Papst Franziskus gefällt die Vaterunser-Bitte „führe uns nicht in Versuchung“ nicht. Dies sei „keine gute Übersetzung“, kritisierte er in einem Interview des italienischen Senders „TV2000“, das am Mittwochabend ausgestrahlt wurde. Franziskus sprach davon, dass der Mensch in Versuchung „fällt“. Doch es sei „nicht Gott, der den Menschen in diese Versuchung stürzt, um dann zuzusehen, wie er fällt“.

„Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan“, so der Papst

Warum geht dieser Konflikt so weit über Wortklauberei hinaus?

Das Vaterunser ist nicht nur das wichtigste und meistgesprochene Gebt der Christenheit. Es ist auch das „Gebet des Herrn“, das Jesus Christus selbst seinen Jüngern gelehrt haben soll. Eine Änderung würde also aus Sicht der Gläubigen bedeuten, Gottes Wort nach 2000 Jahren zu korrigieren.
Allerdings gibt es an der Übersetzung seit Langem Kritik: Jesus sprach Aramäisch, eine der Ursprachen des Nahen Ostens, und beherrschte Hebräisch. Aramäisch gilt als mehrdeutig interpretierbar. Das heutige Vaterunser basiert auf dem Neuen Testament, das auf Griechisch überliefert ist. Könnte der Übersetzungsfehler also schon VOR der ältesten Handschrift des Neuen Testaments entstanden sein?
Sprachexperten hatten vorgeschlagen, den Text in „Und lass uns nicht in die Fänge der Versuchung geraten“ zu ändern. Auch der Vorschlag „und führe uns IN DER Versuchung“ kursierte in Fachkreisen.

In Frankreich ist die innerkirchliche Debatte entschieden: Franziskus verwies auf einen Beschluss der französischen Bischöfe, die offizielle Übersetzung zu ändern. In katholischen Gottesdiensten in Frankreich lautet die betreffende Bitte seit dem ersten Adventssonntag: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“. Der Vatikan hat die neue französische Übersetzung bereits 2013 „approbiert“, also genehmigt, obwohl sie nicht wörtlich dem Lateinischen „et ne nos inducas in tentationem“ (und führe uns nicht in Versuchung) entspricht.

Die italienische, spanische und englische Übersetzung („and lead us not into temptation“) entspricht hingegen weiterhin der deutschen.

Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland gibt es in diesem Punkt bislang nicht: Auch in der reviderten „Lutherbibel 2017“, für die viele Übersetzungen neu formuliert wurden, ist der Passus an den beiden Stellen im Evangelium unverändert.

Auch Theologen im deutschen Sprachraum halten eine Anpassung für sinnvoll. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer warnte hingegen vergangene Woche vor einer „Verfälschung der Worte Jesu“. Die Vaterunser-Bitte „führe uns nicht in Versuchung“ sei genau so bei den Evangelisten Matthäus und Lukas überliefert, so der frühere Dogmatikprofessor.

„Wenn wir anfangen würden, Jesus zu verbessern, zu sagen: Nein, Jesus, also so kannst du das nicht gesagt haben, wir wissen es besser und wir erlauben uns hier, dich zu korrigieren – dann bekommen wir bald eine ganz neue Bibel nach unseren menschlichen Vorstellungen. Die Bibel würde aufhören, Zeugnis von Gottes Offenbarung zu sein“, zitiert ihn sein Bistum aus einer früheren Predigt.

Es gilt als wahrscheinlich, dass sich Deutsche Bischofskonferenz in Kürze mit der Kritik von Papst Franziskus auseinandersetzen wird.

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