Die syrischen Regierungstruppen sind dank russischer Luftunterstützung kurz davor, das belagerte Deir ez-Zor von Terroristen zu befreien. Die Hisbollah hat die Terrormiliz an der syrisch-libanesischen Grenze zerschlagen. Dennoch befinden sich einige syrische Provinzen weiter in Feindeshand.

Wer daran ein Interesse hat, erklären Experten im Sputnik-Interview.

Fünf Jahre habe die Türkei gebraucht, um in Idlib Fuß zu fassen. Jetzt werde Ankara diese syrische Provinz so schnell nicht aufgeben, sagt der Politologe Kamal Jafa. „Türkische Geheimdienste und das Militär sind in Idlib direkt involviert. Die Türkei hat kein Interesse daran, dass die syrischen Regierungstruppen die Provinz übernehmen“, so der Analyst.

Rund 50.000 ausländische Kämpfer würden sich derzeit in Idlib aufhalten. „Das ist allgemein bekannt“, sagt Jafa. Diese Leute seien kampferprobt, hätten in Afghanistan und anderswo gekämpft – heute würden sie in Syrien für verschiedene Gruppierungen kämpfen.

„Weder die Türkei noch die US-geführte Anti-IS-Koalition bombardieren diese Gruppierungen. Währenddessen koordinieren diese Terroreinheiten ihr Vorgehen mit den V-Leuten türkischer Geheimdienste.“

Bald schon seien jedoch Konflikte zwischen diesen Gruppierungen zu erwarten, so Jafa, denn die Türkei stelle neue Forderungen an ihre Schützlinge: „Haltet euch von Fatkh al Sham fern.“ So heißt die ehemalige Al-Nusra-Front heute.

Auch Saudi-Arabien und Katar wollten ihre Einflusshebel in der syrischen Provinz Idlib nicht aus der Hand geben, sagt der Analyst. Die größten Probleme stünden jedoch noch bevor, „wenn Syrien vom IS vollends befreit ist“. Dann würden die syrischen Regierungstruppen und ihre Verbündeten „mit der kurdischen Expansion im Norden Syriens“ konfrontiert.

Dass Syrien zum Spielball internationaler Kräfte geworden ist, die an einem Kriegsende nicht unbedingt interessiert sind, bestätigt auch der syrische General Haitam Hassoum:

„Der Krieg in Syrien ist kein Bürgerkrieg – das will ich betonen. Das ist ein Krieg internationaler Akteure, der auf syrischem Boden stattfindet.“

Indes sei die Befreiung der Provinz Idlib und die dortige Einrichtung einer Deeskalationszone bis zu dem Zeitpunkt verschoben, zu dem die größten Schlachten auf syrischem Territorium gewonnen seien, erklärt der General.

Er führt aus: „In Raqqa tobt ein schwerer Kampf mit einer Vielzahl von Beteiligten. Vor allem geht es dabei um Zusammenstöße mit den sogenannten Demokratischen Kräften Syriens (DKS), die von den USA und vom IS unterstützt werden. Früher traten diese Kräfte gemeinsam auf und ihr Vorgehen hatte etwas von einer Theateraufführung, die von den USA inszeniert wurde.“

Konflikte gibt es aber auch innerhalb der DKS, wie der General erklärt: „Die Demokratischen Kräfte Syriens sind eine Allianz von Kurden und Arabern. Einige arabische Kommandeure sind misstrauisch, was die ambitionierten Ansprüche der Kurden in der Region angeht. Die Kurden ihrerseits verstehen langsam, dass die Annäherung von US-Amerikanern und Türken für sie trotz der bisherigen Unterstützung gefährlich werden könnte.“

Diese Widersprüche hätten die Entscheidungsschlacht um Raqqa hinausgezögert, obwohl geplant gewesen sei, die Stadt innerhalb kürzester Zeit zu befreien, sagt der General. „Auch steigt die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Zusammenstößen zwischen den Terrorgruppierungen innerhalb der Stadt.“

„Es ist ein Wettlauf um die Zeit“, sagt Hassoum weiter. „Die syrischen Regierungstruppen und ihre Verbündeten auf der einen Seite, die DKS und andere US-unterstützte Kräfte auf der anderen – alle wollen als erste Raqqa und Deir ez-Zor einnehmen.“

Der Vorteil sei aber klar auf der Seite der syrischen Regierung und ihrer Verbündeten. „Sie sind gleich von drei Richtungen aus an Deir er-Zor herangegangen und stehen unmittelbar vor der Stadtgrenze, einige Einheiten befinden sich bereits in der Stadt“, erklärt der General. „Auch haben die Regierungstruppen die Provinz Raqqa von drei Seiten blockiert und die Terrorkräfte von der Straße nach Deir er-Zor abgeschnitten.“

Sein fachkundiges Urteil lautet: „Die Vereinigten Staaten und jene Gruppen, die sie unterstützen, sind um ihre Lage in diesem Wettlauf nicht zu beneiden. Und die Situation in Idlib wird auch gelöst, wenn die Kämpfe in Zentralsyrien erst einmal entschieden sind.“

 

Quelle: Sputnik