Angesichts der Aufstockung der US-Truppen in Afghanistan warnen Experten vor einem neuen Stellvertreterkrieg zwischen der NATO und Russland am Hindukusch. Wie Beobachter einhellig erklären, hat Russland seinen Einfluss in Afghanistan in den vergangenen Jahren deutlich ausbauen können. Zudem hat das erbärmliche Resultat des beinahe 16 Jahre währenden NATO-Krieges das Ansehen des Westens in dem Land ganz erheblich beschädigt; Moskau könne sich das inzwischen zunutze machen und sein Prestige aufbessern, wird berichtet. Ein einstiger Spitzenfunktionär der US-Geheimdienste urteilt, für den russischen Präsidenten Wladimir Putin sei Afghanistan heute «ein weiterer Hotspot, um Einfluss auszuüben» und um Moskau «als Problemlöser und Friedensbringer darzustellen». Falls die NATO und Russland sich am Hindukusch mit unterschiedlichen Kräften zusammentäten, drohe dort — wie in Syrien — ein Stellvertreterkrieg.
Die Taliban auf dem Vormarsch
Hintergrund der von Berlin begrüßten Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, den Einsatz in Afghanistan nicht nur zu verlängern, sondern auch die Truppen am Hindukusch aufzustocken, ist nur zum Teil der kontinuierliche Vormarsch der Taliban. Laut einem Bericht, der Ende Juli dem US-Kongress vorgelegt wurde, kontrolliert die afghanische Regierung nur noch 97 der insgesamt 407 Distrikte des Landes; über 146 weitere übt sie immerhin einen — nicht näher definierten — gewissen «Einfluss» aus. Damit leben 65,6 Prozent der afghanischen Bevölkerung in Gebieten, die von der Regierung «kontrolliert» oder «beeinflusst» werden. Die steigende Anschlagsdichte zum Beispiel in der Hauptstadt Kabul zeigt dabei, dass selbst «Kontrolle» keinesfalls mit auch nur annähernder Stabilität verwechselt werden darf. 9,2 Prozent der Bevölkerung — drei Millionen Menschen — leben in Distrikten, die von Aufständischen «kontrolliert» oder «beeinflusst» werden, während 25,2 Prozent der Bevölkerung — 8,2 Millionen — sich in den 119 Distrikten aufhalten, die offen als «umkämpft» bezeichnet werden. Die Daten geben den Stand vom 15. Mai 2017 an. Ein Jahr zuvor hatte die afghanische Regierung noch sechs Prozent mehr Distrikte «kontrolliert» oder «beeinflusst». Seit dem 15. Mai haben die Taliban laut Berichten weitere Geländegewinne erzielt.
Unterstützung aus Russland
Aus Sicht Washingtons und Berlins wiegt jedoch neben dem totalen Scheitern aller Bemühungen, Afghanistan unter Kontrolle zu bekommen, vor allem schwer, dass inzwischen der Einfluss Russlands in dem Land deutlich wächst. Moskau hat massives Interesse daran, den Jihadismus am Hindukusch zumindest einzudämmen, um sein Übergreifen auf die nördlich angrenzenden zentralasiatischen Staaten zu verhindern; deren Stabilisierung gilt als für Russlands Sicherheit elementar. Tatsächlich hat Moskau Kabul bereits zwischen 2002 und 2005 jährlich Rüstungsgüter, Militärtraining und logistische Dienstleistungen im Wert von 30 Millionen US-Dollar pro Jahr gewährt, um den Aufbau staatlicher Sicherheitsstrukturen in dem Land zu fördern. Nach den «Farbenrevolutionen» der Jahre 2003 bis 2005 stoppte die russische Regierung — in Konflikt mit dem Westen geraten — die Unterstützung, erlaubte aber seit Ende 2010 der NATO, ihren Nachschub für den Krieg gegen die wieder erstarkenden Taliban via russisches Territorium abzuwickeln. Zwar hat Moskau im Mai 2015 die Erlaubnis dazu aufgrund der neuen Konflikteskalation mit dem Westen zurückgezogen; doch hat es gleichzeitig die bilaterale Sicherheitskooperation mit Kabul wieder ausgebaut.
Erfahrungen mit dem Westen
Dabei geholfen hat in hohem Maß der steigende afghanische Unmut über die westlichen Besatzer. Ein Schlaglicht darauf hat Ende März 2014 die Anerkennung des Krim-Referendums durch den damaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai geworfen, der erklärte, Afghanistan respektiere «den freien Willen der Bevölkerung der Krim». Karzai erläuterte später, der eigentliche Grund für diesen Schritt sei seine «Erfahrung mit der Zusammenarbeit mit westlichen Regierungen» gewesen. Tatsächlich hatte sich Afghanistan angesichts des sich verschlechternden Verhältnisses zum Westen bereits im Juni 2012 Beobachterstatus bei der Shanghai Cooperation Organization (SCO) gewähren lassen; die SCO ist ein sicherheitspolitisches Bündnis, das sich um Russland und China zentriert — und in gewissem Gegensatz zur NATO steht. Im Juli 2015 einigten sich der russische Präsident Wladimir Putin und sein afghanischer Amtskollege Ashraf Ghani im Anschluss an einen SCO-Gipfel auf eine engere Anti-Terror-Kooperation. Die Zusammenarbeit ist tatsächlich intensiviert worden. Im Februar 2016 berichteten westliche Agenturen, Russland habe den afghanischen Streitkräften 10.000 Sturmgewehre und Munition zur Verfügung gestellt. Im Mai 2016 vermeldete die afghanische Nachrichtenagentur Ariana eine neue Vereinbarung zur russisch-afghanischen Militärkooperation.
Hinter Mauern verschanzt
Dabei ist der Unmut über den Westen und die Hinwendung zu Russland in Afghanistan nicht auf einflussreiche Teile des Establishments beschränkt. Russland erlebe am Hindukusch insgesamt «ein bemerkenswertes Comeback», urteilt ein Mitarbeiter der US-amerikanischen RAND Corporation, der kürzlich einen Forschungsaufenthalt in Afghanistan absolviert hat. Das «erbärmliche Resultat» des NATO-Krieges lenke mittlerweile — in einer Art Umkehrschluss — die Sympathien auch in der einfachen Bevölkerung unerwartet auf Moskau. Zudem hätten westliche Ausländer längst den Ruf, sich am Hindukusch «hinter Mauern» zu verschanzen und aus Furcht vor Überfällen Kontakte zur afghanischen Bevölkerung zu meiden, während Russen häufig offen aufträten, «Taxis nehmen und ihre afghanischen Geschäftspartner und Freunde ohne Sicherheitseskorte in ihren Häusern besuchen». Im Vergleich zu ihnen kämen Bürger von NATO-Staaten am Hindukusch inzwischen immer häufiger schlecht an. Moskau hat, wie der RAND-Mitarbeiter berichtet, 20 Millionen US-Dollar in ein neues Russisches Kulturzentrum investiert, das in Kabul auf einigen Zuspruch stößt; dabei sei es nur eines von rund 150 Projekten, mit denen Russland seinen wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss in Afghanistan stärken wolle. Moskau mache rasche «Fortschritte» am Hindukusch.
Unter Ausschluss des Westens
Entsprechend sind die USA und die NATO-Staaten, auch die Bundesrepublik, nicht bereit, ihre Truppen am Hindukusch zu reduzieren: Täten sie dies, dann verlören sie ihre Machtbasis in Kabul; davon würde Russland profitieren. Moskau hat, auf seinen neuen Einfluss aufbauend, im Februar eine erste Afghanistan-Konferenz abgehalten, auf der über einen möglichen Waffenstillstand in dem Land unter Beteiligung Chinas, Irans und Pakistans diskutiert wurde — und unter Ausschluss der USA und der EU (german-foreign-policy.com berichtete). Auf lange Sicht sei Afghanistan «für den russischen Präsidenten Wladimir Putin ein weiterer Hotspot, um Einfluss auszuüben» und um Moskau «als Problemlöser und Friedensbringer darzustellen», urteilte vor einigen Tagen Michael Sulick, der von 2007 bis 2010 als Direktor des National Clandestine Service (NCS) der CIA amtierte, einer US-Behörde, die die Aktivitäten aller US-Geheimdienste auf dem Feld der Human Intelligence (HUMINT) koordiniert.
Stellvertreterkriege
Sulick weist ausdrücklich auf die Parallele zur Entwicklung in Syrien hin, wo es Moskau ebenfalls gelungen ist, sich als eigenständigen Machtfaktor neben den NATO-Staaten und ihren Verbündeten zu etablieren. Eine weitere Parallele zeichnet sich in Libyen ab: Dort unterstützt Russland den ehemaligen General Khalifa Haftar, der auf Seiten des gewählten Parlaments («Tobruk-Parlament») kämpft und inzwischen zur bedeutendsten nicht-islamistischen Kraft im Land aufgestiegen ist. Wie Sulick urteilt, bringt sich Moskau auch in Afghanistan zunehmend gegen die NATO in Stellung. Der ehemalige US-Geheimdienstmann erklärte am 11. August: «Wenn wir bleiben und unsere Truppen aufstocken, wie es einige Generäle empfohlen haben, dann beginnt der Einsatz zu einem Stellvertreterkrieg zu werden». In dieser Woche ist der Beschluss zur Aufstockung der US-Einheiten am Hindukusch — und damit zum möglichen Stellvertreterkrieg — tatsächlich gefallen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat ihn — unter der Maßgabe, dass die Bundeswehr keine zusätzlichen Einheiten entsenden muss — ausdrücklich begrüßt.