Die Chancen für eine gemeinsame europäische Zukunft sind nach 1990 verspielt worden. Das bedauern die zwei ehemaligen hochrangigen ARD-Journalisten Fritz Pleitgen und Ulrich Deppendorf. Sie hoffen auf ein besseres Verhältnis mit Russland und schlagen dafür vor, dass der Westen einen ersten Schritt in diese Richtung macht.

Die heutigen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland bezeichnete der ehemalige ARD-Korrespondent in Moskau und Ex-WDR-Intendant Fritz Pleitgen gegenüber Sputnik als „abenteuerlich schlecht“. „Die müsste viel besser sein. Man hätte sehr solide Verhältnisse nicht nur zwischen Deutschland und Russland herstellen können, sondern auch zwischen Russland und dem Westen.“ Ähnlich beschrieb es der frühere ARD-Chefredakteur Ulrich Deppendorf gegenüber Sputnik.

Die beiden Journalisten hatten am Montag an der Diskussionsrunde „Deutschland und Russland – was läuft schief?“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) teilgenommen. Dabei hatte Pleitgen Horst Teltschik, Berater des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl, Frank Elbe, Botschafter a.D. und Berater des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher, sowie Volker Rühe, Ex-CDU-Generalsekretär und —Bundesverteidigungsminister befragt. Deppendorf hatte die anschließende Diskussion mit dem Publikum moderiert.

Angebote Putins ausgeschlagen

Pleitgen forderte im Gespräch mit Sputnik beide Seiten auf, „Vorurteile über Bord zu werfen und zu versuchen, Kompromisse zu schließen“. Er bedauerte, dass die Chancen der „Charta von Paris“ 1990 nicht genutzt wurden, in der es um eine gemeinsame europäische Zukunft ging. Zur Frage, wer dafür verantwortlich sei, meinte der ARD-Veteran: „Es ist so kompliziert, dass es zu einfach wäre, mit dem Finger nur auf einen zu zeigen.“ Sein Ex-Kollege Deppendorf sieht die Verantwortung ebenso auf beiden Seiten. Er bedauerte, dass die Angebote des russischen Präsidenten Wladimir Putin von westlicher Seite nicht angenommen wurden. Dessen Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 sei „vollkommen falsch verstanden“ worden, indem sie als Ansage zur Konfrontation gesehen wurde.

Deutschland könne nicht im Alleingang für ein besseres Verhältnis mit Russland sorgen, war sich Pleitgen sicher. „Das muss eingebettet sein in die Politik der Europäischen Union und der Nato. Nur so kann das Erfolg haben. Aber da Deutschland in vielen Fragen der Motor war – warum nicht hier auch? Ich glaube, dass die Bundesregierung in dieser Frage mit Frankreich und dem dortigen Präsidenten Macron einen sehr starken und effektiven Partner finden könnte.“

Auf großer Konferenz wieder miteinander reden

Pleitgen sprach sich für einen neuen Anlauf aus, „um zu vernünftigen Verhältnissen zu kommen, zum beiderseitigen Vorteil. Es ist möglich, ich bin davon überzeugt.“ Sein Ex-Kollege Deppendorf sprach sich dafür aus, dass die europäische Seite auf Russland zugehen sollte. Es müsse wieder miteinander geredet werden, „wieder eine große Konferenz“ wie die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) geben – „, vielleicht unter anderem Namen, um die Europäer und die Russen wieder zusammenzuführen, weil die Interessen in der Welt sind letzten Endes identisch.“

Nach einem möglichen Ende der antirussischen Sanktionen befragt, sagte Pleitgen, der Westen könne sich „durchaus erlauben, den ersten großen Schritt auf Russland zuzugehen“. Mit diesen Strafmaßnahmen sei nichts erreicht worden. Er sei optimistisch, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland wieder besser werden: „Ich habe in meinem journalistischen Leben Dinge erlebt, die man nicht für möglich gehalten hat.“

Tilo Gräser

Das komplette Interview mit Fritz Pleitgen zum Nachhören:

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