In ihrer Wahlkampfpolemik zeigt sich Angela Merkel bereit, für die territoriale Integrität der Ukraine einzustehen, „vergisst“ aber blindlings die Geschichte ihres eigenen Landes, sagt der Politologe Juri Potschta. Er erinnert an das „Verschlingen“ der DDR durch die Bundesrepublik und spricht von einem „Diktat“ in den neuen Bundesländern.

Kanzlerin Merkel habe sich definitiv vergriffen, bei ihrem Vergleich zwischen dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten und der Wiedervereinigung der Krim mit Russland, sagte Potschta, Professor an der Russischen Universität der Völkerfreundschaft, in einem Gespräch mit dem Portal „rueconomics“.

„Zur Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands ist es nur gekommen, weil die Großmächte sich dafür ausgesprochen hatten. Großbritannien und Frankreich hatten an dieser Entscheidung indes stark gezweifelt“, erinnert der Wissenschaftler. „Doch hat Moskau – für alle überraschend – sich für diesen Schritt eingesetzt und dabei die eigenen Interessen hintenangestellt.“ Maßgebend sei die Entscheidung Russlands und der USA gewesen.

„DDR wurde verschlungen“

Aber eigentlich könne bei der Wiedervereinigung Deutschlands von einem Zusammenschluss zweier Staaten keine Rede sein: „Die Bundesrepublik hat Ostdeutschland praktisch verschlungen.“ Die Menschen in der DDR habe ja niemand gefragt, betonte der Politologe. „Russland hatte seine Truppen innerhalb einiger Tage aus der DDR abgezogen und die Bundesrepublik setzte dort eine Politik des Diktats in Gang“, erklärte der Professor.

Bundeskanzlerin Merkel hatte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt: „Wenn ich jetzt zum Beispiel so höre, die russische Annexion der Krim müsse man einfach akzeptieren, dann überlege ich: Was wäre denn passiert, wenn man damals so mit uns in der DDR umgegangen wäre, nach dem Motto, ist ja klar, dass Deutschland geteilt bleibt, daran wird sich nichts mehr ändern?“ Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, bezeichnete diese Erklärung auf ironische Weise als „felsenfestes Argument“.

„Säuberungen auf allen Ebenen“

Merkels Erklärung sei „eine politische Unverschämtheit“, kommentierte Potschta. Damit werde Kiew ganz offen dazu getrieben, die Interessen der Menschen auf der Krim und im Donbass zu missachten. „So nach dem Motto, man müsse ja nur so vergehen wie die BRD beim Anschluss der DDR“, so der Politologe.

„Damals hatte die Bundesrepublik unverzüglich mit Säuberungen auf allen Verwaltungsebenen begonnen, um die Sowjetkader zu entfernen.“ Selbst die Lehrstühle an den Hochschulen seien gesäubert worden. „Alle sind unter diese Presse geraten“ – selbst die Dozenten der „unschuldigen“ Sprachwissenschaften.

Wenn Merkel heute andeute, dass die Ukraine heute keinen Dialog mit dem Donbass und der Krim brauche, dann bringe sie auf diese Weise „Missachtung gegenüber ihren Vorgängern zum Ausdruck“, so der Experte weiter. „Und vergisst gerne die Dankbarkeit gegenüber Russland.“ Denn eben Russland habe Deutschlands Einheit ermöglicht. „Dies ist grob und politisch unschön“, Merkels Erklärung stehe de facto im Widerspruch zum Minsker Abkommen. „Doch Merkel folgt einfach dem US-vorgegebenen Krim-Kurs“, sagte Potschta.

Die Kanzlerin habe bestimmt nicht vergessen, so der Wissenschaftler weiter:

„Jedes Mal wenn Deutschland mit Russland stritt, litt der gesamte Kontinent darunter, was aber die Anglosaxen freute. Sie betreibt eine offensichtlich proamerikanische Politik, was den politischen Eliten in Deutschland aber nicht gefällt.“

Die Deutschen hätten bereits „die Nachteile der Sanktionspolitik“ erkannt und seien sich „ihrer Nutzlosigkeit“ bewusst. „Es kommt das Verständnis dafür auf, dass man die Krim-Frage wird beiseitelegen müssen: Es gibt eine Willenserklärung der Menschen auf der Schwarzmeerhalbinsel und die Entschlossenheit des Kreml, dieses Gebiet unter allen Umständen zu halten“, stellt der Politologe fest.
Das heißt: „Deutschland wird die Lage nicht ändern können, wohingegen ein Dialog im Verhältnis zu Moskau doch günstiger ist.“ Aber es sei ja auch nicht ausgeschlossen, dass Merkel sich auch in dieser Frage „in einer nicht allzu fernen Zukunft“ flexibel zeige.

 

Quelle: Sputnik