Nach dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz lieferten sich nur einen Tag später die Spitzenkandidaten der anderen großen Parteien einen Schlagabtausch vor den Fernsehkameras. Und diesmal wurde sogar verbissen diskutiert, gestritten und Unterschiede herausgestellt. Teilweise kam es jedoch auch zu unerwarteten Verbrüderungen.

Nachdem das TV-Duell zwischen Kanzlerin Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Schulz durchaus an Spannung vermissen ließ, legten die Spitzenkandidaten von Linke, Grünen, CSU, FDP und AfD nun nach. Und hier wurde endlich auch einmal hitzig diskutiert. Kein Wunder, denn die Positionen der einzelnen Parteien liegen in manchen Themen doch recht weit auseinander.

Zu allererst musste man sich als TV-Zuschauer aber fragen: Warum ist die CSU als Regierungspartei überhaupt eingeladen? Ist Angela Merkel nicht die gemeinsame Kandidatin zur Bundestagswahl? Fairerweise hätte dann auch die SPD erneut teilnehmen müssen, aber dies hätte wohl den Rahmen gesprengt.

Die Themen des Abends waren unter anderem die Digitalisierung, Arbeitsmarkt und Rente, die Flüchtlingspolitik und die Diesel-Affäre. Alles nicht neu, im Gegensatz zum Duell Merkel/Schulz gab es diesmal aber klare Unterschiede. Noch interessanter waren aber die teils ungewöhnlichen Gemeinsamkeiten, zum Beispiel wenn Cem Özdemir von den Grünen plötzlich der AfDlerin Alice Weidel zustimmt. Zugegeben, eine Ausnahme. Schauen wir uns nun die einzelnen Kandidaten an: Wer war Gewinner, wer Verlierer?

Sahra Wagenknecht (Linke)

Die Spitzenkandidatin der Linke hatte anfangs einige Schwierigkeiten, sich an das TV-Format mit vorgegebenen Sprechzeiten zu gewöhnen. Häufig wurde sie von den beiden ARD-Moderatoren unterbrochen. Fachlich aber konnte sie punkten. Sie argumentierte klar gegen Privatisierung, für eine Bekämpfung von Fluchtursachen in den Herkunftsländern und bei dem Thema Diesel stellte sie sich klarer als andere auf die Seite der Verbraucher. Sichtlich unwohl fühlte sich Wagenknecht, als die AfD-Politikerin Weidel sie die „einzig vernünftige Person“ in der Linkspartei nannte. Hier ließ sich Wagenknecht etwas aus der Ruhe bringen. Die Linke-Fraktionschefin quittierte dies am Ende mit der Frage, ob sich Weidel mit den vielen Halb-Nazis in ihrer Partei wohl fühle.

Cem Özdemir (Grüne)

Der grüne Baden-Württemberger wirkte durchweg gelassen. Viele Zuschauer mochte er auch mit seinen teils sehr persönlichen Argumentationen überzeugen. So erzählt Özdemir zum Beispiel von seiner Angst, wenn er einen Salafisten an einer Bushaltestelle sieht und sich dann fragt, wie islamistisch dieser wohl seine Kinder erziehen mag. Er wählte dabei klare Worte und stritt gerne mit den anderen Spitzenkandidaten. Häufig hatte man das Gefühl, die Positionen von Grünen und FDP lägen gar nicht so weit auseinander. Özdemir und Christian Lindner duzten sich als einzige Teilnehmer. Nur als CSUler Joachim Herrmann nach Özdemirs Sympathien für die Hausbesetzerszene fragte, reagierte der Grünen-Chef ausweichend.

Joachim Herrmann (CSU)

Der Innenminister Bayerns wirkte in diesem Duell, als hätte man den lieben Großvater zwischen die streitenden Enkel gestellt. Immerhin an die Redezeit hielt sich Herrmannmeist als Einziger recht genau. Über weite Strecken hatte man als Zuschauer dann den Eindruck, der meist grinsende Münchner würde ebenfalls zu einer Oppositionspartei gehören. Man hätte ihn daran erinnern sollen, dass die CSU seit zwölf Jahren mitregiert. Bei Hermanns Lieblingsthema, der inneren Sicherheit, dann plötzlich etwas Elan: Der Bayer hält eine flammende Rede für mehr Polizisten auf deutschen Straßen und für eine Ausweitung ihrer Kompetenzen. Danach verfiel der CSUler erneut in stilles Lächeln.

Christian Lindner (FDP)

Viele Themenbereiche entschied Lindner durch kompetente und auf den Punkt gebrachte Aussagen für sich. Etwa bei seinem Kernthema Digitalisierung, bei seiner Kritik an der GroKo beim Thema Renteneinstieg. Bei Letzterem forderte der FDP-Chef einen flexiblen Renteneinstieg ab dem 60. Lebensjahr. Bei der Inneren Sicherheit setzte er zwar ebenfalls auf mehr Polizeikräfte, vor allem jedoch auf die Durchsetzung bereits bestehender Gesetze. Lindner wurde nicht müde, immer wieder durchklingen zu lassen, dass die vergangenen vier Jahre ohne seine Partei im Bundestag vertane Jahre gewesen wären. Auch griff Lindner die Grünen für ihre „inkonsequente“ Russlandpolitik an. Linder schlug sich gut und suchte die offene Konfrontation mit seinen Kontrahenten. Es schien, als hätte er auf alles eine Antwort parat gehabt.

Alice Weidel (AfD)

Der AfD-Spitzenkandidatin war ihr Unmut über das TV-Format anzumerken, sie fühlte sich stellenweise ungerecht behandelt und wenn andere redeten war aus ihrer Ecke nicht selten ein lauter Seufzer zu hören. Einzig bei der inneren Sicherheit, bei der Weidelden Einsatz von Bundeswehrsoldaten auch innerhalb des Landes fordert und die Regierung massiv für die Flüchtlingspolitik der vergangenen Jahre angreift, schien sie zu Hochformen aufzulaufen. Bei den übrigen Themen dagegen warf sie mit so vielen Fachwörtern und Zahlen um sich, dass viele Zuschauer dabei wohl Ohrensausen bekommen haben. Als Lindner in ihre Richtung rief „Es geht nicht um Doktortitel, sondern um Charakter“, fehlten Weidel die passenden Worte. Vielleicht hatte sie auch keine Lust auf dieses Duell, ihre Körpersprache vermittelte dies jedenfalls.

Das Fazit:

Haben wir an diesem Abend etwas Neues erfahren? Thematisch eher nicht. Denn dass die AfD für geschlossene Grenzen ist, die Linke dagegen in ferner Zukunft am liebsten gar keine Grenzen mehr hätte, dass die FDP die Digitalisierungspartei ist und die Grünen die Elektromobilität voranbringen wollen, all das war vorher schon klar. Aber menschlich hat es durchaus Neues gegeben. FDP und Grüne scheinen sich hinter den Kulissen bereits gut zu vernetzen. Die Kluft zwischen Grünen und Linken wurde dagegen deutlicher denn je. Wagenknecht und Weidel, auch dies hat die Debatte gezeigt, werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr. Und die CSU… tja die CSU war einfach da, ohne dass man wusste, warum eigentlich.
Gewinner des Abends dürfte wohl Christian Lindner gewesen sein. Doch auch Cem Özdemir und Sahra Wagenknecht konnten stellenweise von sich überzeugen – zumindest bei ihrem jeweiligen Wählerklientel. Herrmann und Weidel sollte man das TV-Format vielleicht noch einmal erklären, denn sie wirkten etwas deplatziert. Ob die ARD-Sendung „Der Fünfkampf nach dem TV-Duell“ dem ein oder anderen Wähler bei seiner Entscheidung geholfen hat, sei dahingestellt. Unterhaltsamer als das vorausgegangene TV-“Duett“ Merkel/Schulz war es allemal… was aber auch nicht schwer war.

 

Quelle: Sputnik

 

 

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