Die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner wurde Ziel von Hackerangriffen – und natürlich stehen die Russen dahinter, wer sonst? Mit ihrem Tweet verkündet sie auch ihren Verdacht. Beweise? In der aufgeladenen Stimmung vor der Bundestagswahl braucht man diese ja kaum.

CDU-Vorsitzende Julia Klöckner

„Heute massive Hackerangriffe mit Grüßen aus Russland. Ob das was mit der Wahl zu tun hat…“, schrieb Julia Klöckner am Sonntag auf Twitter. Sie bezog sich damit auf Hackerattacken, denen ihre Webseite ausgesetzt war.

 

​Tatsächlich ist bisher keinesfalls bewiesen, dass die Hackerangriffe aus Russland kamen. Der Landesgeschäftsführer der CDU Rheinland-Pfalz, Jan Zimmer, sagte gegenüber Sputnik:

„Auffällig war, dass alle eingegangenen E-Mails die Endung.ru hatten. Bisher sind rund 4000 Mails eingegangen. Alles Weitere wird aktuell überprüft.“

Im Umkehrschluss lässt sich daraus lesen, dass Julia Klöckner Anschuldigungen gegen Russland vorbringt, ohne sie zu überprüfen.

Die Top-Level-Domain „.ru“ ist noch kein wirklicher Beweis. Eine einfache Internetsuche fördert zahlreiche Homepages hervor, auf denen man sich seine E-Mail-Adresse mit der russischen Top-Level-Domain anlegen kann. Mit Hilfe eines VPN-Servers kann man seine Spuren noch besser verwischen. Damit kann man sogar per IP-Adresse suggerieren, dass der PC-Standort Russland ist, obwohl man selbst zum Beispiel in Zweibrücken sitzt. Spätestens seit den CIA-Leaks Vault-7 im März weiß die Öffentlichkeit, dass die CIA derartige Hilfsmittel einsetzt.

Der Informatiker Rainer Rehak vom Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e.V. nannte Vault 7 einen „Quasi-Werkzeugkasten, mit den Eigenschaften verschiedener Hackergruppen und verschiedener Länder “ kopiert werden können. So könne ein eigener Hackerangriff „mit Spuren versehen werden, die auf andere angebliche Quellen dafür ablenken“. Auf diesen Werkzeugkasten können nun auch Hacker außerhalb der CIA durchgreifen.
Ob 4000 E-Mails ein massiver Hackerangriff sind, sei auch dahingestellt: Die Homepage lief durchgehend stabil. 2016 haben die beiden größten deutschen E-Mail-Anbieter Web.de und GMX jeden Tag insgesamt über 117 Millionen Spam-Mails identifiziert.

Viele Medien übernahmen die Meldung jedoch als bare Münze. Unter Überschriften wie „Massive Hackerangriffe auf Internetseite von Julia Klöckner“ wurde eine dpa-Meldung unter Anderem im Merkur, der Welt, Berliner Morgenpost und vielen anderen Nachrichtenseiten veröffentlicht. Auch der Hinweis auf Russland wurde teilweise sogar in der Überschrift unkommentiert übernommen. Wozu auch überprüfen, wenn der Täter schon „im Voraus“ bekannt ist – und seine Attacke aufdringlich mit „.ru“ signiert, damit keine Zweifel entstehen?
Das passt in die aktuelle Stimmungslage. So veröffentlichte der Spiegel am 1. September unter dem Titel „Was plant Moskau?“ einen Artikel, der vor zu viel Gelassenheit gegenüber Russland warnt. Der Autor führt einige vermeintliche Gründe an, warum „Entwarnung eher nicht“ angesagt sei, nennt aber gleichzeitig auch Argumente warum seine eigenen Thesen nicht hieb- und stichfest sind. Auch hier läuft viel darauf hinaus, dass die Verursacher von Hackerangriffen schwer zu ermitteln sind. Er erklärt auch extra:

„Doch trotz der anhaltenden Vorsicht: Es werden mittlerweile einige Gründe betont, die dagegen sprechen, dass die Daten aus dem Bundestagshack kurz vor den Wahlen in Deutschland noch als Störfaktor auftauchen könnten.“

Die Frage, die anscheinend Frau Klöckner dabei genauso wenig beschäftigt wie auch die Medien, die darüber berichten: Wozu haben die Russen diese Attacke eigentlich nötig?

 

Quelle: Sputnik