Die Strategie der Abschreckung ist derzeit der einzige sinnvolle Weg im Korea-Konflikt, sagt Prof. Gerhard Mangott. Der Experte glaubt nicht an den Erfolg von Sanktionen oder Verhandlungen zwischen Nordkorea und den USA und hält ein militärisches Eingreifen für ein zu hohes Risiko. Die USA scheinen sich aber in eben diese Richtung zu bewegen.

Gegenseitige Drohgebärden, militärische Manöver und Raketentests – in den letzten Monaten hat sich der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea immer weiter verschärft, und die Welt ist zum Zuschauen verdammt. Doch wie nahe sind wir an einem möglichen Atomkrieg? Und sind Donald Trump und Kim Jong Un tatsächlich so unberechenbar, wie es manche ihrer Äußerungen vermuten lassen?

Die USA favorisierten derzeit eine militärische Lösung des Korea-Konfliktes. Federführend sei dabei Trumps Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster, erklärt Professor Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck. Zu der Möglichkeit einer friedlichen, diplomatischen Lösung hat sich US-Präsident Donald Trump jüngst in einem Interview mit Reuters zudem skeptisch gezeigt. Er hoffe zwar, dass die Krise friedlich gelöst werden könne, «aber es ist sehr gut möglich, dass dies nicht gelingt», sagte Trump der Zeitung.

Doch welche potentiellen Wege aus der verfahrenen Situation gibt es, zumindest theoretisch?

„In den letzten Jahren wurde intensiv und immer schärfer versucht, eine sogenannte Strategie der erzwingenden Demokratie umzusetzen — durch sehr harte Wirtschafts- und Finanzsanktionen Nordkorea zur Denuklearisierung zu bringen. Bislang waren die Versuche erfolglos. Eine weitere Verschärfung wäre zwar noch möglich, allerdings müssen wir die Frage aufwerfen, ob es dafür nicht humanitäre Grenzen gibt. Eine Verelendung der nordkoreanischen Bevölkerung kann auch nicht das Ziel der Internationalen Gemeinschaft sein.“

Auch von Verhandlungen sei man derzeit weit entfernt, denn die Vereinigten Staaten stellten dafür Vorbedingungen, so Mangott. „Sie wollen über die vollständige Abrüstung Nordkoreas verhandeln, aber darüber möchte Nordkorea noch nicht einmal sprechen.“

Eine militärische Lösung würde ein unkalkulierbares Risiko darstellen und unter Umständen Hunderttausende Todesopfer fordern, erklärt der Experte. Letztlich bleibe also nur eine Variante, nämlich die Strategie der Abschreckung.

„Nordkorea ist nun einmal ein Nuklearwaffenstaat – ob wir das offiziell anerkennen oder nicht. Es gibt auch keine Perspektive, dass Nordkorea von dieser Nuklearkapazität Abstand nimmt. Es ist eine Realität, mit der wir umgehen müssen und da ist Abschreckung die wichtigste Strategie. Deutlich zu machen, dass beide Seiten einander einen nuklearen oder konventionellen Angriff vergelten würden. Es ist eine Strategie, die Risiken hat. Es können Fehler passieren, aber trotzdem hat sie im Kalten Krieg den Frieden gesichert. Sie wird auch deswegen funktionieren können, weil das Nuklearprogramm Nordkoreas nicht für eine offensive Kriegsführung gedacht ist, sondern als Verteidigungskomponente zur Sicherung des eigenen Regimes und der Existenz Nordkoreas.“

Vermittlung durch Dritte?

Letztlich werden Nordkorea und die USA die Krise bilateral lösen müssen, ist sich Mangott sicher. Jedoch könne China eine wichtige Vermittlerrolle spielen.

„Die Volksrepublik China ist der wichtigste Vermittler, um die beiden Seiten an einen Tisch zu bringen. China ist auch wichtig, um die Sanktionsschiene zu implementieren. Etwa 92 Prozent des Außenhandels Nordkoreas werden mit China abgewickelt. Wenn China die UN-Sanktionen 1:1 umsetzt, dann schadet das der nordkoreanischen Wirtschaft und der Bevölkerung sehr. Russland wiederum hat hier eine sehr zurückhaltende Position. Es gibt zwar Beziehungen zu Nordkorea, die in den letzten Jahren auch ausgebaut worden sind, und Interesse an gemeinsamen Wirtschaftsprojekten, aber mein Eindruck ist, dass Russland in dieser Frage China den Vortritt lässt.“

Im Interview mit Reuters lobte auch Donald Trump das Engagement Chinas, insbesondere dessen Bemühungen, die Öl- und Kohlelieferungen an Nordkorea zu unterbinden. Gegenüber Russland schlug der US-Präsident hingegen einen scharfen Ton an. Ohne ins Detail zu gehen sagte Trump, Russland mache einen Teil dessen zunichte, was China leiste.

Dabei verfolgen Russland und China laut Mangott im Wesentlichen dieselbe Strategie und unterbreiten gemeinsame Lösungsvorschläge.

„Im Sicherheitsrat vertritt Russland im Wesentlichen dieselbe Position wie China. Russland und China sind die beiden Staaten, die gemeinsam den Vorschlag unterbreitet haben: Lasst uns die Situation auf der koreanischen Halbinsel durch die sogenannte ‚freeze for freeze‘-Lösung entspannen. Das heißt, Nordkorea friert seine Nuklear- und Raketentests ein und die USA ihre großangelegten Manöver mit Süd-Korea.“

Dies sei ein wichtiger Vorschlag, der genutzt werden sollte, so der Experte. Jedoch:

„Beide Seiten – Nordkorea und die USA — haben einen solchen Vorschlag abgelehnt, aber trotzdem haben wir in den nächsten Monaten das Ausbleiben von nordkoreanischen Tests zu erwarten – gerade angesichts des Dialogs, der zwischen Nord- und Süd-Korea aufgenommen wurde. Außenminister Rex Tillerson hat aber in Vancouver klar gesagt: Die USA lehnen diesen Vorschlag ab und sie lehnen es ab, die Tests in Nordkorea mit den gemeinsamen Manövern mit Süd-Korea gleichzusetzen. Ich sehe also keine gute Perspektive für den Vorschlag Chinas und Russlands.“

Anstelle des russisch-chinesischen Vorschlags haben 20 Staaten bei dem Treffen in Vancouver am Dienstag beschlossen, neuerliche Sanktionen gegen Nordkorea zu erwägen, sollte das Land nicht im Atomstreit einlenken. Russland und China haben an dem Treffen nicht teilgenommen.

Ilona Pfeffer

Das komplette Interview zum Nachhören:

Quelle: Sputnik

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