Leistungsschwimmer Marco Henrichs, der mittlerweile für einen russischen Club startet, kann die IOC-Entscheidung nicht nachvollziehen und sieht sie als Teil einer russophoben Stimmung im Westen und als Resultat medialer Hetze. Es habe zweifelsfrei Dopingfälle in Russland gegeben, deswegen dürfe man aber nicht gleich eine ganze Nation bestrafen.

Als deutschem Sportler in Russland gehen Marco Henrichs das IOC-Urteil und die russlandfeindliche öffentliche Debatte nahe. Er findet es einfach nicht richtig, dass die ‚Russen‘ pauschal verurteilt werden und die russophobe Stimmung in Deutschland von einer Vielzahl der Medien bedient und befeuert wird. Auf der anderen Seite werde so getan, als gäbe es Doping in den Vereinigten Staaten, China, Deutschland und anderen Teilen der Welt nicht. Dabei seien sich Sportler in Deutschland und Russland einig darüber, dass Doping nichts im Sport verloren habe und Vergehen bestraft werden müssen.

„Es wird offen über dieses Thema gesprochen und Doping ist nicht erwünscht. Ich würde niemals sagen, dass es damit keine Probleme in Russland gegeben hat – natürlich hat es Dopingfälle gegeben, keine Frage. Aber wenn ich sehe, wie hartnäckig Richtung Russland recherchiert, wie zahlreich getestet worden ist, und das mit anderen Nationen vergleiche, dann sehe ich da ein sehr großes Missverhältnis. Ich bekomme den Eindruck, dass man sich da auf jemanden eingeschossen hat“, so Henrichs.

24 Jahre lang hat er Triathlon betrieben, mittlerweile ist Marco Henrichs Langstreckenschwimmer und startet für den Wolgastützpunkt im russischen Pensa. Was die Verfügbarkeit von leistungssteigernden Substanzen angehe, seien sich Deutschland und Russland sehr ähnlich: Viele Medikamente seien leicht zu bekommen und würden auch im Amateursport gern eingesetzt, an ‚klassische‘ Dopingmittel sei aber schwer ranzukommen.

„Wenn ich in Deutschland in irgendeinem Fitnessstudio bin und will leistungssteigernde Mittel bekommen, dann bekomme ich die auch. Man lernt ganz schnell Menschen kennen, die so etwas anbieten. Man muss gar keine kriminelle Energie entwickeln, um sich etwas zu beschaffen, oft reicht ein einfaches Asthmaspray oder Schmerzmedikamente. Gerade im Ausdauersport wird es auch in Deutschland viel genutzt. An ‚klassische Dopingmittel‘ kommt man hingegen nur schwer ran.“

IOC-Entscheidung nichts Halbes und nichts Ganzes

Henrichs macht klar: Er ist für sauberen Sport und jeder, der dopt, soll von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Die IOC-Entscheidung vom Dienstagabend kann er aber nicht nachvollziehen.

„Die Entscheidung des IOC ist für mich nichts Halbes und nichts Ganzes. Entweder picke ich mir einzelne Athleten raus oder ich sage: Ihr in Russland habt so ein massives Dopingproblem, ihr dürft gar nicht teilnehmen. Aber dieses nur mit neutraler Fahne antreten dürfen und dass bei der Ehrung die Hymne nicht gespielt werden darf, ist für mich ein Schlag ins Gesicht einer ganzen Nation. Gerade für die Sportler, die sauber sind und einen Erfolg bei den Olympischen Spielen erzielen. Ein Athlet sieht zuallererst natürlich den sportlichen Erfolg, auf den er sein Leben lang hingearbeitet hat, aber es geht nicht nur um die Platzierung, sondern auch um diese Ehre für sein Land. Gerade die Russen sind ein so stolzes Volk – für die ist sowas ganz, ganz wichtig.“

Mit seiner Meinung sei er nicht allein, erzählt Henrichs. Er kenne viele deutsche Sportler, die die Entscheidung des IOC kritisieren. Außerdem sei für ihn das Vorgehen gegen die russischen Athleten Teil eines größeren Problems, einer generellen russophoben Haltung im Westen.

„Wenn es nicht Doping ist, dann hat Putin irgendwo in der Welt die Wahlen manipuliert oder hat vor, irgendwo einzumarschieren. Ich vermisse den Dialog mit Russland seitens unserer Regierung, aber auch seitens der Medien, auch mal positiv über Russland zu berichten.“

Ilona Pfeffer

Das komplette Interview zum Nachhören:

 

Quelle: Sputnik

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