Die unbewusste Dynamik entfremdeter, gewalttätiger Beziehungsverhältnisse verweist aus psychoanalytischer Perspektive auf deren existenzielle Herkunft. Eine unerträglich ohnmächtige Angst vor dem Nichts muss diese vermeintliche eigene Schwäche im Anderen — und in sich selbst — gewaltsam bekämpfen oder süchtig betäuben, um sich eine Illusion von Größe und Macht zu erhalten. Wollen wir dieser Dynamik in privaten Beziehungen, aber auch in großen gesellschaftlichen Konflikten, Einhalt gebieten, müssen wir sie zuerst in ihren tieferen Ursachen verstehen.

von Otto Teischel 

Angst als die existenzielle Grundbefindlichkeit des Menschen lässt unser Dasein unsicher, zerbrechlich und kostbar erscheinen. Weil das Leben tödlich endet und das jederzeit der Fall sein kann, sind wir ständig bedrohte Wesen, auf der Suche nach Schutz, Halt und Geborgenheit. Aus dieser Tatsache geht all unsere Kreativität hervor: Angst macht nachdenklich und lässt Bewusstsein entstehen, macht erfinderisch, um unsere Not zu lindern, und lässt uns zu Sehnsüchtigen werden, die sich mit Schönheit trösten.

Doch Angst steht auch am Anfang aller Verirrungen und Störungen unseres Seelenfriedens und unserer Klarheit: Sie kann uns in den Wahnsinn treiben, körperliche Beschwerden und Krankheiten aller Art verursachen, und sie ist der Antrieb hinter jeder Gewalt, jeder Sucht und jeder Verdrängung, die dann als Trauma wiederkehren.

Durch die in der Angst subjektiv erlebbare Todesnähe ist sie im Grunde auch das leitende Schlüsselsymptom jeder psychosomatischen Erkrankung, ja womöglich jeder Störung des inneren Gleichgewichts.

Sie mag uns ebenso veranlassen – sobald eine akute Attacke vorüber ist –, über die Bedeutung einer bestimmten angstauslösenden Situation nachzudenken, das heißt, darüber wie die Angst zu einer dramatischen existenziellen Erschütterung werden kann, die uns in einem verfehlten Leben zur Besinnung und Umkehr ruft und letztlich Kraft zum Handeln freisetzt.

Das ist die eigentliche, existenzielle Dimension der Angst und der Unruhe: sein Leben nicht gelebt zu haben, die unbewusste, dunkel zu erahnende Entfremdung vom Selbst, die zuerst nur irritiert. Bleibt sie jedoch unberücksichtigt, wird sie mit der Zeit immer gravierender und manifestiert sich als verstörendes, chronisches Symptom. Die Angst bleibt dem Menschen zeitlebens als Warnsignal und Frage, ob er sich im Einklang mit seinem Wesen und seinen ureigenen schöpferischen Möglichkeiten befindet.

Je bewusstloser die Angst den Einzelnen zurücklässt, je erschreckender und bedrohlicher sie ihm erscheint, desto klarer zeigt sie den Grad der Entfremdung von einem selbstbestimmten Leben an.

Schon die ersten überlieferten Erklärungsversuche der Welt und jener „Gottheiten“, die diese Welt hervorgebracht zu haben und ihre Geschicke zu lenken schienen, waren Versuche, diese Angst zu bannen. Die Menschen suchten nach Deutungen und Gründen für das Unbegreifliche. Aus der Quelle unserer Angst vor dem Nichts, des quälend erlebten Nichtwissens, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen, haben sich auch Philosophie und Religion, die Künste und alle Wissenschaften entwickelt.

Alle ernsthaften Überlegungen und Bemühungen des Menschen, Antworten zu finden und Erklärungen zu geben oder zumindest dem großen Rätsel des Seins ästhetischen Ausdruck zu verleihen – im Gegensatz zu den süchtigen Betäubungs- und Verdrängungsversuchen esoterischer Heilsversprechen, sind eigentlich Befreiungsversuche des Geistes. Sie entstammen unserer Sehnsucht nach einer ursprünglichen, verlorenen Geborgenheit, die bewusst wiederzuerlangen, die wahre Größe des Menschen ausmacht und sein Wesen verwirklicht.

Im Verlauf dieses emanzipatorischen Prozesses gibt es eher Fragen als Antworten, kein endgültiges Wissen, sondern nur persönliche Gewissheit, die Freiheit des Glaubens statt sichtbarer Beweise und überprüfbarer Fakten. Doch diese existenzielle Unsicherheit erscheint dem ohnmächtigen Einzelnen unerträglich. Der vor Angst Verzweifelte verlangt nach sicherer Abgeschlossenheit, nach vermeintlicher Objektivität und Eindeutigkeit.

Ungewissheit ist unerträglich, die Angst so allgegenwärtig, dass der Verzweifelte sofort einer beruhigenden Erklärung, einer spannungslösenden Substanz oder eines kontrollierenden Verhaltens bedarf, um weiterleben zu können. Wenn diese psychisch wirkenden Mechanismen nicht helfen oder nicht verfügbar sind, übernimmt schließlich der Körper die Regie und lässt den Einzelnen krank werden, um die Psyche wenigstens auf diese Weise zu entlasten.

Freiheit als Bedrohung

So wie das Individuum psychosomatisch krank oder wahnsinnig werden kann, wenn es keinen Ausweg mehr sieht, kann auch ein Kollektiv – eine Gesellschaft, ein Volk, ein Kontinent, ja die Menschheit – manifeste Körperstörungen entwickeln oder psychotisch werden. Das beweist der Rassenwahn der Nazis ebenso wie der Terror verblendeter Fanatiker oder die Entwicklung der chronischen Erschöpfung zur Volkskrankheit in sinnentleerten Leistungsgesellschaften.

Fatalerweise verläuft auch diese Entwicklung meist schleichend und lange unbemerkt. So wie zum Beispiel die Arbeitssucht in einer Gesellschaft, die sich über diesen Wert definiert, kaum als problematisch auffällt, gibt es vor dem Ausbruch eines kollektiven Wahns oder globaler Verblendung – mögen wir dieser im Zeitalter des weltweit vorherrschenden Materialismus auch gefährlich nahe sein – noch viele Zwischenstufen. Diese können jeweils durchaus rational und differenziert erscheinen und tragen doch längst jenen ideologischen Keim in sich, der das Denken potenziell besetzt und süchtig entarten lässt. Und der führt schließlich dazu, sich selbst und andere zu unterdrücken, weil jede autonom und eigenverantwortlich sich ausdrückende Freiheit eines Einzelnen als bedrohlich für die Macht des Kollektivs erscheint.

Diese Zusammenhänge hat Friedrich Nietzsche auf überaus klare und treffende Weise analysiert. Am Beispiel der Ideologie des Christentums und anderer dogmatischer Erstarrungen – wissenschaftlicher, ästhetischer oder politischer Art –, deutet Nietzsche die psychische Not von Menschen, die sich als zutiefst ohnmächtig erleben, als deren Motiv, für eine vorhandene „Lehre“ Partei zu ergreifen oder eine solche zu begründen.

Vom Standpunkt der Verfechter eines verbindlichen Dogmas werden alle Abweichler als Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung erlebt. Freie Individuen, die als wirklich starke, unabhängige Menschen auftreten – und nur diese Haltung selbstgenügsamer Autonomie des Einzelnen ist eigentlich mit Nietzsches so missbrauchtem Begriff vom „Übermenschen“ gemeint –, gilt es, als „feindlich“ zu bekämpfen, um das Kollektiv vor ihnen zu schützen.

Gleichzeitig verleiht die Zugehörigkeit zur vermeintlichen „Wahrheit“ der jeweiligen Ideologie den Ohnmächtigen Bedeutung und wertet sie auf.

Wie die Uniform gleicher Kleidung Angehörige eines Berufsstandes verbindet und erkennbare äußere Identität stiftet, verleiht die Doktrin einer Partei, die Überlieferung einer Religion, die Lehre eines Führers oder die Theorie einer Wissenschaft dem Denken eine Uniformität, auf die sich all jene berufen können, die außerhalb ihrer selbst Halt suchen und der Erlösung bedürfen.

Wer sich selbstbestimmt, eigenständig und aus freiem Willen auf die Suche nach Antworten auf jene Fragen macht, die seine Existenz ihm aufgibt – wer also seiner ureigenen Sehnsucht folgt –, will davon gar nicht „erlöst“ werden, um endlich zur Ruhe zu kommen, sondern beruhigt sich in der Möglichkeit eines eigenen Weges und findet in der Sehnsucht sein Maß.

Ein freier Geist hat es nicht nötig, über andere zu herrschen oder im Besitz einer letztgültigen Wahrheit zu sein, von deren Durchsetzung sein Wert abhängt. Er genügt sich selbst in seinem aufrichtigen Interesse an einer möglichen Wahrheit, der er sich immer nur nähern kann: in seiner Sehnsucht, seinem Philosophieren und seinem Glauben an den unbedingten Sinn seiner Existenz.

Gegen viele der früher verbreiteten politischen oder religiösen Ideologien hat sich im Laufe der Zeit und einer Geschichte fortgesetzter Gräueltaten, die daraus hervorgegangen sind, zunehmend Widerstand gebildet, der zum Zerfall solcher Systeme beigetragen hat. Doch ebenso kommt es in orientierungslosen Krisenzeiten zu einem gefährlichen Wiedererstarken längst überwunden geglaubter Fundamentalismen – so wie sich unter widrigen Lebensumständen auch alte todbringende Seuchen wie Pest oder Cholera erneut ausbreiten können.

Mit viel weitreichenderen Konsequenzen ist die menschliche Freiheit heutzutage allerdings durch „verdeckt“ auftretende Ideologien bedroht: Ideologien, die sich im Gewand liberaler Offenheit und Neutralität präsentieren und nichts anderes beabsichtigen – jedenfalls unbewusst –, als gewaltsam die Herrschaft ihres Systems zu etablieren.

Anders als im Fall politischer oder religiöser Ideologien läuft dieser Prozess allerdings weniger direkt ab, nicht durch moralischen Druck und die Verbreitung von Angst und Schrecken, nicht durch Androhung oder Ausübung realer physischer Gewalt, die Abtrünnige ausgrenzt, bestraft oder vernichtet, sondern subtil und manipulativ – durch falsche Hoffnungen (zum Beispiel, dass Besitz einen frei und glücklich mache) und Behauptungen über das Leben, die tatsächlich nur die Wahrheit des Subjektiven und die Bedeutung des konkreten einzelnen Menschen verleugnen.

Die Ideologie des „Liberalismus“

Der Liberalismus als Ideologie, insbesondere einer sogenannten freien Marktwirtschaft, in der jeder Einzelne (jede Gruppierung, jedes Land …) alle Möglichkeiten habe, sich zu entfalten, bedeutet in Wahrheit die Herrschaft des Reichtums über die Armut, des Stärkeren über den Schwächeren, bei der bereits die ungerechte Ausgangslage zur Quelle anhaltender Ungerechtigkeit wird. Mögen theoretisch alle Chancen haben, sich „durchzusetzen“ oder zu „gewinnen“, treten tatsächlich Vermögende gegen Unvermögende an, Trainierte gegen Ungeübte, Läufer gegen Versehrte.

Eine profitorientierte Leistungsgesellschaft, die uns Konsum als Wert verkauft, erzeugt Angst und Abhängigkeit auf allen Seiten. Die Besitzenden fürchten um den Verlust ihrer Macht, die Konsumenten um ihre drohende Armut, in der sie nicht länger am Besitz der Anderen teilhaben können. Herren und Sklaven brauchen einander.

Die kapitalistische Weltordnung wird an ihrer eigenen Gier scheitern, wenn diese global grassierende Krankheit nicht von einer neuen Ethik des Lebendigen und der Verantwortung eingedämmt und überwunden werden kann. Und ganz Ähnliches gilt auch für den globalen, sinnentleerten Informationskapitalismus, der sich als Freiheit geriert und für sozial erklärt.

Tatsächlich verstrickt er sich jedoch immer tiefer in eine globale Abhängigkeit von Netzwerken, die eine noch effizientere Ausbeutung menschlicher Ressourcen ermöglichen sollen. Wobei die vorgeblich „objektiv“ und „neutral“ und „zweckfrei“ forschende Naturwissenschaft und Technik diesem sich so fortschrittlich und effizient, „freiheitlich“ und gönnerhaft gebärdenden Wirtschaftsliberalismus in Wahrheit erst die Logik, das Regelwerk und die „Baupläne“ geliefert haben: für jenen mechanistisch-materialistischen Fortschrittswahn, der die Welt an den Rand der Katastrophe und der Selbstauslöschung geführt hat.

Das entscheidende Kriterium, das eine Ideologie von einer persönlichen Glaubensgewissheit unterscheidet, ist die Behauptung eines „objektiv“ verbindlichen „Garanten“ außerhalb der menschlichen Individualität, der angeblich die Gültigkeit dieser bestimmten Theorie gewährleistet. Doch nur ein persönlicher Glaube kann überhaupt einen Anspruch auf Wahrheit erheben, nämlich einen für sich gültigen, indem dieser den subjektiven Zugang jedes Einzelnen anerkennt.

Dabei ist bereits die Behauptung von Objektivität ideologisch. Es spielt keine Rolle, auf welche Art von „Wahrheitsbeweis“ sich dabei berufen wird: ob es sich um eine offenbarte Schrift oder um einen auserwählten Propheten handelt, um eine logische Schlussfolgerung (wie bei den „Gottesbeweisen“), eine wissenschaftliche Methode oder einen angeblich unaufhaltsamen technischen Fortschritt; ob die Überlegenheit einer Rasse als bewiesen gilt, der Pragmatismus bloßen Funktionierens sich durchsetzt oder der Nihilismus postmoderner Beliebigkeit in einem vermeintlich postideologischen Zeitalter.

Die Angst vor dem Nichts und die Sucht nach Erlösung

Hinter all solchen „objektiven“ Macht- und Wahrheitsansprüchen lauert tief im Unbewussten des Einzelnen die gleiche Angst vor dem Nichts, vor der Auslöschung und dem endgültigen Verschwinden, vor einer Ungewissheit, die nicht mehr auszuhalten ist, vor der völligen Bedeutungslosigkeit und Nichtexistenz als diese konkrete einzelne Person, die für sich genommen nicht zählt, doch als Teil einer „absoluten“ letztgültigen Wahrheit, endlich Wert und Bedeutung erhält.

In einer lieblosen, emotional ausbeutenden und unterdrückenden Umgebung kommt sich der Einzelne früh schon abhanden und kann kein Bewusstsein seiner selbst und seiner schöpferischen Freiheit entwickeln. Vielmehr hat er dem Erhalt des jeweiligen Systems zu dienen, in dem er existiert, und erhält seine Existenzberechtigung aus den Ansprüchen und dem Urteil der anderen.

Würde und Respekt müssen sich erst „verdient“ und der eigene Wert als „Leistung“ unter Beweis gestellt werden.

Das Gleiche geschieht auch zwischen Eltern und Kindern, wenn die Eltern Zuneigung oder Belohnung für Wohlverhalten und Erfolg gewähren und andernfalls Liebesentzug droht; ebenso in Paarbeziehungen, wenn einer vom anderen Anpassung verlangt und ihm dafür Nähe verspricht; oder wenn Loyalität gegenüber einer Partei oder Firma mit Aufstieg und Anerkennung honoriert wird. Der Einzelne lässt sich im übertragenen wie wörtlichen Sinn „kaufen“ und gibt seine innere Freiheit und Selbstbestimmung an eine äußere Macht beziehungsweise eine andere Person ab, die über seinen Wert entscheidet, ohne dass er sich der eigenen Entfremdung dabei bewusst wäre.

Der unterworfene Mensch meint sogar noch, aus freiem Willen zu handeln und sich von sich aus zum jeweiligen System beziehungsweise zu einer bestimmten Person zu bekennen. „Identifikation mit dem Aggressor“ nennt das die Psychoanalyse – und auch ein solches Verhalten resultiert ursprünglich aus der frühkindlichen Angst, bei Ungehorsam verlassen oder gar vernichtet zu werden.

In diesem inneren Konflikt zwischen einer ungestillten Sehnsucht nach Geborgenheit, die bei einem sicher gebundenen Urvertrauen als Lebensenergie im eigenen Selbstwertgefühl beheimatet wäre, und dem Drama einer entsetzlichen Hilflosigkeit, deren Angst den Einzelnen zu vernichten droht, wurzelt schließlich die Gewalt als Sucht nach Erlösung von dieser Ohnmacht.

Jeder einzelne Mensch jedoch, der die Freiheit des Selbstseins für sich entdeckt hat und in der bewussten Sehnsucht nach Verbundenheit sein Maß findet, wird diese Freiheit auch jedem anderen Menschen in seiner Umgebung zuerkennen und auf seine besondere Weise weitervermitteln wollen – nicht als Ideologie oder Mission in höherem Auftrag, sondern durch seine schöpferische Mitgestaltung der Welt.

Diese erlebt er so sehr als Raum und Bühne seiner eigenen Potentiale, dass er nichts lieber wünscht, als von ebenso schöpferisch tätigen Einzelnen umgeben zu sein, die einander durch ihre Freiheit inspirieren – jeder Mensch ein Lebenskünstler, der in liebevoller Verbundenheit mit sich und anderen Menschen existiert und in seiner ureigenen Sehnsucht Maß und Lebenssinn findet.

 

 

 

Quelle: Rubikon