Während USA und Nordkorea weiter Drohgebärden austauschen, kommt es zu einer Annäherung zwischen Südkorea und Nordkorea. Ein Grund dafür scheinen die anstehenden Olympischen Winterspiele in Südkorea zu sein, meint der Nordkorea-Forscher Eric Ballbach von der Freien Universität Berlin. Ballbach hält Kim Jong-un keineswegs für einen irren Diktator.

Herr Ballbach, Präsident Trump meint, sein Atomknopf sei größer als der von Kim Jong-un. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um ein Computerspiel. Wie gefährlich ist die Lage? 

Die Lage hat sich eigentlich nicht wesentlich verändert. Die Strategien bleiben sowohl in Washington als auch in Pjöngjang unverändert. Pjöngjang setzt weiter auf die Nuklearwaffe als das wichtigste Element seiner strategischen Abschreckungspolitik, aber eben auch als wichtigen Beitrag zum Regimeerhalt. Und für die USA gilt weiterhin, ein nuklear bewaffnetes Nordkorea werden sie nicht akzeptieren. Was neu ist, ist die Neujahrsansprache, in der Kim Jong-un dieses Dialogangebot an Südkorea gemacht hat. Das ist doch sehr bedeutsam.

Sie telefonieren sogar erstmals seit zwei Jahren wieder miteinander. Was ist da hinter den Kulissen passiert, dass die verfeindeten Landesteile gerade jetzt wieder in Kontakt treten? 

Wir haben gerade so etwas wie eine strategische Konvergenz. Für Nordkorea ist es so, dass sie zum einen eben jetzt seit dem letzten Interkontinentalraketentest wiederholt darauf hingewiesen haben, dass sie ihr nukleares Abschreckungspotential fertiggestellt haben. Das kreiert die Möglichkeit, jetzt im Jahr 2018, in dem auch das 70-jährige Bestehen Nordkoreas gefeiert wird, auch einen etwas größeren Fokus auf die wirtschaftliche Entwicklung zu legen.

Zum anderen findet in Südkorea die Olympiade statt. Das heißt, Südkorea ist darauf bedacht, möglichst Ruhe reinzubringen. Man sucht aktiv einen Dialogkanal mit dem Norden, nicht zuletzt auch aus ganz eigenem Interesse, nämlich um sicherzustellen, dass nordkoreanische Provokationen verhindert werden können in den nächsten Monaten, in denen die Weltöffentlichkeit ganz gespannt auf Korea schauen wird.

Also ist Kim Jong-un doch kein völlig irrer Diktator?

Das ist das Argument, das ich schon lange mache. Wir müssen uns verabschieden von diesem Irrationalitätsargument. Das ist ein sehr rationales Verhalten, das wir in Nordkorea beobachten können. Das Ergebnis dieser Rationalität ist sicherlich nicht das politische Ziel oder Ergebnis, das wir uns wünschen. Das macht es aber noch nicht irrational.

Es ist sogar gefährlich, dieses Irrationalitätsargument immer wieder zu wiederholen. Denn wenn wir einmal die nordkoreanische Regierung als verrückt abtituliert und abgestempelt haben, dann ist ein rationaler Dialog in diesem Augenblick relativ unnötig und auch unwahrscheinlich. Das nordkoreanische Verhalten ist sehr rational dahingehend, dass sie mit der Nuklearwaffe den zentralen Garanten für ihre eigene Regimestabilität sehen.

Hat denn überhaupt jemand Einfluss auf Nordkorea? China oder Russland vielleicht? 

Es ist schwierig zu sagen, weil diese Gespräche zwischen Nordkorea und der Außenwelt sehr oft im Informellen ablaufen, hinter den Kulissen sozusagen. Ich würde nicht sagen, dass diese Länder einen direkten politischen Einfluss auf Nordkorea haben. China hat sicher einen ökonomischen Einfluss. Wenn China ökonomische Sanktionen gegen Nordkorea verschärft, wird es für Nordkorea gefährlich, weil man eben ökonomisch so abhängig ist von China. Gleichzeitig würde ich sagen, dass der politische Einfluss doch sehr überschätzt wird.

Russland hat zumindest angeboten, zwischen den USA und Nordkorea diplomatisch zu helfen.

Ja, Nordkorea weiß natürlich auch, dass all diese Anrainerstaaten, also Südkorea auf der einen Seite und China und Russland auf der anderen Seite, kein Interesse an einer militärischen Konfrontation auf der koreanischen Halbinsel haben. Alle möchten Ruhe an ihren Außengrenzen. Jeder weiß, welche auch menschlichen Verluste ein Militärschlag in dieser Region nach sich ziehen würde. Auch die ökonomischen Folgennwären dramatisch und global spürbar. Mit dieser Situation versteht natürlich auch die nordkoreanische Führung umzugehen. Sie wissen in ihren Eskalationsritten, dass sie nie so weit gehen werden, letzten Endes aktiv einen Krieg anzuzetteln. Das würde gegen alles stehen, was die Nordkoreaner eigentlich erreichen wollen, nämlich dieses Regime an der Macht zu halten.

Wie schwer treffen die neuen Sanktionen Nordkorea? 

Diese Sanktionen werden sicherlich einen Einfluss haben. Es ist schwierig zu beziffern, insbesondere weil Nordkorea einen Teil dieser Sanktionsverluste über den Ausbau und die Ausweitung illegitimer Handelsstrukturen auffängt, sprich Cyberkriminalität, Hackerangriffe auf Banken und ähnliches oder eben illegitimer Handel im Sinne von Geldfälschung, Drogenschmuggel, all diese illegitimen Handelsströme, in die Nordkorea auf die eine oder andere Weise auch involviert ist. Aber die Sanktionen werden eine Auswirkung haben. Die Nordkoreaner werden alles daran setzen, dass dieses Gesprächsangebot an Südkorea nicht als Schwäche oder Einknicken der Nordkoreaner vor der Druckpolitik der internationalen Gemeinschaft ausgelegt werden wird.

Wie groß sind die Schlupflöcher durch die Embargomauer?

Die sind sicherlich groß. Die Sanktionen zu erlassen, ist eine Sache. Diese Sanktionen auch tatsächlich zu implementieren, ist eine andere Sache. Denn dieses Implementieren kostet Zeit, kostet Energie und kostet am Ende Geld. Gerade viele Länder beispielsweise in Südostasien werden eine andere Sanktionsimplementierung gegenüber Nordkorea angehen als jetzt die direkt betroffenen Länder wie die USA und Japan oder auch die EU beispielsweise. Und es gibt Hinweise darauf, dass Nordkorea solche Schlupflöcher immer wieder nutzt, sprich über Länder und Drittfirmen und Scheinfirmen geht, die das mit der Sanktionsimplementierung nicht ganz so genau nehmen.

Könnte Nordkorea auf diesem Wege auch Raketentechnik bekommen haben?

Die Raketentechnologie ist schon ein langfristiges Programm, das seinen Ursprung schon seit Jahrzehnten in Nordkorea hat. Hier wurden mit Nordkorea beispielsweise von russischer Seite, noch unter der Sowjetunion, solche Programme begonnen. Auch das Nuklearprogramm hat seinen Ursprung letzten Endes in einer Kooperation in den 50er Jahren mit der Sowjetunion. Die Nordkoreaner sagen immer, man würde das alles selbst produzieren. Das wird natürlich von Beobachtern angezweifelt. Aber sicherlich werden solche Schlupflöcher von Nordkorea genutzt, um notwendige Vorprodukte nach Nordkorea zu bringen.

Armin Siebert

Das Interview mit Eric Ballbach zum Nachhören:

Quelle: Sputnik

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