Eine packende, weil grundsätzlich neue Epoche ist es, in der wir leben: Einst todgesagte Außenseiter der Geopolitik haben plötzlich die Kraft, es mit den Mächtigsten der Welt aufzunehmen. Dass der Westen da in Hektik verfällt, ist fast schon verständlich – oder auch nicht, schreibt die Politologin Irina Alxnis für „Sputnik“.

Russland rüstet sich für einen Angriff auf die britische Infrastruktur, auf Stromnetze und Gasleitungen – „tausende und abertausende Tote“ könnten die Folge sein, alarmierte Großbritanniens Verteidigungsminister Gavin Williamson vor nicht mal einem Monat die Öffentlichkeit.

Jetzt, nur kurze Zeit später, bläst das britische Außenministerium ins gleiche Horn: Russland sei schuld am Cyber-Angriff mit dem Virus NotPetya im Sommer letzten Jahres, so der britische Vize-Außenminister Tariq Ahmad in einer schriftlichen Mitteilung.

Die Attacke sei zwar als krimineller Überfall getarnt worden, aber ihr Ziel sei der Finanz-, Energie- und Staatssektor der Ukraine gewesen – verantwortlich seien „die russische Regierung, insbesondere die russische Armee“.

Was in der Mitteilung des Vize-Außenministers folgt, sind inzwischen zum Standard gewordene Vorwürfe: Russland verletze die Souveränität der Ukraine und müsse endlich „ein verantwortungsvolles Mitglied der Völkergemeinschaft“ werden.

Beweise, dass der Kreml mit dem Cyber-Angriff etwas zu tun hat, werden natürlich nicht angeführt. Und damit reiht sich die Mitteilung des britischen Außenministeriums in die große Palette jener Übel ein, die der Westen Russland immer wieder anlastet – ob „falsche“ Wahlergebnisse irgendwo auf der Welt, Einsatz von Klimawaffen oder Machtbestrebungen gegenüber den Nachbarländern.

Man muss schon sagen, dass aus russischer Sicht das alles zunehmend absurd wirkt. Natürlich schmeicheln diese vom Westen verbreiteten Vorstellungen von Moskaus Allmacht unserem Nationalstolz. Aber der Höhepunkt der russlandfeindlichen Hysterie ist bereits überschritten: Die Beziehungen zwischen Russland und dem Westennormalisieren sich allmählich.

Man könnte fast glauben, diese Vorwürfe werden ziellos abgefeuert, aus einem Automatismus heraus, würden die Dichte und Regelmäßigkeit solcher Seitenhiebe gegen Russland einem nicht zu denken geben.

In der Tat haben die letzten Jahre den westlichen Ländern viele Überraschungen bereitet. Nicht nur von Russland – auch von China, von Indien und anderen Ländern.

Es ist nämlich ersichtlich geworden, dass der technische Rückstand ehemaliger Entwicklungsländer – lange Zeit der Garant westlicher Übermacht – überwunden werden kann, wenn es den politischen Willen dazu gibt.

Und es hat sich auch gezeigt, dass der technische Fortschritt manchen Ländern punktuell zu Durchbrüchen verhelfen kann, auch wenn die Wirtschaft dieser Länder weniger glänzend dasteht – siehe Nordkorea.

Bei all den Sanktionen und Restriktionen haben die Nordkoreaner ihr Raketenprogramm aus dem Stadium allgemeinen Gelächters und Gespötts heraus so weit vorangebracht, dass deren Nachbarn ihnen inzwischen die Hand zum freundschaftlichen Nebeneinander reichen.

Angesichts solcher Beispiele stellt sich dem Westen die Frage, ob denn all die Länder, die er jahrhundertelang kolonisierte, ausbeutete, ausnutzte, demütigte, wo er Völkermorde verübte – ob diese Länder nicht früher oder später Vergeltung üben würden. Überrascht es angesichts solch einer Lage wirklich, dass der Westen nervös wird?

Russland ist für den Westen jedenfalls so etwas wie die Quintessenz dieser Entwicklung, der Spiegel seiner Ängste: Der besiegte Gegner, vor kurzem noch vernichtet, zerschlagen und auf der Müllhalde der Geschichte entsorgt, kommt aus irgendeinem Grund wieder zu Kräften und greift auch noch nach der Führungsrolle.

Da wundert es nicht, dass westliche Eliten – auch die in Großbritannien – wegen der „russischen Gefahr“ in Neurosen verfallen. Man könnte fast schon Mitleid mit ihnen haben. Oder auch nicht.

Quelle: Sputnik