Russland und Europa brauchen einander in Fragen der Energiepolitik. Das stellt der iranische Erdöl- und Geopolitik-Experte Behrooz Abdolvand im Sputnik-Interview klar. Die russische Ölwirtschaft spielt nach seiner Einschätzung eine immer größere Rolle – auch gegenüber der OPEC.

Die vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt begonnene Entspannungspolitik gegenüber dem Osten sei auch „eine Art Energiepolitik“. Das sagte Behrooz Abdolvand, iranischer Erdöl- und Rohstoffpolitik-Experte aus Potsdam, gegenüber Sputnik. Parallel dazu hätten sich die energiepolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion bzw. Russland stetig verbessert. Beide Akteure hätten keine anderen Optionen, allein schon aus wirtschaftlichen Sachzwängen heraus:

„Russland hat keine andere Wahl, als die europäischen Märkte für sich zu öffnen. Und Europa hat keine andere Wahl, als die Ressourcen von Russland in Anspruch zu nehmen.“

Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte im November 2017 beim zehnten Deutsch-Russischen Rohstoff-Forum in St. Petersburg mit Vertretern der russischen Öl-Wirtschaft gesprochen. Der Experte meinte dazu: „Gabriel hat sich im Interesse von Deutschland – genauso wie Altkanzler Schröder – an Russland angenähert. Russland wird weiter der strategische Partner bleiben.“ Zudem werde auch die Europäische Union „sich langsam von der Politik der USA distanzieren, basierend auf eigener Interessenspolitik.“

Konkurrenz und Kooperation: Russland und die OPEC

Russlands Rohstoffpolitik sei langfristig ausgerichtet, schätzte Abdolvand ein. In der Vergangenheit habe Russland oft die Schwächen der Organisation erdölexportierender Länder genutzt, „um seinen Marktanteil zu erweitern. Wenn man das langfristig betrachtet, ist der russische Marktanteil ununterbrochen immer erweitert worden.“ Zurzeit fokussiere sich Moskau – neben Europa – auch auf den chinesischen Markt und versuche, dort seinen Anteil zu vergrößern. Die russische Ölwirtschaft stehe in Konkurrenz zur OPEC.

Es herrsche ein Interessenskonflikt zwischen Russland und der Erdöl-Organisation. Wenn es seinen eigenen Anteil am weltweiten Erdöl-Markt „steigert, minimiert das die Chancen der OPEC“, so der iranische Ökonom und Politologe. Die Mitglieder der Organisation trafen sich Ende November 2017 in Wien. Gemeinsam mit der russischen Delegation verkündeten sie dort, die weltweite Ölförderung auf einem gedrosselten Niveau zu halten. Momentan würden sowohl Russland als auch die OPEC-Staaten von der Verknappung der Ölproduktion profitieren, meinte Abdolvand. Es gebe nun „provisorischen Frieden“ zwischen beiden Parteien. Alle hätten nun die Entscheidung mitzutragen.

Putin als „neuer Energie-Zar der Welt“?

Der Experte erwartet in der Folge einen steigenden Ölpreis von heute etwa 60 Dollar je Öl-Barrel auf circa 70 Dollar in den nächsten drei Monaten.

„Wladimir Putin ist jetzt der Energie-Zar der Welt“, behauptete kürzlich eine New Yorker Rohstoff-Analytikerin gegenüber dem Medienunternehmen „Bloomberg“.

Von solchen Analysen hält Abdolvand nichts: „Kein einzelner Akteur am Markt ist ein Zar. Mit Sicherheit hat Russland eine eigene Interessenspolitik – aber Ölpreis und Öl unterliegen generell nicht nur Fragen des Preises und der Politik. Sondern das ist eine Frage von Politik, Konflikten und Technologie. Die Kombination führt dazu, dass sogar die US-Amerikaner, die damals ein Groß-Importeur waren, heute Öl-Exporteur geworden sind.“ Technologische Entwicklungen, vor allem im Bereich der Ölförderung, würden sich stets zyklisch auf den Ölpreis auswirken. „Also: Auf dem Markt gibt es keinen alleinigen Zar.“

„Saudische Öl-Politik ist zunächst gescheitert“

„Saudi-Arabien hatte zunächst vor einiger Zeit die Ölproduktion erhöht, um Akteure wie den Iran oder Russland unter Druck zu setzen“, erklärte Abdolvand. Zurzeit seien die Saudis aber innenpolitisch und mit ihren Kriegen schwer beschäftigt.

Die Staatskosten würden für Riad explodieren. So stehe die Finanzierung des staatlichen Sozialsystems auf wackligem Fundament. All diese Faktoren hätten Saudi-Arabien gezwungen, sich mit der neuen OPEC-Politik abfinden zu müssen.

Das Königreich am Golf habe seit 2104 versucht, den Markt mit Öl zu fluten, um durch kalkulierten Preisverfall die rasant gewachsene US-Schieferölproduktion zu verdrängen und Konkurrenten wie Iran oder Russland zu bedrängen. Doch diese Strategie scheiterte, hob Abdolvand hervor: Die US-Produzenten hätten sich aufgrund technologischer Entwicklungen als sehr anpassungsfähig erwiesen. Daraufhin hätten die OPEC-Förderländer die Hilfe Moskaus gesucht. Am 30. November 2016 einigten sie sich zum ersten Mal seit 2008 auf eine Förderkürzung, erinnerte der Experte. Die beim Treffen in Wien im November 2017 verlängerte Drosselung halte bis heute an.

Von Alexander Boos

Das Interview mit Dr. Behrooz Abdolvand (DESB GmbH, Potsdam) zum Nachhören:

Quelle: Sputnik

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