Der Lack ist ab. Schmutzig weiß und mit gestutzten Flügeln präsentierte sich der heruntergekommene Rumpf der Boeing 737-200, der Mitte September in Friedrichshafen am Bodensee aus dem Bauch eines mächtigen Transportflugzeugs vom Typ Antonow 124 entladen wurde. Bei der sperrigen und arg ramponierten Fracht handelte es sich jedoch nicht um ein x-beliebiges Relikt aus längst vergangener Zeit, sondern um einen (west)deutschen Mythos: In den siebziger Jahren prangte der Kranich der Lufthansa auf dem Leitwerk der Passagiermaschine mit dem klangvollen Namen „Landshut“.

Im Oktober 1977 stand der Flieger im Zentrum eines Dramas, das als Teil des „Deutschen Herbsts“ in die Geschichte eingegangen ist. Am 13. Oktober vor vierzig Jahren entführten vier palästinensische Terroristen die Maschine mit 86 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt am Main, um die in Deutschland im Gefängnis sitzenden Terroristen der linksextremistischen Roten Armee Faktion (RAF) freizupressen.

„Landshut“ strandete 2008 in Brasilien

Fünf Tage später, nach Zwischenstationen in Rom, auf Zypern, Dubai und Aden, stürmte die deutsche Spezialeinheit GSG 9 auf dem Flughafen von Mogadischu in Somalia die Maschine und befreite alle Geiseln unverletzt und tötete drei der Entführer. Lediglich ein GSG-9-Mann wurde dabei leicht verwundet. Bereits in Aden war Flugkapitän Jürgen Schumann von den Geiselnehmern erschossen worden.

Die spektakuläre Rückholaktion der „Landshut“ zeigt, wie sehr die Ereignisse vom Oktober 1977 noch heute im kollektiven Bewußtsein der Bundesrepublik verankert sind. Wie durch ein Wunder hatte die Maschine die Jahrzehnte überstanden und war schließlich 2008 mit einem Defekt auf dem Flughafen der brasilianischen Stadt Fortaleza gestrandet. Nach der nun geplanten umfangreichen Restaurierung soll die Maschine künftig im Dornier-Museum in Friedrichshafen ausgestellt werden und den Mittelpunkt einer Ausstellung zum „Deutschen Herbst“ bilden.

Mit der erfolgreichen und weltweit gefeierten Kommandoaktion (Deckname „Feuerzauber“) war die GSG 9 mit einem Schlag weltberühmt – und mit ihr der Kommandeur und Gründer der Einheit, Ulrich Wegener. Doch obwohl es an Literatur über den Deutschen Herbst, die GSG 9 und die Befreiung der Landshut nicht mangelt, hat Wegener erst jetzt, zum vierzigsten Jahrestag seines Meisterstückes, unter dem Titel „GSG 9. Stärker als der Terror“ seine längst überfällige Biographie vorgelegt.

Meldung aus Mogadischu: „Wir haben keine Toten“

Der Eindruck, daß die Spezialeinheit ohne Wegener nur schwer vorstellbar ist, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, in dessen Mittelpunkt natürlich die Feuertaufe der Einheit bei der Erstürmung der „Landshut“ auf dem Flugfeld in Mogadischu steht. Der Abschnitt über die Operation „Feuerzauber“ gerät dabei zu einer atmosphärisch dichten Kollage aus Erinnerungen Wegeners, die mit zahlreichen Interviewausschnitten und Zitaten unterschiedlicher Akteure der denkwürdigen Ereignisse verknüpft sind.

Dabei werden Leiden und Todesfurcht der Geiseln an Bord ebenso deutlich wie die akribischen Vorbereitungen der GSG-9-Männer auf den Sturm und das Hoffen und Bangen der Bundesregierung in Bonn um Kanzler Helmut Schmidt. Denn der Erfolg der Operation Feuerzauber war alles andere als selbstverständlich.

Der Krisenstab im Kanzleramt hielt ein Scheitern der Aktion für genauso wahrscheinlich wie ein Gelingen. Als schließlich aus Mogadischu gemeldet wird „Wir haben keine Toten“, kommen dem Kanzler nach eigenen Angaben die Tränen – aus Freude und Erleichterung.

„Beste Einheit der Welt“

Die befreiten Geiseln, die bereits den Tod vor Augen hatten und von den Terroristen mit hochprozentigem Alkohol übergossen worden waren, können auch Jahre Später ihr Glück kaum fassen: „Ich erinnere mich daran, daß ich unglaublich froh war, daß es Deutsche waren und nicht irgendwelche somalischen Rambos, die beschlossen hatten, einen dilettantischen Befreiungsversuch zu starten“, berichtet etwa die ehemalige Landshut-Stewardeß Gabriele von Lutzau mit Blick auf die Befreiungsaktion der GSG 9.

Doch Wegeners Erinnerungen sind kein reines Geschichtsbuch. An der Person Wegeners und der von ihm geschaffenen und in seinem Geist geformten Spezialeinheit lassen sich auch heute noch Lehren für den immer noch aktuellen Kampf gegen den Terrorismus ziehen. „Er startete aus dem Nichts nach der Münchner Olympiade und gründete mit der GSG 9 die beste Einheit der Welt“, faßt der israelische Terror-Experte Reuven Caspy in dem Buch die Leistungen Wegeners zusammen. Dabei war Wegener dieser Weg nicht vorgezeichnet. Denn geboren wurde er 1929 im brandenburgischen Jüterbog.

„Militärische Aufgabe“

Als Jugendlicher geriet er schnell mit dem SED-Regime in Konflikt und landete im Gefängnis. Nach seiner Entlassung floh er 1952 aus der DDR in den Westen. Dort trat der aus einer preußischen Offiziersfamilie stammende Wegener in den Bundesgrenzschutz ein, der seine Berufung werden sollte. Wie vielleicht kein anderer verkörperte er den besonderen Charakter des Grenzschutzes, dem Vorgänger der Bundespolizei, dessen Eliteeinheit die 1972 gegründete GSG 9 war. Denn der Grenzschutz war in den Zeiten der Teilung immer mehr eine militärische als eine polizeiliche Organisation und hatte bis 1994 sogar Kombattanten-Status, war also völkerrechtlich gesehen eine militärische Einheit.

Auch Bundeskanzler Helmut Schmidt hat mehrfach den militärischen Charakter der GSG 9 und ihres Einsatzes zur Befreiung der Landshut hervorgehoben. „Im Fall der GSG 9 in Mogadischu war es in Wirklichkeit keine polizeiliche Aufgabe, sondern eine quasi soldatische Aufgabe, man kann auch sagen, eine militärische Aufgabe“, bilanzierte Helmut Schmidt mit Blick auf den 18. Oktober 1977.

Eine Sichtweise, die heute vielen deutschen Politikern, die zumeist alle Anklänge an das Militärische peinlichst vermeiden, fremd erscheint. Das zeigt auch die Feststellung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), der angesichts der zahlreichen islamistischen Terroranschläge der vergangenen Jahre mehrfach gesagt hatte: „Wir werden lange mit der terroristischen Gefahr leben müssen.“

GSG 9 auch heute noch Rückgrat der Terrorbekämpfung

Eine Haltung, die im krassen Gegensatz zum entschlossenen und kompromißlosen Handeln der Verantwortlichen um Helmut Schmidt in den siebziger Jahren im Kampf gegen die RAF steht, und die auch Wegener in seiner aktiven Zeit verkörperte. Auch nach seiner Pensionierung blieb der „Held von Mogadischu“ dem Anti-Terrorkampf verpflichtet und beriet weltweit zahlreiche Regierungen beim Aufbau und der Ausbildung entsprechender Spezialeinheiten.

Mit ihrem weltweit gefeierten Einsatz in Mogadischu war „seine“ GSG 9 zur Marke geworden. Als der Grenzschutz 2005 in Bundespolizei umbenannt wurde, behielt die „Grenzschutzgruppe 9“ wie selbstverständlich ihren alten Namen. Zusammen mit den regulären Spezialeinheiten der Polizei (SEK) und der 2015 zur Terrorbekämpfung zusätzlich aufgestellten Polizeitruppe BFE+ bildet die rund 400 Mann starke Einheit bis heute das Rückgrat des Anti-Terrorkampfes in Deutschland. Die internationale Lage läßt befürchten, daß sie auf unabsehbare Zeit unverzichtbar bleiben wird.

Quelle: Junge Freiheit