakka ist der Widerstand gegen die SDF im Stadtzentrum der zentralsyrischen Stadt umso größer geworden. Laut der US-geführten Anti-IS-Koalition hält die SDF, die von der Kurden-Miliz YPG angeführt wird, rund 50 Prozent der Stadt. Die SDF setzt den Prozentsatz höher an.

Insider-Quellen weisen jedoch darauf hin, dass die Zahl nur sehr vage die Realität auf dem Boden widerspiegelt. Der «Islamische Staat» operiert in Rakka größtenteils aus dem Verborgenen heraus und bedient sich zahlreicher Techniken der urbanen Kriegsführung wie des Tunnelbaus. Das ermöglicht die Miliz unter anderem, die Kurden-Organisation YPG tief hinter der Frontlinie im Rücken anzugreifen.

Die YPG hat hingegen wenig Erfahrung im urbanen Kampf. Die Einnahme des Stadtzentrums der Kleinstadt Manbidsch, die ebenfalls im Norden Syriens liegt, dauerte 36 Tage. US-Generäle waren deshalb zuversichtlich, dass die YPG ein leichtes Spiel in Rakka haben würde.

Hohe Kampfmoral und Erfahrung im urbanen Krieg

Die USA lagen jedoch falsch und müssen auf immer rabiatere Schritte zurückgreifen, um die Schwächen ihres Verbündeten auszugleichen. Zunächst übersahen die USA, dass Manbidsch ein hinkender Gradmesser war. Die Stadt hatte eine Vorkriegsbevölkerung von weniger als 75.000 Menschen, während Rakka 2012, als der Krieg bereits im vollen Gang war, mit 220.000 Einwohnern immer noch knapp drei Mal größer gewesen ist. Hinzu kommt der Umstand, dass es sich im Falle Rakkas um die selbsternannte Hauptstadt des «IS-Kalifats» handelt.

Nicht nur die Moral der Kämpfer, sondern auch die Qualität der Dschihadisten, die am Boden operieren, ist eine andere. Diese Umstände zusammengerechnet und die zahlreichen Erfahrungen des IS in mehreren irakischen Städten von Ramadi, Falludscha und Tikrit bis hin zu Mossul machen die Terrormiliz zu einem der schwierigsten Gegner auf urbanen Territorium.

Um die Operation vor dem Scheitern oder einer Sackgasse zu bewahren, müssen die USA ihre Rolle sukzessive ausbauen. Sie entsenden deshalb immer neue Spezialeinheiten und umfangreiches Kriegsgerät, von Panzerabwehrwaffen bis hin zu neuen Panzerfahrzeugen. Einen operationellen Unterschied am Boden machen diese Systeme in der Stadt nur bedingt. Diese Einsicht zwingt die USA nun, die Brechstange auszupacken. Die US-Luftwaffe beerdigt Rakka quasi unter einem Bombenhagel.

Das türkischsprachige Fachportal für den Syrien-Konflikt Suriye Gündemi analysierte die Kriegstaktik des IS im Detail. Der «Islamische Staat» baut dabei auf drei Grundpfeiler:

Der massive Einsatz von Selbstmordattentäter soll ähnlich wie Luftangriffe die Angriffs- und Verteidigungslinie der YPG aufbrechen und erschüttern. Die Verminung der Stadt mit Sprengfallen engt die Bewegungsfreiheit des Gegners ein und lenkt ihn geradezu in die offenen Arme des IS. Heckenschützen zielen darauf ab, den in urbaner Kriegsführung ungeübten Feind in Panik zu versetzen und dessen Bewegungen deutlich zu verlangsamen. Besonders in Rakka setzt der IS auf Heckenschützen, die gesondert von anderen Einheiten ausgebildet werden. Diese Einheiten sind in der Lage, einen Zermürbungskrieg in den engen Straßen und Gassen Rakkas in die Wege zu leiten. Hinzu kommt, dass die YPG anders als die irakische Armee nur wenige leicht gepanzerte Panzerfahrzeuge zur Verfügung haben, die Infanterieeinheiten vor Scharfschützenfeuer bewahren können.

USA sehen kein Mittel abseits von intensiverer Bombardierung

Die universelle Antwort der USA bleiben Luftangriffe. Unabhängig der zahlreichen IS-Propagandavideos, die kursieren, lösen Angaben des US-Militärkommandos CENTCOM Besorgnis über den Zustand der Stadt und von Zivilisten aus.

Seit Beginn der Operation um Rakka haben die USA die Stadt in 72 Tagen nicht weniger als 1.784 Mal aus der Luft bombardiert. Unbekannt ist die Anzahl der Angriffe mittels Artillerie und jener Raketenwerfer-Systeme, die nachweislich nach Syrien verlegt wurden. Im Schnitt bedeutet das, die US-geführte Anti-IS-Koalition flog bislang pro Tag 25 Luftangriffe auf die Stadt Rakka. Im Vergleich dazu flogen die USA bei der Einnahme von Mossul im Mai 2017, dessen Hauptstadt zu 90 Prozent zerstört ist, nur fünf Luftangriffe am Tag. Stellt man die Größe von Mossul, die vor dem Einmarsch des IS bei rund 1,8 Millionen Einwohner lag, Rakka gegenüber, wird die Kluft noch ersichtlicher.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass die YPG in Rakka nicht vorankommen, ist die deutlich steigende Zahl der US-Luftangriffe im Monatsvergleich. Im Juni flog die US-geführte Anti-IS-Koalition 22 Luftangriffe am Tag. Im Juli waren es 23 Luftangriffe täglich und jetzt im August sind es bereits 34 Luftangriffe.

Die genaue Zahl der Zivilisten, die in Rakka eingekesselt sind und nicht fliehen können, ist unbekannt. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt, dass die Zahl in die Tausende geht. Die Vereinten Nationen gingen im Juli von bis zu 50.000 eingeschlossenen Zivilisten aus. Wie viele Bewohner bislang bei US-Bombardierungen ums Leben kamen, kann nicht zweifelsfrei ermittelt werden. Die ansonsten Rebellen-nahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht von 490 getöteten Zivilisten zwischen Juni und Juli aus. «Ich kann mir derzeit keinen schlimmeren Ort auf der Erde vorstellen», sagte am Donnerstag der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Jan Egeland, über die Situation in Rakka.

Kaum Rückhalt für die YPG in der Bevölkerung von Rakka

Amnesty schreibt unter Berufung auf geflohene Zivilisten, dass sich nicht am Krieg Beteiligte in Rakka in großer Gefahr befinden. Die Koordinaten, die die USA von den «Demokratischen Kräften Syriens» erhalten, seien ungenau. Intensive Artillerie- und Luftwaffen-Angriffe führen regelmäßig zum Tod von Zivilisten. Satellitenbilder, die mittlerweile zugänglich sind, unterstreichen der Grad der Zerstörung nochmals.

Am 6. Juni verkündeten die SDF den Beginn der Befreiung von Rakka. Auch wenn die Liste der Teilnehmer an der Operation groß war, besteht der operative Kern aus Kurden-Kämpfern der sogenannten YPG-Miliz. Diese Organisation kann als syrischer Ableger der in der Türkei und im Nordirak aktiven kurdischen PKK eingestuft werden. Das geht auch aus einer neuen Analyse des britischen Syrien-Experten Kyle Orton hervor, der für die Henry Jackson Society die Forschungsarbeit «Die vergessenen ausländischen Kämpfer: Die PKK in Syrien» verfasste. Demnach ist der Führungskader der YPG beinahe ausschließlich mit PKK-Veteranen besetzt. Die PKK selbst wird vom US-Verbündeten Türkei und den USA als terroristische Vereinigung gelistet.

Dieser Umstand bleibt für die stammesorientierte, mehrheitlich sunnitisch-arabisch geprägte Stadt Rakka nicht unberücksichtigt. Die Kurden-Miliz, die eine links-konföderalistische Ideologie verfolgt, wird nur bedingt von Einheimischen in Rakka, die ein vergleichsweise konservatives Wertesystem auszeichnet, willkommen geheißen.

Ömer Özkizilcik ist Nahostanalyst der Middle East Foundation in Ankara und Redakteur des Fachportals Suriye Gündemi, das auf politische und militärische Entwicklungen in Syrien fokussiert ist.

 

Quelle: RT

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