Das Angebot der neuen Wiener Regierung an die Südtiroler, ihnen die österreichische Staatsbürgerschaft zu geben, hat in Italien heftige Kritik ausgelöst.

Zwar ruderte Kanzler Kurz in Wien nun zurück und versicherte, ein solches Projekt werde „auch eng mit Italien besprochen“. Doch in der norditalienischen Provinz wird der Vorstoß dankbar aufgegriffen.

Österreichischer Pass als „Akt der Wiedergutmachung“?

Eine Mehrheit des Südtiroler Landtags spricht sich offenbar ebenfalls für eine österreichische Staatsbürgerschaft neben der italienischen aus. Zwar hat es bislang keinen offiziellen Beschluss gegeben. Doch laut dem Südtiroler Nachrichtenportal stol.it sollen 19 von 35 Abgeordneten einen entsprechenden Wunsch bereits während der Koalitionsgespräche an die beiden Parteichefs Sebastian Kurz (ÖVP) und Heinz-Christian Strache (FPÖ) gerichtet haben.

Die Abgeordneten sehen in dem Doppelpass einen „Akt der Wiedergutmachung“, da bis heute durch viele Familien in Tirol „ein Riss“ gehe. Die einst zu Österreich zählende Region fiel als Folge des Ersten Weltkriegs 1919 an Italien.

Reinhold Messner: „Bin stolz, Südtiroler mit italienischem Pass zu sein“

Doch auch in Südtirol selbst ist das Thema Doppelpass heftig umstritten. So hat Bozens Bürgermeister Renzo Caramaschi die Regierung von Kanzler Kurz für das Angebot an die Südtiroler heftig kritisiert. Der Plan sei Ausdruck eines „nationalistischen Windes in Österreich“, sagte Caramaschi der Nachrichtenagentur ADNKronos. Und auch der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messer, der vier Jahre lang EU-Abgeordneter war, schaltete sich in die Debatte ein: „Ich bin stolz darauf, ein Südtiroler mit einem italienischen Pass zu sein“, sagte Messer dem Fernsehsender RAI.

Landeshauptmann erinnert an Doppelpass für Italiener in Istrien und Dalmatien

Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) bemühte sich darum, Ruhe in die hitzige Debatte zu bringen. Hinter dem Wunsch nach dem Doppelpass verbergen sich laut Kompatscher weder sezessionistische Gedanken noch „territoriale Gebietsansprüche“, berichtet das Nachrichten-Portal salto.bz. Kompatscher erinnerte jedoch daran, dass dieser Wunsch größer geworden sei, seit der italienische Staat 2006 seinen Landleuten in den einstigen italienischen Gebieten Istrien, Fiume und Dalmatien die doppelte Staatsbürgerschaft angeboten habe. Eine österreichische Staatsbürgerschaft sei zwar auch für ihn ein „Ausdruck der persönlichen Verbindung zu Österreich“. Diese Verbindung könne jedoch nicht in Wien über die Köpfe Roms hinweg entschieden werden, so Kompatscher.

Doppelpass birgt erhebliches Konfliktpotenzial

Die römische Regierung dabei zu sehr unter Druck zu setzen, könnte sich als riskant für die Landesregierung erweisen. Denn bislang gilt das Autonomiemodell, das die Region mit der Regierung in Rom aushandelte, als vorbildlich. Überspannen die Südtiroler den Bogen beim Doppelpass, könnte dies negative Auswirkungen für die weitreichenden ökonomischen Freiheiten haben, die als Voraussetzung für eine gesunde Autonomie gelten und Abspaltungstendenzen auf kleiner Flamme halten.

Zudem sind auch bei einer möglichen Umsetzung des Doppelpasses viele Fragen mit großem Konfliktpotenzial offen. So ist zum Beispiel völlig unklar, ob die italienischsprachige Minderheit ebenfalls Anspruch auf den Doppelpass haben soll, zu der rund 23 Prozent der 525.000 Südtiroler zählen.

Quelle: Focus

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