Die sächsischen Behörden stehen erneut im Kreuzfeuer der Kritik: Der syrische Terrorist Dschaber Al-Bakr, der sich im Oktober 2016 in seiner Zelle erhängt hatte, hat schon lang vor seiner Festnahme in einer Wohnung mit Chemikalien hantiert. Die Vermieter alarmierten nach Informationen der „B. Z.“ die Polizei – doch diese zeigte die kalte Schulter.

Al-Bakr war im Oktober des Vorjahres unter dem Verdacht der Planung eines Sprengstoffanschlags festgenommen worden. Nur wenige Tage danach erhängte sich der 22-jährige Syrer, der im Jahr 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen sein soll, in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Leipzig. Der Suizid des Terrorverdächtigen, der in Verbindung zu der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gestanden haben soll, führte zu heftiger Kritik an der sächsischen Justiz.

Nach Informationen der „B. Z.“ steht nun fest: Al-Bakr hätte schon einen Monat davor in den Fokus des Verfassungsschutzes gelangen müssen. Eine extreme Nachlässigkeit sächsischer Sicherheitsbeamter soll das aber offenbar verhindert haben.
Wie die Zeitung recherchierte, hatte sich Al-Bakr in der Nacht vom 31. August zum 1. September 2016 in ein Apartment in Leipzig eingemietet. Den „Meldeschein der Beherbergungsstätten“ habe er mit „Jaber Albaker“, seinem Geburtsdatum und seiner Adresse ausgefüllt und mit seinem Namen in arabischen Schriftzeichen unterschrieben. Eine Fotokopie des Formulars liegt dem Blatt vor.

Nach der Abreise des Syrers habe eine Reinigungskraft die Räume säubern wollen, dabei aber eine böse Überraschung gemacht: Die Metallflächen in der Küche sowie die Töpfe seien großflächig zerstört, von Rost zerfressen gewesen. Die Flächen habe sie abfotografiert und die Aufnahmen an die Apartment-Managerin, die zu dem Zeitpunkt im Urlaub gewesen sei, weitergeleitet. Diese habe sie wiederum an ihren Vorgesetzten geschickt, der vermutet habe, dass in der Wohnung große Mengen Aceton verdampft worden seien – ein Indiz für die Herstellung der Droge Crystal Meth oder des Sprengstoffs Triacetontriperoxid (TTP).

Am 7. September, nachdem die Managerin aus dem Urlaub zurückgekommen sei, habe sie bei der Polizei Anzeige erstattet. Sie soll die Beamten ausdrücklich auf den dringenden Verdacht der Meth- bzw. TTP-Herstellung hingewiesen und die Fotos der entstandenen Schäden vorgelegt haben. Zudem habe sie Polizisten eindrücklich gebeten, vorbeizukommen und den Schaden von Experten untersuchen zu lassen. Der „Weg von ein paar Minuten“ soll den Beamten jedoch zu weit gewesen sein.
Wie die „B. Z.“ schreibt, steht in dem knapp 200 Seiten langen internen Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz „Polizeiliche Ermittlungsarbeit und Strafvollzug bei terroristischen Selbstmordattentätern am Fall Al-Bakr“, der von unabhängigen Fachleuten erstellt worden sei, kein Wort zu dem schwerwiegenden Verdacht der Apartment-Managerin.

Für den „internen Dienstgebraucht“ sei dieser Bericht aber zu Jahresbeginn veröffentlicht worden. Darin werde unter anderem auch auf die schriftlich angenommen Anzeige Bezug genommen, die der Staatsanwaltschaft Leipzig am 26. September vorgelegt worden sei. Zu der Strafanzeige stehe allerdings nur Folgendes: Durch den Tatverdächtigen seien verschiedene Gegenstände im Zimmer des Hotels durch eine chemische Substanz beschädigt worden. Ein Sachschaden in Höhe von 6100 Euro sei entstanden.
„Auch ohne die konkreten Hinweise der Managerin hätten nach den Terror-Anschlägen vergangener Jahre bei den sächsischen Beamten eigentlich Alarmglocken schrillen müssen, nachdem ein junger Syrer ein Hotelzimmer mit Chemikalien verwüstete“, kommentiert die „B. Z.“ am Samstag.

Erst nachdem die Polizei am 8. Oktober ein Haus in Chemnitz, in dem Al-Bakr gelebt haben soll, gestürmt und ein halbes Kilogramm TTP entdeckt hätten, sollen sie erstmals Interesse an den zerfressenen Metallteilen in dem Apartment gezeigt haben. Die Managerin soll jene in einem Lagerraum aufbewahrt haben – Kriminaltechniker hätten sie dann umgehend abgeholt.

Auf Anfrage der Zeitung äußerte sich die Pressestelle des Bundesgerichtshofes nach einem langen Hin und Her:
„Zu Ihrer Anfrage hat mir die Polizeidirektion Leipzig Folgendes mitgeteilt: Seitens des Hotels seien intensive Reinigungsmaßnahmen sowohl in der Küche als auch im Bad des betroffenen Apartments durchgeführt worden, die eine Tatortarbeit nicht mehr zweckdienlich haben erscheinen lassen. Vor diesem Hintergrund sei von einer Inaugenscheinnahme Abstand genommen worden. Hinweise auf die Herstellung von Betäubungsmitteln oder Sprengstoff seien den Angaben der Anzeigeerstatterin nicht zu entnehmen gewesen.“

Aber: Laut der Managerin war dem nicht so. „Das entspricht nicht der Wahrheit“, soll sie gegenüber „B. Z.“ gesagt haben. Die Reinigungsfirma könne das bezeugen.

„Dass zerfressene Metallteile durch ‚intensive Reinigungsmaßnahmen‘ erst wiederhergestellt werden und dann Wochen später im zerstörten Zustand von Kriminalbeamten abgeholt werden können, wäre ein modernes Wunder“, schreibt das Blatt abschließend.

 

Quelle: Sputnik