Am Samstag wurden die 1,5 Millionen Einwohner des US-Bundesstaats Hawaii „fälschlicherweise“ vor einem drohenden Raketenangriff gewarnt. Der Vorfall zeigt, wie real und akut die Gefahr eines Atomkriegs ist.

Von Bill Van Auken

Alle Handys erhielten folgende SMS: „RAKETENANGRIFF AUF HAWAII STEHT BEVOR. BEGEBEN SIE SICH SOFORT IN EINEN SCHUTZRAUM. DIES IST KEINE ÜBUNG.“ Fernseh- und Radiosendungen wurden mit der schrecklichen Ankündigung unterbrochen: „In wenigen Minuten könnte eine Rakete auf dem Festland oder im Meer einschlagen. Dies ist keine Übung.“

38 Minuten lang glaubten Einwohner und Besucher auf Hawaii, ihnen stehe ein nukleares Armageddon bevor. Eltern suchten in Panik einen sicheren Ort für ihre Kinder, Familien verabschiedeten sich voneinander, andere suchten verzweifelt und größtenteils vergeblich nach Schutzräumen. Alle rechneten mit einer Atomexplosion.

Dieses Ereignis ist schnell von den Titelseiten der großen Zeitungen verschwunden und in den Fernsehnachrichten wird es als Randthema behandelt. Bereits diese beunruhigende Tatsache deutet darauf hin, dass hinter der Raketenwarnung mehr steckt, als man der Öffentlichkeit verrät.

Die amerikanischen Leitmedien betreiben Schadensbegrenzung und arbeiten dabei eng mit der US-Regierung zusammen. Am Montagabend veröffentlichten alle drei US-Fernsehnetzwerke nahezu identische Berichte, die auf ihren Besuchen im Bunker der Katastrophenschutzbehörde von Hawaii basierten und die offizielle Darstellung unterstützten, das Chaos sei durch den Fehler eines einzelnen Angestellten ausgelöst worden.

Im Grunde ist hier ein Verbrechen an der gesamten Bevölkerung begangen worden. Die offizielle Reaktion darauf orientiert sich an einem bekannten Muster. Der Vorfall und seine Auswirkungen werden heruntergespielt. Niemand wird ihn untersuchen und der Öffentlichkeit die Ergebnisse präsentieren. Es wird keine Liveübertragung der Anhörungen vor dem Kongress geben.

Die Erklärung der bundesstaatlichen und nationalen Behörden, die auch von den Medien übernommen wird, tut den Atomalarm als einfachen Unfall ab, der von einem einzigen nachlässigen Beschäftigten der Katastrophenschutzbehörde von Hawaii ausgelöst wurde. Die nicht namentlich erwähnte Person hat angeblich in einem Computermenü die falsche Option ausgewählt und statt „Raketenalarm testen“ „Raketenalarm“ eingegeben.

Es gibt keinen Grund, diese offizielle Geschichte unkritisch als Wahrheit zu akzeptieren. Da die US-Regierung in der Vergangenheit immer wieder Provokationen inszeniert und Kriege mit Lügen gerechtfertigt hat, ist hier nicht nur große Skepsis angebracht, sondern offenes Misstrauen.

Wie konnte es zu einem solchen Unfall kommen? Wieder einmal wird der Mantel der Geheimhaltung über ein wichtiges öffentliches Ereignis ausgebreitet. Warum wird der angebliche Verantwortliche für den „Unfall“ nicht mit Namen genannt? Die Behauptung, er solle vor Vergeltungsaktionen wütender Bürger beschützt werden, ist unglaubwürdig. Die Person, der man die Verantwortung für diesen kolossalen Fehler gibt, sollte zumindest das Recht haben, ihre eigene Version der Geschichte zu erzählen. Und wenn der Vorfall wirklich durch einen einzigen falschen Tastendruck ausgelöst wurde, so erklärt das nicht, warum die Behörden erst nach 38 Minuten eine SMS mit einer Entwarnung geschickt haben.

Selbst wenn man die Darstellung der Behörden für bare Münze nimmt, so würde ein solcher „Unfall“ auf erschütternde Weise die verbrecherische Gleichgültigkeit des herrschenden Establishments gegenüber Leben und Sicherheit der amerikanischen Bevölkerung zeigen. Wenn ein solch fehlerhaftes System mit einer so absurd primitiven Software die erste Verteidigungslinie darstellt, so nimmt die herrschende Klasse in Kauf, dass bei einem Atomkrieg Millionen Menschen sterben werden und sie keinen ernsthaften Plan zum Schutz der Bevölkerung hat. Genau wie alle anderen Katastrophen, egal ob natürlicher oder sonstiger Ursache, hat der Vorfall in Hawaii gezeigt, dass grundlegende Infrastruktur und gesellschaftliche Planung fehlen.

Dass sich diese Ereignisse in Hawaii ereigneten, wo am 7. Dezember 1941 auch der „Überraschungsangriff“ auf Pearl Harbor stattfand, der als „Tag der Ehrlosigkeit“ in die amerikanische Geschichte einging, ist höchst aufschlussreich. Auf Hawaii befindet sich auch das Hauptquartier des US Pacific Command, das aus elf verschiedenen Militärbasen aller Teilstreitkräfte des US-Militärs besteht.

Die Bedeutung des Atomalarms vom Samstag wird erst klar, wenn man ihn in Zusammenhang mit den weit fortgeschrittenen Vorbereitungen der USA auf einen Angriffskrieg gegen die Atommacht Nordkorea sieht.

Am Montag lieferte die New York Times mit einer Titelstory einen Einblick in das Ausmaß der Vorbereitungen. Absurderweise heißt es zu Anfang: „In allen Teilstreitkräften des Militärs bereiten sich Offiziere und Soldaten auf einen Krieg vor, von dem sie hoffen, dass er nie kommen wird.“ Allerdings macht der Inhalt des Artikels deutlich, dass keine Verteidigung gegen einen nordkoreanischen Angriff vorbereitet wird, sondern der Einmarsch in das ostasiatische Land und dessen Eroberung.

Der Artikel beschreibt eine Übung, die letzten Monat stattgefunden hatte. Darin hatten 48 Apache-Kampfhubschrauber und Chinook-Frachthubschrauber die „Verlegung von Truppen und Ausrüstung zum Angriff auf Ziele unter Beschuss mit scharfe Artilleriemunition“ geübt. Zwei Tage später hieß es, Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision hätten in Nevada einen Absprung inszeniert, bei dem die „Invasion eines fremden Landes“ simuliert wurde.

Noch unheilvoller ist die Meldung der Times, dass zum ersten Mal seit Jahren mehr als eintausend Reservisten der US Army in den aktiven Dienst gerufen wurden, um „Mobilisierungszentren“ zu bemannen, die für die schnelle Bewegung von Truppen ins Ausland benutzt werden.

Die Vorbereitungen sehen auch vor, zahlreiche Spezialeinheiten auf die koreanische Halbinsel zu entsenden, angeblich zum Schutz der Olympischen Winterspiele im nächsten Monat.

Diese Aktionen erinnern immer stärker an die Vorbereitungen für den US-Angriffskrieg gegen den Irak 2003. Allerdings erhält die amerikanische Öffentlichkeit diesmal keine andere Warnung vor dem drohenden Gemetzel als die wahnsinnigen Tweets von US-Präsident Trump.

Dass der Artikel überhaupt in der Times erschien, und von Eric Schmitt mitverfasst wurde, ihrem wichtigsten „eingebetteten“ Reporter und einem zuverlässigen Sprachrohr des Pentagons und der CIA, macht eines deutlich: Die militärischen Vorbereitungen nehmen ein solches Ausmaß an, dass sie allgemein bekannt werden. Deshalb muss das „Leitmedium“ versuchen, die Sache zu kontrollieren.

Der Artikel weist auch auf Differenzen innerhalb der Regierung und des Pentagon, wie auch innerhalb der US-Militärführung über einen drohenden Krieg mit Nordkorea hin. Trump und seine Berater spielen angeblich mit der Möglichkeit eines Schlags gegen die nordkoreanischen Atomwaffen, wobei sie von einer „blutigen Nase“ sprechen. Sie nehmen an, dass Pjöngjang darauf keinen Vergeltungsschlag durchführen würde.

In diesem Kontext entwickelt sich der „versehentlich“ Atomalarm in Hawaii zu einem notwendigen Glied in der Kette von Vorbereitungen auf einen katastrophalen Krieg. War der „Fehlalarm“ eine weitere militärische Übung? Wurde die Bevölkerung von Hawaii als Versuchskaninchen benutzt, um die öffentliche Reaktion zu testen, falls ein Überfall der USA auf Nordkorea die Regierung von Kim Jong-Un dazu veranlasst, ihre Raketen abzufeuern bevor sie zerstört werden?

Es gibt noch eine weitere mögliche Erklärung für den Fehlalarm und die lange Wartezeit vor der Entwarnung. Die Times veröffentlichte am Montag einen Artikel über den KAL 007-Vorfall im Jahr 1983, den sie als Beispiel dafür beschrieb, wie unbeabsichtigt ein Atomkrieg ausbrechen könnte. Der Artikel erwähnt jedoch nicht, dass der Passagierjet von Korean Airlines von sowjetischen Luftabwehrjägern abgeschossen wurde, nachdem er bewusst über die Insel Sachalin geflogen war, wo sich zahlreiche streng geheime sowjetische Militärbasen befanden. Dies war Teil einer Operation, die mit den amerikanischen Geheimdiensten koordiniert wurde. Ein amerikanisches Spionageflugzeug befand sich auf parallelem Kurs, deckte das KAL-Flugzeug und beobachtete die Reaktionen der sowjetischen Atomanlagen, Radarstationen und Luftwaffenstützpunkte.

Zweifellos waren die Regierung und das Militär von Nordkorea, China und Russland angesichts des Raketenalarms in Hawaii gezwungen, selbst schnellstmöglich abzuschätzen, was es bedeutet und wie sie reagieren sollten. Der logische Schluss daraus wäre, dass Washington einen Vorwand für einen offenen Krieg inszenieren wollte.

Zweifellos wurden Militäreinheiten in Alarmbereitschaft versetzt, Waffensysteme bereitgemacht oder verlegt und andere Vorbereitungen auf einen möglichen nuklearen Konflikt durchgeführt, während die amerikanischen Spionagesatelliten Daten lieferten, die bei einem geplanten US-Überfall auf Nordkorea nützlich sein werden.

Was auch immer den fälschlichen Raketenalarm vom Samstag ausgelöst hat, eines ist sicher: Er ist eine todernste Warnung und hat vor Millionen Menschen gezeigt, wie akut die Gefahr eines Atomkriegs ist.

Quelle: WSWS

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